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Unteres Schloss
Im ehemaligen Knast sitzen heute Studenten

Vor zehn Jahren zog die Siegener Zweigstelle der Justizvollzugsanstalt Attendorn in die Hansestadt um.
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  • Vor zehn Jahren zog die Siegener Zweigstelle der Justizvollzugsanstalt Attendorn in die Hansestadt um.
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sp Siegen. Heute erinnert nur noch wenig an die Geschichte des Gebäudes, in dem sich die Teilbibliothek Unteres Schloss der Universität Siegen befindet. Eine grüne Stahltür und ein altes Treppenhaus, das ist geblieben vom ehemaligen Gefängnis in dem historischen Gebäude mitten in der Siegener Innenstadt. Am 15. Januar 2011 verließen die letzten Insassen die Zweigstelle der Justizvollzugsanstalt Attendorn und zogen in ein neues Gebäude des Gefängnisses an der Bigge.

„Es waren so 60 Gefangene“, erinnert sich Rüdiger Zimmermann. Er war von 1975 bis zum Umzug Krankenpfleger und Justizvollzugsbeamter in der JVA Siegen und danach noch in Attendorn tätig. Zwei kleinere Busse seien, natürlich unter Sicherheitsvorkehrungen, immer zwischen Siegen und Attendorn hin und her gefahren, erzählt er.

sp Siegen. Heute erinnert nur noch wenig an die Geschichte des Gebäudes, in dem sich die Teilbibliothek Unteres Schloss der Universität Siegen befindet. Eine grüne Stahltür und ein altes Treppenhaus, das ist geblieben vom ehemaligen Gefängnis in dem historischen Gebäude mitten in der Siegener Innenstadt. Am 15. Januar 2011 verließen die letzten Insassen die Zweigstelle der Justizvollzugsanstalt Attendorn und zogen in ein neues Gebäude des Gefängnisses an der Bigge.

„Es waren so 60 Gefangene“, erinnert sich Rüdiger Zimmermann. Er war von 1975 bis zum Umzug Krankenpfleger und Justizvollzugsbeamter in der JVA Siegen und danach noch in Attendorn tätig. Zwei kleinere Busse seien, natürlich unter Sicherheitsvorkehrungen, immer zwischen Siegen und Attendorn hin und her gefahren, erzählt er. „Das ist sehr geordnet abgelaufen. Man hatte einen Zeitplan und musste das an dem einen Tag schaffen.“ Es sei nur wenig Aufregung dabei gewesen, aber: „Die Gefangenen waren erstaunt, als die in die neuen Zellen kamen, das war ja fast eine neue Welt.“

"War ein bisschen familiär"

Zimmermann blickt zurück: „Es war alles sehr beengt, es wurde Zeit für den Umzug.“ Der Zustand des Gebäudes sei wirklich nicht gut gewesen, um so mehr aber der Zusammenhalt unter den Kollegen. „Es war ein bisschen familiär.“ Den Bediensteten sei klar gewesen, dass nach dem Umzug „die Kameradschaft nicht mehr so gut sein wird“, erinnert sich der 68-Jährige.

Mit der Schließung der JVA in Siegen begann für den 1717 erbauten Südflügel des Unteren Schlosses ein neues Kapitel. „Wir wollen noch große Fotos aufhängen“, berichtet Marion Stahl-Scholz von den Plänen, die Vergangenheit der Gemäuer wieder mehr sichtbar zu machen. Die vielen Umbauten an der Universität Siegen kamen bislang dazwischen. Die Leiterin der Teilbibliothek Unteres Schloss ist von Anfang an mit dabei. Im August 2016 öffnete die Einrichtung für Studierende. Sie können in zahlreichen Regalen nach ihren Büchern zum Thema Wirtschaft und Recht suchen. In den ehemaligen Zellen haben die Studierenden die Möglichkeit zu lernen. Das sei schon für eine Person eng, sagt Stahl-Scholz. Das die Häftlinge dort zu zweit gelebt hätten, sei heute unvorstellbar. „Das wünscht man nicht mal einem Tier, so zu leben.“ Das Gebäude war zunehmend heruntergekommen – einer der Gründe für die Aufgabe der Teilanstalt. Der Bau- und Liegenschaftsbetrieb (BLB) sei schockiert gewesen über den schlimmen Zustand, erinnert sich Stahl-Scholz. Einige Gebäudeteile mussten sogar abgerissen werden.

"Mittlerweile alles entsorgt"

Für Stahl-Scholz ist es nach wie vor etwas besonderes, dort zu arbeiten, wo Menschen ihre Haftstrafen absitzen mussten. „Ich habe das immer im Hinterkopf. Das hat mich fasziniert, einen Standort zu übernehmen, der so eine Geschichte hat. Es ist etwas Besonderes, nicht selbstverständlich.“ Die Leiterin der Teilbibliothek erzählt, dass sie und ihre Kollegen gehofft hatten, dass eine Zelle samt Einrichtung erhalten bliebe. Im Zuge der umfangreichen Umbauarbeiten wurde aber alles entsorgt.

Anfang 2018 fand eine Fotoausstellung in der Teilbibliothek statt. „Arbeit hinter Gittern“ rückte die ehemaligen Mitarbeiter der JVA Siegen in den Fokus – mit dabei war auch Rüdiger Zimmermann. Zu dieser Zeit sei das Interesse an dem Gebäude und seiner Geschichte besonders groß gewesen, weiß Stahl-Scholz. „Das ist wirklich total gut angekommen.“

Sie und auch andere Mitarbeiter der Bibliothek tauschten sich mit den Menschen aus, die zuvor ihre Arbeit innerhalb der Gemäuer ausgeführt hatten. Die ein oder andere Anekdote blieb Stahl-Scholz dabei in Erinnerung. So berichteten die ehemaligen Mitarbeiter, dass es unter den Häftlingen immer sehr unruhig geworden sei, wenn auf dem Schlossplatz Konzerte oder Ähnliches stattgefunden hatten. „Das war schwer für die“, denn es habe den Insassen deutlich gezeigt, dass das volle Leben außerhalb des Gefängnisses, direkt vor ihrer Tür, weiter stattfand. „Aus Protest wurde dann mit Essen geschmissen.“

Interesse ist abgeklungen

Die Nachfrage nach Führungen sei in der Zeit um die Ausstellung besonders groß gewesen – bei der Siegener Bevölkerung, aber auch bei ehemaligen Studenten. Stahl-Scholz berichtet auch davon, dass irgendwann einmal Männer vor der Tür standen und einen Blick in das Gebäude werfen wollten, mit der Anmerkung, dass sie dort mal kurzzeitig eingesessen hätten.

Mittlerweile fragen nur noch sehr vereinzelt Menschen nach der Historie des Gebäudes. Das Interesse sei abgeklungen, so die Bibliothekarin. Rüdiger Zimmermann aber schaut immer wieder mal vorbei, an seinem ehemaligen Arbeitsplatz: „Es ist ein schönes Gebäude geworden.“

Vor zehn Jahren zog die Siegener Zweigstelle der Justizvollzugsanstalt Attendorn in die Hansestadt um.
Autor:

Sarah Panthel (Redakteurin) aus Siegen

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