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SZ-Interview mit Dr. Peter Liese (CDU)
"Im Sommer haben wir eine komplett andere Lage"

Dr. Peter Liese hält die Aussagen vieler Fluggesellschaften für nicht seriös. Sein Rat: Beim Reisen sehr vorsichtig sein.
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  • Foto: Büro Liese
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

goeb Siegen/Meschede. Dr. Peter Liese ist seit 1994 Europaabgeordneter der CDU für Nordrhein-Westfalen in der Europäischen Volkspartei. Der aus Meschede stammende Politiker ist u. a. Mitglied im Ausschuss für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit im Parlament. Die Redaktion befragte den Mediziner zu wichtigen Aspekten der Corona-Pandemie. Welche Länder könnte sich Deutschland zum Vorbild nehmen? Was hält der Politiker von Urlaubsreisen über Ostern? Und: Wann wird der Corona-Spuk endlich ein Ende haben?

Die EU-Mitgl

goeb Siegen/Meschede. Dr. Peter Liese ist seit 1994 Europaabgeordneter der CDU für Nordrhein-Westfalen in der Europäischen Volkspartei. Der aus Meschede stammende Politiker ist u. a. Mitglied im Ausschuss für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit im Parlament. Die Redaktion befragte den Mediziner zu wichtigen Aspekten der Corona-Pandemie. Welche Länder könnte sich Deutschland zum Vorbild nehmen? Was hält der Politiker von Urlaubsreisen über Ostern? Und: Wann wird der Corona-Spuk endlich ein Ende haben?

Die EU-Mitgliedsstaaten haben alle ihre eigenen Corona-Maßnahmen. Müsste man nicht europäischer denken und besser untereinander koordinieren?
Ich wünsche mir und ich arbeite dafür, dass die Mitgliedstaaten ihre Maßnahmen besser koordinieren. Meine Fraktion hat schon vor einem Jahr gefordert, dass bei gleichem Infektionsgeschehen auch die gleichen Maßnahmen gelten müssen, aber wir müssen realistisch bleiben. Wenn sich 16 Bundesländer nicht wirklich auf gemeinsame Maßnahmen einigen können und die dann auch überhaupt nicht einheitlich umgesetzt werden, ist es objektiv gesehen bei 27 EU-Staaten noch mal schwieriger. Trotzdem müssen wir insbesondere bei grenzüberschreitenden Fragen, wie zum Beispiel der Anerkennung von Zertifikaten für Impfung, Immunität und Tests, unbedingt zusammenarbeiten.

Finnland als Vorbild für Deutschland

Welche Länder der EU könnten Ihrer Meinung nach für uns Deutsche Vorbilder in der Corona-Bekämpfung sein?
Lange Zeit galt Deutschland als das Land, das vorbildlich durch die Krise gekommen ist und wir stehen immer noch relativ gut da, wenn wir uns zum Beispiel mit Italien, Tschechien, der Slowakei und Belgien vergleichen. Aber durch die Entwicklung der letzten Monate, als leider viele wichtige Empfehlungen von Kanzlerin Angela Merkel von den Ministerpräsidenten zerredet worden sind, geht es nun in anderen Ländern besser.
Besonders gut ist Finnland durch die Pandemie gekommen. Sie haben nur 804 Tote, sechzehnmal weniger Tote als Schweden. Auch in Dänemark ist das Infektionsgeschehen im Moment gut unter Kontrolle und die sind vor allem beim Impfen schneller als wir. Irland hat es geschafft, die Infektion immer wieder gut in den Griff zu bekommen, obwohl sie im Oktober und im Januar höhere Infektionszahlen als Deutschland hatten. Besonders wichtig war hier, dass die öffentlichen Verkehrsmittel nur zu 25 Prozent ausgelastet wurden und dass private Begegnungen in geschlossenen Räumen streng reguliert wurden, aber man sich draußen durchaus treffen konnte.

Dr. Peter Liese rät von Flugreisen dringend ab

Über Ostern sind in den meisten Ländern Ferien. Für wie gefährlich halten Sie Urlaubsreisen?
Von einer Flugreise rate ich ausdrücklich ab. Die Aussagen der Airlines, dass es in der Flugzeugkabine so sicher sei wie in einem Operationssaal, stimmen einfach nicht. Das kann man allein daran erkennen, dass man in einem Operationssaal nicht essen und trinken darf. Es ist tatsächlich so ziemlich ausgeschlossen, dass ein Infizierter die ganze Kabine ansteckt, aber die benachbarten Personen, deren Sitze ja leider nicht frei bleiben, sind schon gefährdet, wenn ein unerkannt Infizierter hustet. Außerdem gab es immer wieder schreckliche Szenen von Gedränge in der Abflughalle. Ich glaube, wir sollten noch einige Wochen beim Reisen sehr vorsichtig sein.
Deutschland ist bekanntlich Export-Weltmeister. Obwohl wir Impfstoff herstellen, fehlt der uns jetzt.
Der Grund, warum die Amerikaner beim Impfen, ebenso wie die Briten, schneller sind, besteht auch darin, dass sie keinen Impfstoff exportieren, und da wir allein seit dem 1. Februar 10 Millionen Impfdosen nach Großbritannien geschickt haben, muss sich hier dringend etwas ändern. Ich fordere seit Wochen einen Exportstopp und bin froh, dass ich für diese Position jetzt immer mehr Verbündete bekomme.

Bis zum 1. Juli Impfangebot für jeden Erwachsenen

Was glauben Sie, wie die Versorgung mit Impfstoffen in Deutschland in den nächsten Wochen und Monaten aussehen wird?
Im zweiten Quartal erwarten wir allein von der Firma Biontech/Pfizer 200 Millionen Impfdosen für die gesamte Europäische Union. Die erhebliche Steigerung gegenüber der jetzigen Situation ist vor allem dadurch möglich, dass das Werk in Marburg dann in den Regelbetrieb gehen wird. Ich bin sehr froh, dass ich da so einen kleinen Beitrag leisten konnte. Als Medizinstudent habe ich in diesem Impfstoffwerk einen Kurs besucht, deswegen liegt mir das ganz besonders am Herzen.
Zusätzlich kommen mindestens 50 Millionen Dosen von Johnson & Johnson und der Vorteil hier ist, dass man nur eine Impfung braucht. Wenn man die Strategie anwendet, die sich mittlerweile durch die neueren wissenschaftlichen Daten als sinnvoll herausstellt, nämlich zunächst auch mit Biontech nur einmal zu impfen, um möglichst vielen Menschen einen Schutz zu geben, könnten bis zum 1. Juli schon fast alle Europäer ihre erste Impfung erhalten haben.
Für Deutschland erwarten wir im zweiten Quartal 50 Millionen Dosen, davon 10 Millionen von Johnson & Johnson d. h. bei strenger Anwendung des Impfregimes könnten 30 Millionen Deutsche geimpft werden: Wenn man zunächst die erste Dosis gibt und mit der zweiten Dosis wartet, könnte da schon jeder Erwachsene bis zum 1. Juli ein Impfangebot bekommen und die zweite Impfung dann bis September.

"Pandemie wird ihren Schrecken verlieren"

Wann wird der Spuk Ihrer Meinung nach vorbei sein?
Ich rechne fest damit, dass wir im Sommer eine komplett andere Lage haben werden. Wenn ein Großteil der Bevölkerung mindestens einmal, bis September möglicherweise auch zweimal geimpft ist, wird die Pandemie ihren Schrecken verlieren. Wir müssen dann immer noch etwas wachsam sein. Große Veranstaltungen von Nicht-Geimpften sind dann immer noch eine Gefahr, aber mit einer Kombination aus Impfnachweis und Testen wird meiner Ansicht nach dann wieder sehr viel mehr möglich sein. Wir müssen zwar die Mutationen im Blick haben und möglicherweise eine Auffrischimpfung mit geändertem Impfstoff in den Blick nehmen, vielleicht wird es auch so sein wie bei der Grippe, dass man sich jedes Jahr impfen lassen muss, aber eine so schreckliche Situation wie jetzt, mit vielen geschlossenen Einrichtungen und trotzdem Hunderten von Toten jeden Tag, werden wir im Sommer nicht mehr haben.

Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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