Im „Käfig“ brutal verletzt

 In solch einen Käfig wurde am 10. Dezember 2016 ein 17 Jahre junger Afghane aus Siegen in einem MMA-Kampf schwer verletzt. Sein Gegner brach ihm den Kiefer gleich zweimal. Die Stadt Siegen als Vormund wusste nichts von dem „Ausflug nach Berlin“. Foto: R.V.
  • In solch einen Käfig wurde am 10. Dezember 2016 ein 17 Jahre junger Afghane aus Siegen in einem MMA-Kampf schwer verletzt. Sein Gegner brach ihm den Kiefer gleich zweimal. Die Stadt Siegen als Vormund wusste nichts von dem „Ausflug nach Berlin“. Foto: R.V.
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kalle/jule - Ist das Jugendamt der Stadt Siegen im Fall des minderjährigen Afghanen Mustafa A. seiner Fürsorgepflicht nicht nachgekommen? Offensichtlich ja, vieles deutet darauf hin. Der 17-Jährige hat an einer brutalen Kampfsport-Veranstaltung in einem Käfig in Berlin vor 2000 Besuchern teilgenommen. Dabei wurde er schwer verletzt. Ein Usbeke, der laut seines Kämpferprofils rund 30 Kilogramm schwerer ist als der 66 Kilogramm leichte Afghane, brach dem 17-Jährigen den Kiefer gleich zweimal. Der Usbeke hatte ihm in der zweiten Runde das Knie ins Gesicht gerammt.

Ein ungleicher Kampf zwischen dem Federgewicht aus Siegen und dem Schwergewichtler aus Köln. Das ganze nennt sich „Mixed Martial Arts“ (MMA) und bedeutet brutalste Schlägereien ohne Körperschutz in einem achteckigen Käfig. Die Zuschauer grölen und zahlen für das teilweise menschenunwürdige Spektakel bis zu 100 Euro Eintritt. Wie konnte der junge, alleinreisende Flüchtling, der im Jahr 2015 in Siegen ankam, überhaupt in dieser Szene landen? Eine weitere Frage, die sich die Stadt Siegen als Vormund stellen lassen muss. Gemeldet war er als teilnehmender Kämpfer am 10. Dezember für das Fight-Center Siegen. Welche Rolle das hiesige Kampfsport-Center spielt, will das zuständige Jugendamt noch klären.

Laut einem Bericht der „Welt am Sonntag“ soll sich der junge Mann nach dem Kampf knapp eine Woche in einer Klinik in Marzahn-Hellersdorf aufgehalten haben. Hier habe er sich von den schweren Schlägen, die ihm sein „Käfiggegner“, Rustam Y., zugefügt hatte, erholen müssen. Dann wurde er unter anderen von seinem Siegener Trainer in Berlin abgeholt. Aktuell, so die Stadt Siegen auf Nachfrage, befinde sich der Afghane auf dem Weg der Besserung. Er hätte überhaupt nicht an diesem Mixed-Martial-Arts-Turnier teilnehmen dürfen. Selbst als Zuschauer hätte ihm der Eintritt verwehrt werden müssen, weil der junge Mann nicht volljährig ist. Der Veranstalter, „We Love MMA“, fühlt sich betrogen. Mustafa habe sich älter gemacht. Erst auf der Fahrt ins Krankenhaus sei man auf das vermutlich wahre Alter des Afghanen gestoßen. Da war es schon längst zu spät. Der Veranstalter wälzt die Verantwortung komplett auf den Siegener Trainer und den Jugendlichen aus Siegen ab.

In Zukunft schließt „We love MMA“ eine weitere Teilnahme des afghanischen Flüchtlings an den Events aus. Laut Pressemitteilung habe Mustafa bereits bei mindestens einer weiteren Organisation einen Kampf bestritten und soll dabei sogar einen Titelkampf absolviert haben. Dies konnte die Siegener Zeitung allerdings nicht aufklären. Der Veranstalter hat den „Fight“ mittlerweile als „nicht stattgefunden“ eingestuft. Das Jugendamt der Stadt Siegen hat gegenüber der Siegener Zeitung bestätigt, dass sich Mustafa an einzelnen Trainingseinheiten beim Kick-Boxen beteiligt hat. Dies sei im Rahmen gewaltpräventiver Maßnahmen geschehen. Heißt: Der junge Afghane hat sich auf städtische Kosten auf seine brutalen Kämpfe vorbereiten können. Da der junge Flüchtling aufgrund seines bisher zuverlässigen Verhaltens in einer sozialpädagogischen betreuten Jugendwohngemeinschaft wohnte, um den selbstständigen Alltag zu üben, wusste man nur tagsüber, was der Jugendliche machte. Es habe keine Anhaltspunkte gegeben, so das Jugendamt weiter, die darauf hindeuteten, dass Mustafa in der Jugendwohngemeinschaft nicht richtig untergebracht war. Von den Betreuern hatte aber offensichtlich keiner bemerkt, dass der Jugendliche an einem Samstag, sicher schon im Laufe des Tages, nicht in der Unterkunft war, sondern in einem achteckigen Käfig kämpfte. Der junge Mann besuche regelmäßig eine Schule in Siegen und habe gute Deutschkenntnisse, so das Jugendamt weiter – der Reporter der „Welt am Sonntag“ hatte bei seinem Krankenhausbesuch in Berlin jedoch einen gegenteiligen Eindruck von den Deutschkenntnissen gewonnen.

Nach der schlimmen „Berlin-Tour“ und seinem Krankenhausaufenthalt wohnt der Flüchtling zurzeit in einer Inobhutnahme-Einrichtung der Ev. Jugendhilfe Friedenshort. Dort lebt der 17-Jährige in einer Wohngruppe, in der Betreuer rund um die Uhr anwesend und so bessere Kontrollmöglichkeiten gegeben sind. Das Jugendamt in seinem Statement: „Wir werden auch weiterhin die Teilnahme an solchen Kämpfen nicht genehmigen.“ Die ersten Kämpfe konnte das Amt aber nicht verhindern. Ein Gespräch mit dem Siegener Trainer, der den Jugendlichen betreut haben soll, werde in Kürze stattfinden. Ob die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen des Verdachts der Verletzung der Aufsichtspflicht aufnimmt, liegt im Ermessen der Behörde.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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