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SZ-Serie zum Jahreswechsel
IHK: Zu viele Förderungen überfordern Unternehmen

Die Industrieumsätze in den Kreisen Siegen-Wittgenstein und Olpe werden im Jahr 2020 mit insgesamt 15 Milliarden Euro rund 2 Milliarden Euro unter dem Durchschnitt der vergangenen drei Jahre liegen.
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  • Die Industrieumsätze in den Kreisen Siegen-Wittgenstein und Olpe werden im Jahr 2020 mit insgesamt 15 Milliarden Euro rund 2 Milliarden Euro unter dem Durchschnitt der vergangenen drei Jahre liegen.
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  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

ch Siegen/Olpe. Das Virus verpasste den heimischen Betrieben in diesem Jahr Schlag um Schlag, nein, schlimmer: Tiefschläge. Die Corona-Pandemie hat die Wirtschaft arg gebeutelt und die Konjunktur auf Talfahrt geschickt. Aber das wirft die Unternehmen in den beiden Kreisen Siegen-Wittgenstein und Olpe  nicht um; und es gibt sogar einige, die mit Hoffnung und guten Zahlen durch die Krise kommen bzw. aus ihr optimistisch ins neue Jahr starten. Sagt zumindest Klaus Gräbener, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Siegen.
Herr Gräbener, welche einschneidenden Erkenntnisse nehmen Sie aus den vergangenen Monaten der Pandemie mit?
Die allermeisten von uns hatten sich an zunehmenden Wohlstand gewöhnt; über Jahre hinweg ging es fast ausnahmslos aufwärts.

ch Siegen/Olpe. Das Virus verpasste den heimischen Betrieben in diesem Jahr Schlag um Schlag, nein, schlimmer: Tiefschläge. Die Corona-Pandemie hat die Wirtschaft arg gebeutelt und die Konjunktur auf Talfahrt geschickt. Aber das wirft die Unternehmen in den beiden Kreisen Siegen-Wittgenstein und Olpe  nicht um; und es gibt sogar einige, die mit Hoffnung und guten Zahlen durch die Krise kommen bzw. aus ihr optimistisch ins neue Jahr starten. Sagt zumindest Klaus Gräbener, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Siegen.
Herr Gräbener, welche einschneidenden Erkenntnisse nehmen Sie aus den vergangenen Monaten der Pandemie mit?
Die allermeisten von uns hatten sich an zunehmenden Wohlstand gewöhnt; über Jahre hinweg ging es fast ausnahmslos aufwärts. Dann kam Covid-19, das planbare Leben war vorbei, und wirtschaftlich ging es fast in allen Branchen rasend schnell bergab; und das auch noch nahezu gleichzeitig. Das haben wir so noch nie erlebt.
Aber wo Schatten ist, ist auch Licht: Teilen der Industrie geht es wieder besser, der Handel mit E-Bikes floriert, gegessen und getrunken wird immer, und auch die Baumärkte konnten sich nicht wirklich beschweren.
Ohnehin gilt: Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Wir brauchen in solchen Situationen keine Nörgler, sondern Menschen, die Mut haben und etwas unternehmen. Davon gibt es doch sehr viele.

Kurzarbeitergeld an Bedingungen knüpfen

Wie beurteilen Sie angesichts der langanhaltenden Krise das Instrument der Kurzarbeit aus Sicht Ihrer Mitgliedsunternehmen?
Zwiespältig. Richtig ist zunächst, dass die Gesamtbeschäftigung leicht sinkt, während wir „nur“ rund 3000 mehr arbeitslose Menschen zählen als vor einem Jahr. Hier hat das Instrument geholfen. Aber: Kurzarbeit hilft in kurzen konjunkturellen Krisen, wenn es also nach kurzer Zeit wieder Arbeit gibt, nicht aber, wenn sich die Wirtschaft in ihrer Struktur grundlegend ändert. Dann darf man nicht konservieren, dann muss man qualifizieren.
Es war ein kapitaler politischer Fehler, den Bezug des Kurzarbeitergeldes nicht an eine Qualifizierungsverpflichtung zu knüpfen und seine Höhe mit zunehmender Laufzeit auch noch zu steigern. So jedenfalls motiviert man Menschen nicht, sich der Veränderung zuzuwenden, so gewöhnt man sie eher an vermehrte Freizeit bei verhältnismäßig hoher finanzieller Alimentierung. Die gönne ich jedem, volkswirtschaftlich wirkt so etwas jedoch verheerend. 2020 wird das allein mehr als 20 Milliarden Euro kosten. Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, der Staat könne jedes Risiko absichern.
Wie groß ist der Corona-Schaden insgesamt für die IHK-Unternehmen aus regionaler Sicht, welchen Dämpfer hat das Virus der Konjunktur verpasst?
Die Kulturwirtschaft ist besonders gebeutelt, die Gastronomie ohnehin, zahlreiche Dienstleister machen schlechte Geschäfte, und auch in Teilen des Handels ist die Lage mit angespannt noch vorsichtig umschrieben. Unsere Industrieumsätze werden 2020 mit 15 Milliarden Euro rund 2 Milliarden Euro unter dem Durchschnitt der vergangenen drei Jahre liegen. Wie sich das auf die Erträge auswirkt, ist noch nicht abschätzbar.
Krass finden wir den teilweise außerordentlich schwachen Auftragseingang und die insgesamt sehr übersichtliche Investitionsneigung. 22 Prozent der Firmen berichten von Liquiditätsengpässen. 45 Prozent verschieben oder streichen ihre Investitionen komplett. Das macht schon sehr nachdenklich. Zugleich gilt aber auch: Wir haben über alles gesehen eine Vielzahl gesunder Unternehmen mit ordentlichem Eigenkapital. Das hilft in einer solchen Lage natürlich.

Staat überfördert Unternehmen

Welche besonderen Herausforderungen wird die pandemische Lage für die IHK-Unternehmen im Corona-Jahr 2021 bringen? Befürchten Sie eine Pleitewelle?
Die Geschäftsmodelle werden in einer atemberaubenden Radikalität auf den Prüfstand gehoben. Nur in Teilen ist Covid-19 hierfür direkt ursächlich; die Pandemie wirkt jedoch wie ein Brandbeschleuniger. In der Reisebranche sehen wir viele still sterbende Kleinstunternehmen, bei den Gastronomen ebenfalls. Von den zig Solo-Selbstständigen etwa in der Kulturwirtschaft ganz zu schweigen. Von denen spricht fast niemand.
Schlagzeilenträchtige Insolvenzen haben wir in Südwestfalen bisher nur wenige gesehen. Und die meisten hiervon sind nicht allein, sondern auch durch Covid-19 in die Knie gegangen.
Der Staat steht vor einem Dilemma. Auch wenn etliche Firmen unverschuldet den Boden ihrer Existenz entzogen bekommen, muss er zwar Unternehmensschließungen vermeiden, aber nicht um jeden Preis. Man kann nicht dauerhaft Unternehmen und Beschäftigte unter Quarantäne stellen, auch wenn große Teile der Politik den Menschen dies vorgaukeln.
Bestehende Strukturen zu zementieren, wenn sich um uns herum alles ändert, macht einfach keinen Sinn. Natürlich ist das politisch ein Ritt auf der Rasierklinge. Tut der Staat zu viel, gewöhnt er die Menschen an Transfereinkommen ohne wirkliche Gegenleistung. Tut er jedoch zu wenig, gehen womöglich Arbeitsplätze verloren, die man hätte erhalten können.
Wir verlieren bei den staatlichen Stützmaßnahmen die Peilung und jedes Maß. Es gibt mittlerweile einen regelrechten Förderdschungel. Vier verschiedene Kreditprodukte bei der KfW, zehn bei der NRW-Bank, Soforthilfe, Überbrückungshilfe I, Überbrückungshilfe II, Novemberhilfe, Dezemberhilfe, Neustarthilfe, Überbrückungshilfe III, Ausbildungsprämien und wer weiß was sonst noch. Welche Firma blickt da noch durch?
Wir erleben den überfördernden Staat, der die Unternehmen überfordert. Weniger, jedoch besser abgegrenzte Programme sowie die Ausdehnung steuerlicher Verlustrückträge wären deutlich unbürokratischer und würden schneller helfen.

Innenstädte verlieren

Wie wird sich mittelfristig die Arbeit in den IHK-Firmen, angetrieben durch den Druck aus den Bereichen Corona und Digitalisierung, verändern?
Das Virus ist ein Umsatzbeschleuniger für die Amazons dieser Welt. Stationäre Händler, die Magnete unserer Innenstädte, verlieren weiter an Anziehungskraft. Das Internetshopping wird zunehmen, die Lieferdienste noch mehr Arbeit bekommen. Beides wird die Abfallwirtschaft beflügeln, schließlich steigt das Müllaufkommen erheblich.
Unsere Innenstadtlagen werden verlieren, die dortigen Immobilienbesitzer ebenfalls. Wenn wir Pech haben, verpasst Corona unseren Innenstädten schon in kurzer Frist ein vollkommen neues Gesicht.
Die inner- und zwischenbetriebliche Kommunikation über digitale Formate wird dauerhaft zunehmen. Die Unternehmen fahren ihre Dienstreisen drastisch zurück, bei Privatreisen ist offen, ob frühere Niveaus wieder erreicht werden, zumal zumindest verbal das Bewusstsein für den persönlichen CO2-Fußabdruck steigt.

Nachfrage an Ausbildungsplätzen zu gering

Wie schwer werden die nächsten Monate für junge Menschen, die einen Ausbildungsplatz suchen? Wie schwer wird es für die Betriebe, Nachwuchs zu finden?
Der Rückgang bei den Lehrverträgen betrug 2020 satte 19 Prozent. Wir kranken jedoch nicht an einem zu knappen Lehrstellenangebot, sondern an zu schwacher Nachfrage. Die Unternehmen konnten schon in den letzten Monaten offene Lehrstellen nicht besetzen. Die betriebliche Personalentwicklung wird aber nicht allein deswegen anspruchsvoller.
Wie will man junge Leute für eine betriebliche Lehre begeistern, wenn weit verbreitete Kurzarbeit ihnen die Botschaft vermittelt, größere Teile von Industrie und Handel seien angezählt? Wie will man Personal binden, wenn der persönliche Austausch fehlt? Wie nimmt man am unternehmerischen Innenleben teil, wenn Videokonferenzen das private Gespräch auf dem Flur ersetzen? Hier sind Veränderungsprozesse im Gange, deren Dimensionen wir derzeit nur erahnen.

Die Industrieumsätze in den Kreisen Siegen-Wittgenstein und Olpe werden im Jahr 2020 mit insgesamt 15 Milliarden Euro rund 2 Milliarden Euro unter dem Durchschnitt der vergangenen drei Jahre liegen.
Klaus Gräbener.
Autor:

Christian Hoffmann (Redakteur) aus Siegen

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