„Ich kann nicht mehr arbeiten“

 Im Juni verursachte ein 19-Jähriger in Berghausen einen schweren Verkehrsunfall, bei dem der Geschädigte schwer verletzt wurde. Gestern musste sich der junge Mann wegen fahrlässiger Körperverletzung vor Gericht verantworten. Archivfoto: Martin Völkel
  • Im Juni verursachte ein 19-Jähriger in Berghausen einen schweren Verkehrsunfall, bei dem der Geschädigte schwer verletzt wurde. Gestern musste sich der junge Mann wegen fahrlässiger Körperverletzung vor Gericht verantworten. Archivfoto: Martin Völkel
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howe - Es war ein früher Juni-Morgen, an dem in Berghausen alle die Luft anhielten. In der Ortschaft fanden die Einsatzkräfte Trümmerteile und Glassplitter, ein demoliertes Auto lag auf dem Dach, das andere hatte ebenfalls nur noch Schrottwert. Ein Schwerverletzter musste ins Krankenhaus gebracht werden. Die Sache hätte tödlich ausgehen können. Tags darauf berichtete die Siegener Zeitung von dem Unfall. Weil ein junger Mann wegen überhöhter Geschwindigkeit aus der Kurve flog und in den Gegenverkehr geriet – den Unfall also verursachte –, musste er sich gestern vor dem Bad Berleburger Amtsgericht verantworten. Dabei rückte die eigentliche Verhandlung nicht so sehr in den Vordergrund. Viel berührender war das, was das Opfer des Unfalls als Zeuge schilderte: Auf der Straße habe er gesehen, wie ihm ein Wagen mit weit überhöhter Geschwindigkeit entgegen gekommen sei, so der Geschäftsmann.

„Ich habe eine Vollbremsung eingeleitet, weil ich gesehen habe, wie das Heck des Autos ausbrach.“ Und dann habe er nur noch den Knall gehört. Alle Airbags hätten ausgelöst. Er sei dann irgendwie raus aus dem Auto und habe auf den Krankenwagen gewartet. In Bad Berleburg im Krankenhaus habe man eine Fraktur am Lendenwirbel festgestellt und nach erfolgtem Transport nach Marburg hätten dort die Ärzte gesagt, er solle sich bloß nicht mehr bewegen, sonst säße er im Rollstuhl. „Ich bin dann operiert worden und habe sechs Platten und sechs Schrauben im Rücken.“ Er habe sich aufgrund von Problemen eine zweite Meinung in einer Klinik in Bochum eingeholt.

Und dort habe man ihm offeriert, er müsse noch einmal operiert werden. „Ich darf null heben und nicht arbeiten“, sagte der Geschädigte. Für ihn sei privat und beruflich „alles auf den Kopf gestellt.“ Zu mindestens 50 Prozent sei er auf seinen Baustellen gewesen und habe dort voll gearbeitet. Inzwischen versuche er, so weit es gehe, andere Tätigkeiten in seinem Unternehmen auszuführen. „Acht Stunden auf dem Stuhl sitzen geht aber auch nicht.“ Privat sei er ebenfalls eingeschränkt. „Ich darf ja nichts heben. Ich kann nicht einmal mehr selbst einkaufen.“ Das sei auch nervlich belastend, schilderte der Zeuge. Er wisse nicht, wie es mit seinem Handwerksbetrieb jetzt weitergehe. „Da hängen meine Mitarbeiter und ihre Familien dran.“ Der 19-jährige Angeklagte entschuldigte sich gestern noch einmal „aufrichtig und mit ganzem Herzen.“ Er wisse, dass er den Unfall nicht mit Worten entschuldigen könne. Der junge Mann gab vor Gericht unumwunden zu, dass er an besagtem Morgen viel zu schnell unterwegs gewesen sei. „Ich habe die Kontrolle über das Fahrzeug verloren und bin auf die Gegenfahrbahn geraten.“ Noch im Krankenhaus habe er sich bei dem Opfer entschuldigt, später auch bei diesem zuhause. Allerdings habe der Geschädigte deutlich zu verstehen gegeben, dass er nicht weiter „gestört“ werden wolle. „Es macht jeder Fehler im Straßenverkehr“, erläuterte der Unternehmer gestern vor Gericht. „Aber mit einem neuen, modernen Fahrzeug im öffentlichen Straßenverkehr so zu fahren, dass die Systeme versagen, das entschuldige ich nicht.“

Oberamtsanwältin Judith Hippenstiel sah eine besondere Schwere der Schuld des Angeklagten. Denn hier liege kein Augenblickversagen vor. „Das hat schon eine „Hinwegsetzung-über-fremde-Interessen-Qualität.“ Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft forderte wegen fahrlässiger Körperverletzung eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je 40 Euro und ein dreimonatiges Fahrverbot. Richter Torsten Hoffmann schloss sich in seinem Urteil weitgehend an, bemaß die Tagessatzhöhe aber auf 35 Euro.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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