Herman van Veen singt und sagt

 Nachdenklich, witzig, poetisch und hochmusikalisch: Herman van Veen brachte „Neue Saiten“ in die Siegerlandhalle. An seiner Seite: Percussionistin Wieke Garcia und Bassist Kees Dijkstra sowie (hier nicht im Bild) die Geigerin Jannemien Cnossen. Foto: ciu
  • Nachdenklich, witzig, poetisch und hochmusikalisch: Herman van Veen brachte „Neue Saiten“ in die Siegerlandhalle. An seiner Seite: Percussionistin Wieke Garcia und Bassist Kees Dijkstra sowie (hier nicht im Bild) die Geigerin Jannemien Cnossen. Foto: ciu
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ciu - „Meine Tante …“, sagt er und beginnt damit eine kleine, pointierte Geschichte über eine Frau, die mit Geschick und ihrer eigenen Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit ihr Leben gemeistert hat. „Mein Vater …“, sagt er und zeichnet das Bild eines Mannes, der wunderbar aus der Reihe tanzen konnte und sich dabei völlig ernst nahm. „Meine Mutter …“, sagt er und erinnert an diese gemütliche, pragmatisch-patente Frau, die auf die Frage, was wohl nach dem Tod komme, antwortete: „Die Rechnungen.“ Sein Leben blättert er mit solchen Szenen auf, schaut zurück und auch nach vorn, gibt sich melancholisch und selbstironisch, stellt sich in die Reihe derer, die vorangingen und noch folgen, macht nicht unbedingt viele Worte und sagt doch so viel.

Am Freitagabend war Herman van Veen in der Stadt und bescherte sein Publikum im großen Saal der Siegerlandhalle mit neue(re)n Liedern und auch mit Songs, die er wie gute alte Bekannte kurz grüßen ließ: „Hey, kleiner Fratz“ spielte er an oder Alfred J. Kwaks „Warum bin ich so fröhlich“. Doch was der Künstler aus den Niederlanden mit seinem Programm „Neue Saiten“ vor allem unternahm, war: einfach richtig gut musizieren – und zwar im Ensemble mit Gitarristin Edith Leerkes, Geigerin Jannemien Cnossen, Perkussionistin Wieke Garcia und Bassist Kees Dijkstra. Zu fünft gaben sie sich in immer wieder anderen Formationen ansteckender Spielfreude hin, brachten etwa auch Harfe, Cajon, die große Trommel, Mundharmonika oder (van Veen) sogar den Schuhanzieher ein, boten einander eine Bühne und agierten doch stets im Kollektiv. Die drei Musikerinnen bestachen noch dazu mit einem fein gesetzten, mehrstimmigen Gesang – das war einfach schön!

In einem wellenartigen Auf und Ab wechselte der Ton, die Stimmung in diesem Konzert. Von lustig (wie die Schilderung eines Besuchs im Wartezimmer eines Arztes – wegen Verstopfung …) über liebevoll („Anne“) oder poetisch („Anders anders“) und nachdenklich („Keiner hat gesagt“) wieder zurück zu lustig. „Wie schön könnte die Oper sein, wenn es keine Sänger gäbe“ – Herman van Veen kann solche Sätze mit beispielloser Gleichmut sagen und auch beweisen: indem er die röchelnde Sopranistin, den heldenhaften Tenor, den selbstgefälligen Bariton und den aufgeregten Chor karikiert und damit auch danach fragt, wo eigentlich der Sinn in kunstvoll überhöhtem Musiktheater liegt. Er zeigt einen Humor, der manchmal nur einen kurzen Moment aufblitzt (soooo hoch ist das Mikro nach der Pause!), manchmal (wie beim skurrilen Moonwalk) vielleicht ein bisschen verstört, ihm und uns hilft, das Älterwerden („so gut, wie es früher war, ist es früher nie gewesen) und das, was sich (ver-)ändert, erträglich und vielleicht sogar dankbar hinzunehmen.

Das politisch Plakative ist van Veens Sache nicht. Auch wenn er, wie er vorab in einem Interview sagte, den europaweiten Drift nach rechts „besorgniserregend“ findet, möchte er versuchen, was war und ist und „was sich daraus entwickeln kann … auf eine ästhetische Art darzustellen“. Mit dem Herzschlag der Angst, mit einem Satz wie „Wir sind von ,nach dem Krieg‘, und hoffentlich bleibt das so“, mit dem Schildern seiner kindlich-erschrockenen Erkenntnis dessen, was „große Menschen also auch können“, und der darauf folgenden Liebeserklärung an die Heimat, an „Mijn vlakke land“ (Jacques Brel).

„Mein Freund …“, sagt van Veen und widmet eine Strecke im Programm seinem 2014 verstorbenen Weggefährten Erik van der Wurff. „Erzähl, ich sei auf einer Reise“, habe der ihn gebeten. Das tut er und singt „Mein Freund und ich“ – und lässt (sich) Zeit fürs Nachsinnen, Nachhallen. Ein besonderer Zauber bleibt zum Schluss, als van Veen den Saal durch den Mittelgang schon verlassen hat und doch noch einmal auf die Bühne kommt – mit der zärtlichen Cohen-Romanze: „Susanne“.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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