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Existenzsorgen werden immer größer
Hoffen auf den 1. Februar

Claudia Brandt plagen Existenzängste. Sie hofft, dass sie ab Februar ihren Friseursalon wieder öffnen darf.
  • Claudia Brandt plagen Existenzängste. Sie hofft, dass sie ab Februar ihren Friseursalon wieder öffnen darf.
  • Foto: Sarah Benscheidt
  • hochgeladen von Marc Thomas

sabe Bürbach. Es gibt sie noch, die Friseurgespräche. Nur falschherum. Und sie haben viel von ihrer Unbeschwertheit verloren. Obwohl die Frau mit dem freundlichen Blick, der offen über die enge FFP2-Maske lugt, viel davon besitzt. Friseurmeisterin Claudia Brandt ist im Herzen Karnevalistin, wie sie im Laufe des Gesprächs erzählen wird. Wenn sonst, zu anderen Zeiten, die fünfte Jahreszeit eingeleitet wird, dann seien manche Kunden im Karnevalskostüm zum Haareschneiden gekommen.

Sie liebt Gesellschaft, Menschen, Gespräche. Heute sitzt sie auf dem Stuhl, auf denen eigentlich seit über 14 Jahren ihre treuen Kunden Platz nehmen.

sabe Bürbach. Es gibt sie noch, die Friseurgespräche. Nur falschherum. Und sie haben viel von ihrer Unbeschwertheit verloren. Obwohl die Frau mit dem freundlichen Blick, der offen über die enge FFP2-Maske lugt, viel davon besitzt. Friseurmeisterin Claudia Brandt ist im Herzen Karnevalistin, wie sie im Laufe des Gesprächs erzählen wird. Wenn sonst, zu anderen Zeiten, die fünfte Jahreszeit eingeleitet wird, dann seien manche Kunden im Karnevalskostüm zum Haareschneiden gekommen.

Sie liebt Gesellschaft, Menschen, Gespräche. Heute sitzt sie auf dem Stuhl, auf denen eigentlich seit über 14 Jahren ihre treuen Kunden Platz nehmen. Wenn sie anfängt, von denen zu erzählen, die es sich sonst, zur Nicht-Corona-Zeit, in dem kleinen, feinen Friseursalon in Bürbach gut gehen lassen – wenn sie an die denkt, die jetzt, verlängerter Lockdown, anrufen um zu fragen: „Claudi, wie kann ich helfen?“, dann werden ihre Augen feucht und die Leere der Frisierstühle macht den Raum ganz eng. Emotionen, Engpässe, Existenzängste – Situationen, die sich exemplarisch auf eine ganze Branche und weit darüber hinaus legen lassen.

Zwölf-Stunden-Schichten waren keine Seltenheit

Seit Wochen, Monaten hat Claudia Brandt fast keine Einnahmen. Der Verkauf von Gutscheinen und Haarpflegeprodukten ist momentan die einzige finanzielle Quelle. „Aber wer will denn allein von Gutscheinen überleben? Und die wollen ja irgendwann auch wieder abgearbeitet werden…“ Ausnahmen gab es, als die Lockerungen kamen. Zwölf-Stunden-Schichten waren während dieser Zeit für die 57-jährige Selbstständige keine Seltenheit. Aber etwas, das sie für ihren Traumberuf gerne auf ihre schmalen Schultern nimmt. „Ich habe mir das doch jahrelang aufgebaut. Davon lebe ich. Das liebe ich. Mein Beruf pinselt die Seele eines Menschen“, sagt sie.

Während der kurzzeitigen Wiedereröffnung also das Kontrastprogramm zur Terminkalenderleere, das besonders viel Pinselschwung verlangte. Abstrakte Kunst wollte wieder in Form gebracht werden. Die Selbstversuche einiger Kunden sollten gerettet, die verschnittenen Köpfe ausgebessert werden. Eine Zeit voller Mehr-Stunden-Schichten, die dann – wartend vor der heimischen Waschmaschine – weitergingen. „Ich habe alle Umhänge mit höchst desinfizierendem Waschpulver gewaschen. So eins, dass auch im Krankenhaus genutzt wird. Die Sicherheit meiner Kunden war mir während der gesamten Zeit das höchste Gebot.“ Ja, sagt sie, sie hätte Einmalumhänge kaufen können. „Aber wohin mit dem ganzen Müll? Dann lieber der Mehraufwand.“

Corona-Finanzhilfe schon wieder zurückgezahlt

Jetzt, wieder harter Lockdown – nun ist es kein Müll, sondern sind es die Sorgen, die beginnen sich zu stapeln. Im Kopf und auf dem Konto. Je länger die Ungewissheit, je rasanter deren Wachstum. „Ich schlafe mit den Gedanken, wie es weitergeht, abends ein und wache morgens damit wieder auf.“ Die Corona-Finanzhilfe nach der ersten Schließung in Höhe von 9000 Euro hat Brandt bereits wieder zurückgezahlt. Dieses Jahr hätte sie Steuern draufzahlen müssen, sagt sie. „Ich habe Geld zur Verfügung bekommen, das dann wieder weggenommen wird, schlechtestenfalls noch mit Zinsen obendrauf.“ Ob sie sich vom Staat gestützt fühle? „Nein“, sagt sie. Die bisherigen Maßnahmen mit Blick auf die Konditionen hätten verfehlt, was gerade so wichtig sei: Hilfe. Die bekomme sie aber von ihren Kunden, sagt sie, während der Blick wieder heller, die Haltung wieder gerader wird. „Manche kaufen Gutscheine, um sie dann extra nicht einzulösen.“

So steht das hoffende Ziel, das sie den Kunden mit zuversichtlicher Stimme durchs Telefon weiterreicht, die auch heute wieder ihr Glück versuchen und nach einem Termin fragen. Trotz bekannter Schließung. „Wir hoffen auf den 1. Februar.“ Das sagt Claudia Brandt auch dem Mann, der sie, draußen im Vorübergehen, fragt: „Kannste‘ mir nicht mal eben Haare schneiden?“ Claudia Brandt antwortet, ihrer Art entsprechend, ruhig, gewissenhaft, freundlich. Sagt den Satz, den sie wohl nicht das erste – und auch nicht das letzte – Mal über die Lippen bringen wird. „Gerne, sobald ich wieder darf.“ Eine Viertelstunde später läuft das Ordnungsamt vorbei. Lugt in den Laden. Claudia Brandt bleibt völlig entspannt. „Niemals würde ich meine Existenz für zehn Euro unter der Hand aufs Spiel setzen.“

Autor:

Sarah Benscheidt (Redakteurin) aus Siegen

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