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Siegener Urteil gegen Ernst-August König
Historischer Prozess gegen Berleburger SS-Wachmann

Reste der damaligen Baracken zeugen vom einstigen „Zigeunerlager“, Hinterbliebene haben an einem Gedenkstein Blumen abgelegt.
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  • Reste der damaligen Baracken zeugen vom einstigen „Zigeunerlager“, Hinterbliebene haben an einem Gedenkstein Blumen abgelegt.
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bjö  Auschwitz/Siegen. Die Besucherschlangen am Eingang des Stammlagers von Auschwitz sind in diesen Ferientagen besonders lang. Wer das Warten vor dem einstigen Konzentrationslager, jetzt Museum, damit verbringt, sich der historischen Ausstellung auf dem Vorplatz zu widmen, stößt auf eine Wand mit großformatigen Bildern vom Siegener Prozess gegen den damals in Bad Berleburg lebenden Ernst-August König. Er wurde nach 177 Verhandlungstagen am 24. Januar 1991 am Siegener Landgericht wegen dreifachen Mordes im damaligen „Zigeunerlager“ von Auschwitz zu lebenslanger Haft verurteilt.

bjö  Auschwitz/Siegen. Die Besucherschlangen am Eingang des Stammlagers von Auschwitz sind in diesen Ferientagen besonders lang. Wer das Warten vor dem einstigen Konzentrationslager, jetzt Museum, damit verbringt, sich der historischen Ausstellung auf dem Vorplatz zu widmen, stößt auf eine Wand mit großformatigen Bildern vom Siegener Prozess gegen den damals in Bad Berleburg lebenden Ernst-August König. Er wurde nach 177 Verhandlungstagen am 24. Januar 1991 am Siegener Landgericht wegen dreifachen Mordes im damaligen „Zigeunerlager“ von Auschwitz zu lebenslanger Haft verurteilt.

Bedeutsamkeit der juristischen Aufarbeitung in Siegen

Unter der Überschrift „Clemency for the murderers“ – übersetzt „Gnade für die Mörder“ – bringt der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma darin die Bedeutsamkeit der juristischen Aufarbeitung in Siegen zum Ausdruck: „Der Prozess gegen den SS-Wachmann Ernst-August König, der im sogenannten Zigeunerlager des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau gedient hatte, war das erste Mal, dass der Völkermord an Sinti und Roma Gegenstand eines gesonderten Verfahrens war.“

Anklage am 1. Juli 1986

Der oben genannte Zentralrat mit Sitz in Heidelberg war es auch, der 1985 gegen den 1919 geborenen König Strafanzeige gestellt hatte und damit ebenso neue wie intensive Untersuchungen der historischen Zusammenhänge auslöste. Die Staatsanwaltschaft Köln als zuständige Zentralstelle nahm die Ermittlungen gegen König auf und erhob am 1. Juli 1986 gegen ihn Anklage bei der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Siegen.

Einziger verurteilter Mörder

Was die Gräueltaten im sogenannten „Zigeunerlager“ von Auschwitz betraf, nennt die Ausstellung Ernst-August König als „einzigen Täter, der als Mörder verurteilt“ worden sei. „In allen anderen Fällen wurden die Ermittlungen entweder nicht oder nur unzureichend fortgesetzt. Schließlich wurden die Prozesse mit diskriminierenden Begründungen abgebrochen“, erfahren Museumsbesucher in der aktuellen Ausstellung. Sie findet in Auschwitz aus „aktuellem“ historischem Anlass statt, nämlich zum „European Roma Holocaust Memorial Day“: Am 2. August 1944, also vor 75 Jahren, liquidierten die Nazis das „Zigeunerlager“ in Auschwitz-Birkenau in einer nächtlichen Aktion: Mit Flammenwerfern trieb die SS die noch im Lager verbliebenen 4300 Roma und Sinti aus ihren Baracken, um sie in den Gaskammern zu ermorden.

Gedenkfeier in Birkenau

Genau an die Geschehnisse jener Nacht erinnerte sich während einer Gedenkfeier in Birkenau am Mahnmal des damaligen „Zigeunerlagers“ vergangene Woche die Auschwitz-Überlebende Éva Fahidi-Pusztai mit bewegenden Worten. Die Insassen hätten sich verzweifelt zur Wehr gesetzt: „Sie widerstanden – mit Steinen, Stöcken und Gegenständen, die ihnen in die Hände fielen.“ Doch der Widerstand blieb zwecklos.

Was die heute 94-Jährige den Tätern dieser Nacht wünsche? „Dass sie nichts im Leben hören sollen als die schrecklichen Töne dieser Nacht. Die ewige Verzweiflung soll sie nie verlassen.“

Der Prozess

Der vom Siegener Landgericht wegen mehrerer „Exzess-Taten“ an Häftlingen verurteilte Ernst-August König weilte in jener Nacht nachweislich nicht in Auschwitz; zu diesem Zeitpunkt arbeitete er im KZ Jaworzno, einem Außenlager von Auschwitz, wo er einen ersten Selbstmordversuch verübt haben soll.

Im Siegener NS-Prozess stand später mit Pery Broad ein Entlastungszeuge für König im Siegener Zeugenstand, der im KZ Auschwitz der „Politischen Abteilung“ angehörte, die für die Organisation der Massenvernichtungsaktionen im Lager zuständig war. Nach Zeugenaussagen, so erinnert sich der damalige Anwalt der Nebenkläger, Arnold Roßberg aus Weiterstadt, war Broad „auch maßgeblich an der endgültigen Vernichtung der Häftlinge dieses Lagerabschnitts“ in der Nacht vom 2. August 1944 beteiligt. Den in Siegen seine Zeugenaussage verweigernde Broad konfrontierte die Staatsanwaltschaft Frankfurt anschließend mit einer Strafanzeige des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma im Jahr 1987. Zu einer Anklageerhebung in dieser Sache kam es nicht mehr – Broad starb im Jahr 1993.

530 Seiten Urteil

Das 530-seitige Urteil, das das Siegener Landgericht gegen Ernst-August König gefällt hat, ist unvergesslicher Teil der beruflichen Biografie von Wolfgang Münker, dem ehemaligen Vorsitzenden Richter am Landgericht Siegen, der damals mit auf der Richterbank saß, und von Klemens Mehrer, dem ehemaligen Oberstaatsanwalt aus Siegen. Das Urteil wurde allerdings nie rechtskräftig, weil König Revision einlegte und sich am 18. September 1991 im Gefängnis in Bochum erhängte.

Wolfgang Münker, mittlerweile pensioniert, erinnert sich: „König wirkte damals schon wie ein alter Mann, war sehr weinerlich und schwer einzuordnen in der Frage, ob sein Verhalten echt war oder gespielt.“ 1986, also noch vor Prozessbeginn, habe König in Untersuchungshaft gesessen. Die habe das Gericht außer Vollzug gesetzt in der Hoffnung, dass so die Verhandlungsfähigkeit des Angeklagten besser gegeben sei; die Fluchtgefahr schätzte das Gericht als nicht besonders hoch ein.

Viele Prozess-Reisen

Die ausgiebige Beweisaufnahme wie die Befragung von 160 Zeugen veranlassten die Richter und Staatsanwälte zu zahlreichen Reisen – nicht nur in zwei Dutzend deutsche Städte, sondern auch nach Toronto, Boston, Melbourne und Paris. Auch im einstigen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau machten sich die Juristen ein Bild vom Ort des Verbrechens – „vor allem, um ein Gefühl für die Dimension der Örtlichkeit zu bekommen“, erklärt Wolfgang Münker; aber auch, um das Beweismittel der Ortsbesichtigung zu nutzen.

Spuren gab es 1987 in Birkenau freilich nicht mehr zu sichern. „Ich habe in diesen Jahren sehr viele Dinge erfahren, die mir bis dato noch nicht einmal im Ansatz bekannt waren“, resümiert Wolfgang Münker die Prozess-Zeit. „In der Schule hatte ich wenig über die NS-Zeit gehört“, erinnert er sich – 1968 machte er sein Abitur in Weidenau. Die Lehrer hätten zu dieser Zeit nicht gern darüber reden wollen.

„Historische Lehrstunde“

Der im Siegener NS-Prozess Vorsitzende Richter Dirk Batz aus Freudenberg ist vor drei Jahren gestorben. Seine Tochter Katharina Batz, selbst Anwältin in Kreuztal, erinnert sich, dass ihren Vater die „hautnahe Aufarbeitung“ der Verbrechen damals sehr mitgenommen habe. Sie beschreibt ihn als einen „extrem ordentlichen, sehr gut ausermittelnden Richter, der viel Wert darauf gelegt hat, dass Opfer wie Angeklagte ihr Recht bekommen“.

Oberstaatsanwalt Klemens Mehrer, ebenfalls im Ruhestand, resümiert den über dreijährigen Prozess für sich als „historische Lehrstunde“. Dass das Urteil angesichts des Selbstmords nie rechtskräftig wurde, schmälert für ihn nicht die Bedeutsamkeit des Prozesses: „Für mich war der Prozess wichtiger als die Strafe und deren Verbüßung. Es war wichtiger, die Opfer zu sehen. Mit diesem Prozess ist das Leid der sogenannten Zigeuner erstmals wirklich ernst genommen worden.“

Autor:

Björn Hadem aus Siegen

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