Im Zentrum stand das Wort

Standing Ovations: André Eisermann las im Lÿz »Werther«

Siegen. Der Mann leidet. An der Welt, an der vergeblichen Liebe, an sich selbst. Er windet sich auf dem Stuhl, an dem er rund zwei Stunden festgeklebt zu sein scheint. Es gibt für ihn kein Entrinnen, kein Aufstehen, kein Losrennen. Herzschmerz ohne Ende. Und der fast ausverkaufte Lÿz-Schauplatz krümmt sich mit in kollektiver Seelenpein. André Eisermann gibt Goethes »Werther«, vor allem dessen Leiden. Der Protagonist ist einer »der« deutschen Leinwand- und Bühnendarsteller und das versucht er auch gar nicht zu verbergen. Wenn Eisermann sich die Haarsträhnen aus dem Gesicht streicht, mit verzücktem Antlitz Loblieder auf die verehrte Lotte singt oder bei der Nennung des Rivalen-Namen (»Albert!«) verbale Blitze zucken und den Donner finster grummeln lässt, dann verschmilzt er mit dem unglücklich liebenden Werther. Aber diese wohl bewusst sparsam eingesetzten darstellerischen Schaustückchen Eisermanns sind eher eine Randerscheinung dieses Freitagabends in der bemerkenswerten Reihe LÿzLit. Im Zentrum steht das Wort, der 1774 zur Leipziger Buchmesse erschienene Roman des Dichterfürsten, der Goethe – heute würde man das so sagen – zum Star machte.

Verwunderlich ist es nicht, dass die sturm- und drangvollen Worte bis heute, wo SMS und E-Mail den guten alten Brief ins Abseits katapultiert haben, nichts von ihrer Faszination, ja vielleicht sogar Wahrhaftigkeit verloren haben. Welche Frau, welcher Mann kennt dieses Gefühl der unerwiderten, der unerfüllten Liebe nicht? Es schmerzt, wenn die blanken Messer der Enttäuschung, geschärft von Eifersucht und Neid, ihr zerstörerisches Werk beginnen. All dies bringt André Eisermann, von der ersten Begegnung mit Lotte bis zum letzten Date und selbstzerstörerischen Ende, packend über die Rampe. Da lächelt niemand über den ollen Goethe, das ist Leben live. Die Mädels und Jungs vom Deutschleistungskurs hängen gebannt an den Lippen Eisermanns weil sie wissen, genau das kann uns morgen auch treffen. Der Blitz aus zwei Augen im Café, ein flüchtiges Lächeln in der Fußgängerzone – und die Leiden beginnen.

Nicht bis zur letzten Konsequenz wollen wir hoffen. Im Lÿz verglimmen die Scheinwerfer in der blauen Farbe der Treue, es wird schwarz. Werther ist auf eine letzte Reise geflohen. Und die Selbsttötung – ob aus Liebespein oder anderen Gründen – ist über 230 Jahre nach der »Werther«-Premiere immer noch ein heiß diskutiertes Thema. Nicht zuletzt dank der Rezitationskunst André Eisermanns und der eher zurückhaltenden Klavierbegleitung Jakob Vinjes strotzt der Klassiker »Die Leiden des jungen Werther« vor prallem Leben. Das Publikum dankte nach einem packenden Abend mit stehendem Applaus.

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