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Experten der Uni Siegen im SZ-Gespräch
Home-Office ist ein Modell mit großer Zukunft

Home-Office-Arbeit ist heute zwar viel verbreiteter als vor der Corona-Pandemie, doch sie kämpft noch mit vielen Vorbehalten. 30 Prozent der Arbeitnehmer nehmen Home-Office wahr, 60 könnten es sein.
  • Home-Office-Arbeit ist heute zwar viel verbreiteter als vor der Corona-Pandemie, doch sie kämpft noch mit vielen Vorbehalten. 30 Prozent der Arbeitnehmer nehmen Home-Office wahr, 60 könnten es sein.
  • Foto: Pixabay (Symbolbild)
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

sabe Siegen. Immer noch sind es nur lasche 30 Prozent der Beschäftigten, die in Deutschland teilweise oder vollständig im Home-Office arbeiten. Eine unbefriedigende Antwort auf die Aufforderung der Regierung, die den Arbeitgebern Anfang des Jahres per Verordnung „vorgeschlagen“ hatte, ihren Mitarbeitern Heimarbeit zu ermöglichen, „wenn dem keine zwingend betriebsbedingten Gründe entgegenstehen“.
Die moderne Heimarbeit hat sich etabliert
Unbefriedigend vor allem, wenn man Studien wie der von der DAK glaubt, die errechnet haben, dass mindestens das Doppelte, also ganze 60 Prozent, möglich wären.

sabe Siegen. Immer noch sind es nur lasche 30 Prozent der Beschäftigten, die in Deutschland teilweise oder vollständig im Home-Office arbeiten. Eine unbefriedigende Antwort auf die Aufforderung der Regierung, die den Arbeitgebern Anfang des Jahres per Verordnung „vorgeschlagen“ hatte, ihren Mitarbeitern Heimarbeit zu ermöglichen, „wenn dem keine zwingend betriebsbedingten Gründe entgegenstehen“.

Die moderne Heimarbeit hat sich etabliert

Unbefriedigend vor allem, wenn man Studien wie der von der DAK glaubt, die errechnet haben, dass mindestens das Doppelte, also ganze 60 Prozent, möglich wären. Die SZ hat mit Michael Ahmadi und Sebastian Taugerbeck, Sozioinformatiker an der Uni Siegen, darüber gesprochen, warum Politik und Wirtschaft sich so schwer mit Home-Office tun, welchen Beitrag das Arbeiten von Zuhause beim Senken der Inzidenzen leistet, und warum es nach der Pandemie keinen Schritt mehr zurück zur reinen Präsenzkultur geben wird.

Home-Office relevant im Kampf gegen Corona-Pandemie

Herr Ahmadi, wie relevant ist Home-Office im Kampf gegen die Pandemie?

  • Michael Ahmadi: Hochgradig relevant. Die Unternehmen, die Home-Office anbieten könnten und es nicht machen, sind im Prinzip unsolidarisch. Die Aerosolforscher machen ja kein Geheimnis daraus, dass die meisten Infektionen in Innenräumen, unter anderem am Arbeitsplatz, passieren.

Würde eine Home-Office-Pflicht helfen?

  • Sebastian Taugerbeck: Ich würde sagen, ja. Wenn die Möglichkeit besteht, die Beschäftigten ins Home-Office zu schicken, dann sehe ich den Arbeitgeber auch in der Pflicht, sich entsprechende Konzepte zu überlegen um die psychische wie körperliche Gesundheit der Mitarbeiter zu garantieren. Wenn jemand Angst vor dem Virus hat, weil er zu einer Risikogruppe gehört, darf man ihm nicht zumuten, sich mit einer überfüllten Bahn auf den Arbeitsweg zu machen.
  • Ahmadi: Wer glaubt, man müsse die Mitarbeiter ins Büro zitieren, um sie so besser kontrollieren zu können, trägt seinen Teil dazu bei, dass der Friseur oder der Gastronom noch später öffnen kann. Ich kann verstehen, dass Unternehmen mit dem rapiden Umschwung erst einmal überfordert waren oder sind. Home-Office ist aber erstmal ein Mentalitätsthema und dann eine Frage von Organisation, Technik oder Infrastruktur.

Stark verankerte Präsenzkultur in Deutschland

Also haben wir ein Mentalitätsproblem?

  • Ahmadi: Gewissermaßen schon. Gerade in konservativen Unternehmen, in Verwaltungen und im öffentlichen Dienst haben wir in Deutschland noch eine sehr stark verankerte Präsenzkultur. Wer im Büro ist, ist sichtbar und damit, so die antiquierte Theorie, auch produktiv. Die Krux an der ganzen Geschichte ist aber, dass Sichtbarkeit nicht automatisch die Produktivität spiegelt.
  • Taugerbeck: Veraltete Führungsstrukturen spielen da eine große Rolle. Viele Chefs wollen die Leute greifbar haben. Es ist Gewohnheit, für jedes Anliegen mal eben schnell ins Büro spazieren zu können, das ist internalisiert. Ich bin der Meinung, man kann alle diese Themen auch Remote abbilden. Dass ich im Home-Office nicht genau oder sogar produktiver sein kann als im Büro, ist ein Stigma der Präsenzkultur. Da muss ein Umdenken stattfinden, man muss die Möglichkeiten sehen.

Auch im Home-Office gibt es Grenzen der Produktivität

An welche Möglichkeiten denken Sie?

  • Taugerbeck: Das Home-Office kann ein absoluter Zugewinn sein, was konzentriertes Arbeiten angeht. Denken Sie an die gängige Mikrokommunikation im Büro, von der ich eben sprach. Wenn das wegfällt, bleibt mehr effiziente Arbeitszeit. Man schafft mehr weg. 

Es gibt auch Menschen, die im Home-Office mehr arbeiten. Gerade jetzt während der Krise, wo ohnehin alle Freizeitaktivitäten wegfallen.

  • Taugerbeck: Ja. Da brauchen wir Regeln. Es gibt Grenzen der Produktivität. Jeder braucht seine regulären Pausen und Auszeiten. Das Home-Office ist kein Freifahrtschein für Anrufe nach Feierabend. Da gibt es Konzepte und Möglichkeiten, in die sich Arbeitnehmer wie Arbeitgeber einfinden müssen. Das ist ein Prozess. Es gibt zum Beispiel Modelle, in denen man sich als Arbeitnehmer im Home-Office ganz einfach ein- und auschecken kann. Das hat natürlich auch etwas mit einem Vertrauenszuschuss zu tun.
  • Ahmadi: Es geht aber auch generell darum, darüber nachzudenken, wie wir in Zukunft arbeiten wollen. Weg vom Überbrückungsmodus der Krise, vom Status des Sonderfalls, hin zu nachhaltigen Konzepten zu denken. Die Pandemie hat die Arbeitswelt zwar verändert, allerdings eine Entwicklung angeschoben, die es meiner Meinung nach ohnehin gegeben hätte. Das wurde nur beschleunigt.

Home-Office auch als Instrument gegen den Fachkräftemangel

Das Home-Office wird also bleiben?

  • Ahmadi: Ja. Da gibt es keinen Weg mehr zurück.
  • Taugerbeck: Man muss für die Zukunft lernen, es gibt keinen Status quo, zu dem wir da zurückkehren würden. Der Arbeitsmarkt ist im Umbruch, die Arbeitnehmer werden ihre Entscheidung für oder gegen ein Jobangebot auch danach ausrichten, wie ihre Home-Office-Optionen aussehen.
  • Ahmadi: Und das ist nicht nur eine Chance für Arbeitnehmer. Der Pool an Talenten für Unternehmen wird so ja plötzlich viel größer. Gerade im Siegerländer Raum herrscht beispielsweise ein großer Fachkräftemangel in Technik- und IT-Bereichen. Jobs, die wunderbar via Home-Office funktionieren. Und plötzlich kann man als Siegener Unternehmen jemanden aus Köln oder München einstellen.
Autor:

Sarah Benscheidt (Redakteurin) aus Siegen

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