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Ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes spricht über Beleidigungen, Ausreden und Regeln
„Ich war doch nur kurz ...“

Frank Steiner kontrolliert seit über 20 Jahren den ruhenden Verkehr in der Stadt Siegen – und ist dabei auch so manchen Anfeindungen ausgesetzt.  Fotos: Sarah Panthel
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  • Frank Steiner kontrolliert seit über 20 Jahren den ruhenden Verkehr in der Stadt Siegen – und ist dabei auch so manchen Anfeindungen ausgesetzt. Fotos: Sarah Panthel
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sp Siegen. Die Schilder lesen, das Auto abstellen, die Parkscheibe herauslegen und auf die nächste halbe Stunde nach der Ankunft einstellen. Das ist eigentlich ganz einfach. Eigentlich. Würde sich jeder daran halten – und auch auf einem Parkplatz ein Ticket am Automaten ziehen –, dann hätten die Verkehrsüberwachungskräfte für den ruhenden Verkehr, so die offizielle Bezeichnung der umgangssprachlichen Politessen und Hilfspolizisten, viel weniger zutun.

Frank Steiner wäre froh, wenn er nur als solcher bezeichnet würde und nicht als „Abzocker“ oder „Wegelagerer“. Seit über 20 Jahren ist er beim Ordnungsamt tätig und überwacht den ruhenden Verkehr. „Mit der Zeit geht der Blick immer auch nach hinten, weil man nie weiß, was oder wer kommt.

sp Siegen. Die Schilder lesen, das Auto abstellen, die Parkscheibe herauslegen und auf die nächste halbe Stunde nach der Ankunft einstellen. Das ist eigentlich ganz einfach. Eigentlich. Würde sich jeder daran halten – und auch auf einem Parkplatz ein Ticket am Automaten ziehen –, dann hätten die Verkehrsüberwachungskräfte für den ruhenden Verkehr, so die offizielle Bezeichnung der umgangssprachlichen Politessen und Hilfspolizisten, viel weniger zutun.

Frank Steiner wäre froh, wenn er nur als solcher bezeichnet würde und nicht als „Abzocker“ oder „Wegelagerer“. Seit über 20 Jahren ist er beim Ordnungsamt tätig und überwacht den ruhenden Verkehr. „Mit der Zeit geht der Blick immer auch nach hinten, weil man nie weiß, was oder wer kommt. Man wird sensibilisiert“, sagt er zu seiner täglichen Arbeit.

Die SZ begleitet ihn und seine Kollegin Anja Ginsberg an einem regnerischen Dienstagvormittag und schnell wird deutlich, was er meint. Steiner und Ginsberg kontrollierten an der Hindenburgstraße in der Siegener Innenstadt und verteilen entsprechend der überschrittenen Zeiten oder fehlenden Parkscheiben Knöllchen.

Ihr Rundgang führt weiter zur Sandstraße. Hinter ihnen ruft ein Mann, kommt angerannt und versucht zu erklären, dass er das Auto gerade neu und deshalb noch keine Parkscheibe habe. Für die beiden Verkehrsüberwachungskräfte ist das keine Ausrede. Sie hören zu und sprechen eine Empfehlung aus, wo er sich schnell und günstig eine kaufen kann. Als der Mann hört, dass er für die begangene Ordnungswidrigkeit nur 10 Euro zahlen muss, gibt er sich zufrieden und geht.

Mitarbeiter mit vielen Sprüchen konfrontiert

Er ist nicht der Einzige, der sich gegenüber den beiden Mitarbeitern des Ordnungsamtes an diesem Vormittag äußern wird. Er suchte das Gespräch, häufiger aber werden Sprüche in Richtung der Hilfspolizisten gerufen. Ein ironisches, bitterböses „Ich freue mich!“ beim Entdecken des Knöllchens, ein „Da werden wieder Steuergelder verbraten“ beim Kontrollieren auf dem Parkplatz oder ein mitleidiges „Da hat einer Pech“ beim Fixieren des kleinen Zettels sind nur ein paar der Aussagen, mit denen die Überwachungskräfte konfrontiert werden. Sie sind schnell zu erkennen mit ihrer blauen Dienstkleidung und dem Emblem der Stadt Siegen auf dem Arm.

Die Mitarbeiter des Ordnungsamtes wissen nie, wer auf sie zukommt oder wie die Personen sich verhalten. Sie versuchen die Diskussionen möglichst schnell zu beenden und die Situation zu deeskalieren. Nicht immer gelingt das. Steiner musste schon Drohungen wie „Ich hau dir auf die Fresse!“ erleben. Ein anderes Mal war er spät abends in die Arbeit vertieft, als sich von hinten jemand anschlich und rief „Hände hoch!“ – ein Scherz über den Steiner nicht lachen konnte. Seit einigen Jahren seien sie nur noch zu zweit unterwegs, erklärt er. Von allen Ordnungswidrigkeiten werden zudem Fotos gemacht. Und strikt wird darauf geachtet, dass die Autos nicht berührt werden, auch nicht, wenn das Knöllchen am Scheibenwischer befestigt wird. Damit sollen Vorwürfe wie „Sie haben mein Auto beschädigt“ entkräftet werden. Konfrontiert sehen sich die Mitarbeiter des Ordnungsamtes auch mit Verschwörungstheorien, wie, dass sie bestimmte Automarken nicht mögen oder versteckt nur darauf lauern, um im letzten Moment ein Knöllchen zu verteilen.

Größter Teil der Arbeit: Zeit überprüfen

Der größte Teil ihrer Arbeit besteht darin, die Zeiten bzw. die Parkscheiben zu überprüfen. Die Ordnungshüter achten allerdings auch auf die Umweltplaketten und darauf, ob das angegebene Kennzeichen mit dem des Fahrzeugs übereinstimmt. Und sie kontrollieren, ob jemand auf nicht gekennzeichneten Flächen oder auf dem Bürgersteig geparkt hat.

Wer keine Parkscheibe dabei hat oder die erlaubte Zeit überschreitet, der lässt so manches Mal seiner Kreativität freien Lauf. „Dringender Arzttermin“ – die handgeschriebenen Wörter stehen auf einem Zettelstück hinter der Windschutzscheibe eines Autos an diesem Vormittag. Das können die Ordnungshüter nicht gelten lassen. Genauso wenig wie hinterlassene Telefonnummern, vollgeschriebenes Einweggeschirr vom Imbiss oder sorgfältig gemalte Parkscheiben – all das ist den Kontrolleuren schon untergekommen.

Kreativ werden auch diejenigen, die eine Ordnungswidrigkeit im ruhenden Verkehr begangen haben beim Umgang mit dem erhaltenen Knöllchen. „Es gibt Leute, die nehmen das Knöllchen und machen das an einem anderen Auto fest“, erzählt Steiner – mit Blick auf die Fotos und notierten Daten natürlich erfolglos.

Häufige Ausreden

Noch länger aber ist die Liste der Ausreden. Häufig treffen die Verkehrsüberwachungskräfte auf die Fahrzeugbesitzer, die noch schnell zu ihrem Auto eilen. „Ein paar Minuten sind nicht so dramatisch, aber manche Leute sagen, sie seien doch nur eine halbe Stunde zu spät“, berichtet Steiner. Meistens bekomme er zu hören, „Ich war doch nur kurz …“, beispielsweise Brötchen holen, oder „Ich wollte nur mal gerade“ irgendetwas erledigen.

Steiner und seine Kollegin versuchen zu erklären, dass es Regeln gibt, an die man sich einfach halten muss. „Die Leute schieben uns gerne die Schuld zu“, sagt Steiner. Es gebe immer mehr Autos und die Parkplätze seien begrenzt. Das Verhalten der Fahrer habe sich verändert, viele seien egoistisch und nur darauf bedacht, selbst einen Parkplatz zu finden und beanspruchen diesen über die erlaubte Zeit. Wie viele Minuten überschritten werden? „Das ist unterschiedlich, manchmal eine halbe, manchmal eine ganze Stunde“, sagt Steiner. Haben die Autofahrer also ein Zeitproblem? Das könne er so nicht feststellen, aber oft seien es jüngere Leute, die keine weiten Wege zurücklegen wollten und Strafzettel für falsches Parken oder überschrittene Zeiten in Kauf nähmen.

Mythen und Irrtümer im ruhenden Verkehr

Einige Mythen und Irrtümer halten sich hartnäckig, wenn es um die Regeln im ruhenden Verkehr geht. Verboten sind beispielsweise besonders stylische Parkscheiben in ausgefallenen Farben wie pink oder schwarz. Nur die blau-weiße Parkscheibe mit den halbstündigen Zeitangaben gilt. Sogar die Größe ist vorgegeben: elf Zentimeter breit und 15 Zentimeter hoch. Mittlerweile im Kommen: die elektronische Parkscheibe, aber auch die muss bestimmte Bedingungen erfüllen und die nächste volle halbe Stunde und nicht die tatsächliche Ankunftszeit anzeigen.

Und wenn auf den Schildern, die übrigens immer gut sichtbar sein müssen, werktags steht, dann schließt das den Samstag mit ein. „Hier gibt es oft Missverständnisse“, weiß Steiner. Ebenso wie bei Parkautomaten. Ist einer nicht funktionsfähig, muss ein anderer aufgesucht werden. Erst, wenn kein alternatives Gerät gefunden werden kann, darf eine Parkscheibe ausgelegt werden, allerdings auch nur mit der maximalen Dauer, die auf dem Automaten angegeben ist.

10 Euro kostet es übrigens, wenn keine Parkscheibe ausliegt oder die Zeit um bis zu 30 Minuten überzogen wurde. Ab der 31. Minuten kommen 5 Euro hinzu. Die höchste Summe, die nach dieser Staffelung bezahlt werden muss, liegt bei 35 Euro.

Autor:

Sarah Panthel (Redakteurin) aus Siegen

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