„In Siegen siegen“

 Die heimische Band A Scar For Amy war voriges Jahr beim Deutschen Rock- und Pop-Preis in der Siegerlandhalle erfolgreich, wurde damals am späten Abend auch von Siegens Bürgermeister Steffen Mues (r.) gewürdigt. Im Rückblick war die Veranstaltung für Drummer Robin Spies (l.) und Co. dennoch eher „unschön“. Foto: SZ-Archiv/Stadt Siegen  Sarah Böttcher Archiv-Foto: sp
  • Die heimische Band A Scar For Amy war voriges Jahr beim Deutschen Rock- und Pop-Preis in der Siegerlandhalle erfolgreich, wurde damals am späten Abend auch von Siegens Bürgermeister Steffen Mues (r.) gewürdigt. Im Rückblick war die Veranstaltung für Drummer Robin Spies (l.) und Co. dennoch eher „unschön“. Foto: SZ-Archiv/Stadt Siegen Sarah Böttcher Archiv-Foto: sp
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ciu - Der Deutsche Rock- und Pop-Preis hat in Siegen inzwischen einen Teil seiner Geschichte geschrieben. Seit 2014 werden hier Bands und Solo-Künstler in rund 100 musikalischen Kategorien ausgezeichnet, regelmäßig stellen sich auch Formationen aus der Region dem Urteil der Jury. Für Ole Seelenmeyer, den Vorsitzenden der Deutschen Popstiftung in Lüneburg, ist Siegen ein Glücksfall. Für ihn und sein Team fand sich in Südwestfalen mit Siegen und der Siegerlandhalle „ein fantastischer Gastgeber“, wie er beim Pressegespräch zur 36. Auflage (Samstag, 8. Dezember, 12.30 bis 23 Uhr) betonte. „Daumen hoch“ signalisiert auch Bürgermeister Steffen Mues, für den ein Event, bei dem rund 1000 Musikerinnen und Musiker, zuweilen mit einem Tross an Fans, in die Stadt kommen und hinterher auch ihren örtlichen Medien berichten (z. B. „dass man in Siegen siegen kann“), publicitymäßig passt. Mues, der erneut die Schirmherrschaft übernimmt, zur Siegener Zeitung: „Die Auswertung aller Berichterstattungen und Artikel zur Veranstaltung im Jahr 2017 ergab eine Reichweite von 3,1 Millionen potentiellen Lesern. In allen Fällen wurde die Stadt Siegen oder die Siegerlandhalle als Veranstaltungsort hervorgehoben.“

Eine gute Werbung für die mitveranstaltende Siegerlandhalle, so der Bürgermeister, und einer von für ihn vielen guten Gründen, das Haus für dieses Event mietfrei zur Verfügung zu stellen. Dieses entspräche Kosten von rund 4000 Euro. Alle weiteren Kosten (für Personal, Organisation, Technik, Werbung, DRK und Feuerwehr) trage die Deutsche Popstiftung als Ausrichter selbst. Die Siegerlandhalle könne ihrerseits regionale Sponsoren gewinnen, der Erlös aus dieser Unterstützung dann komplett bei der Halle bleiben. So war laut Hallenchef Arnd Krause in vergangenen Jahren die Volksbank Siegerland im Boot, ausblickend – auch 2019 und 2020 soll der Deutsche Rock- und Pop-Preis in Siegen vergeben werden – wolle man erneut eine vergleichbare Akquise betreiben.

Die Finanzierung der Veranstaltung selbst vollzieht sich laut Stiftung „durch die gemeinnützige Musikergemeinschaft des Deutschen Rock- und Pop-Musikerverbands zusammen mit allen mitwirkenden Teilnehmern“. Wer in einer der Sonderkategorien antritt, zahlt 100 Euro, in den Hauptkategorien sind es je 150 Euro. „Solidarbeitrag“ nennt Seelenmeyer diese Startgebühr, bei der pro gemeldeter Kategorie 50 Eintrittskarten für die mitreisenden Freunde inkludiert sind.

Ein Freiticket für die Teilnahme am Rock- und Pop-Preis hat in den Vorjahren stets die vom Stadtjugendring Siegen ausgelobte Gewinnerband des Nachwuchscontests „Sounds“ (früher: Rockförderpreis) erhalten. 2017 fand „Sounds“ mangels Bewerbungen nicht mehr statt, doch die Blue Box fand mit der Alternative/ Metal-Band A Scar For Amy einen aus ihrer Sicht würdigen Vertreter für den Wettbewerb. Die Formation gewann in ihrer Kategorie, dennoch blieb für sie ein fader Nachgeschmack. Zwar, so Schlagzeuger Robin Spies, sei es für sie toll gewesen, ihre Musik vor größerem Publikum spielen zu können, und auch dass sie vom Bürgermeister persönlich begrüßt worden seien, hätten sie „sehr schön“ gefunden, doch sei die Veranstaltung aus ihrer Sicht nicht besonders gut organisiert gewesen. Angefangen vom für A Scar For Amy überraschenden Soundcheck (hier sprang die Band am Morgen für eine andere ein, wurde gleichwohl vom davon offenbar nicht informierten Ole Seelenmeyer hinter der Bühne „relativ stinkig“ angefahren, so Robin Spies) über den Ausfall der Monitore während des backstage ziemlich hektisch („Rauf jetzt!“) vorbereiteten Auftritts bis zur Preisvergabe am späten Abend, bei der sämtliche Nebenkategorien „endlos lang“ prämiert worden seien, bis es dann an die Vergabe der Preise für die Live-Acts ging. Für Teile des Publikums sei das nicht eben interessant gewesen, die Veranstaltung wurde zu einer „fortlaufenden“ …

Gleichfalls „unschön“, so Robin Spies, sei die „Geschichte mit dem Publikumspreis“ gewesen. Jede Eintrittskarte hat einen abtrennbaren Coupon, mit dem der Gast seine Stimme abgeben kann. Trete eine Formation in mehreren Kategorien an, steige natürlich die Chance auf den Publikumspreis, so der Scar-Drummer. Er vermutet, dass es dem Veranstalter vor allem ums Kasse machen geht. Wer einen Video-Mitschnitt von seinem Auftritt haben wollte, sollte 70 Euro zahlen, bei den Fotos sei es ähnlich gewesen. A Scar For Amy wurden mit einem Pop-und-Rock-Oscar mit Plakette belohnt und einer Urkunde, dazu einer Erwähnung im „Musiker-Magazin“. Für die Gruppe war die Teilnahme eine Erfahrung, auch eine gute Gelegenheit, sich mit anderen Bands auszutauschen. Mehr nicht.

Im Rückblick „eher enttäuscht“ zeigt sich auch Sarah Böttcher aus Wilgersdorf. Sie habe sich im vorigen Jahr mehr von ihrer Teilnahme erhofft – sei dann aber zum Beispiel irritiert davon gewesen, dass in ihrer Kategorie (Singer-Songwriter) zum Teil Bands angetreten seien, auch mit Playback-Begleitung. „Da stand ich in gar keinem Vergleich.“ Sie habe schnell gemerkt: „Okay, da hab ich keine Chance.“ Auch um die 150 Euro, die sie gezahlt habe, um dort zu performen („sonst spiele ich und bekomme Geld dafür …“) tue es ihr im Nachhinein leid. Für sie ein Pluspunkt: dass Technik und Organisation „sehr professionell“ aufgestellt waren. „Als ich gespielt habe, hatte ich ein gutes Gefühl.“ Positiv sieht sie auch, dass sie die Möglichkeit hatte, auf einer großen Bühne, in einer großen Halle aufzutreten, und dass ihr auch mediale Aufmerksamkeit zukam. Nicht so toll fand Sarah Böttcher, dass sich der Contest über einen ganzen langen Tag zieht – mit der Konsequenz, dass im Saal „so ’ne Laufkundschaft“ unterwegs sei, was zu ständiger Unruhe geführt habe. Ein zweites Mal beim Rock- und Pop-Preis mitzumachen, käme für sie nicht infrage. Böttcher: „Kleinere Contests – immer wieder gerne.“ Auch weil dort meistens nicht so ein Konkurrenzgefühl entstehe.

Frank Kimpel von der Siegener Blue Box, ein ausgesprochener Kenner und Förderer der Bandszene, kann die kritische Sicht der Newcomer in Teilen nachvollziehen. Gleichwohl ermutigt er sie durchaus, an einem Wettbewerb wie dem Deutschen Rock- und Pop-Preis teilzunehmen. „Die Bands haben hier die Möglichkeit, vor großem Publikum zu spielen, andere Bands kennenzulernen, die Öffentlichkeit zu nutzen.“ Aus seiner Sicht, sei das „eine Chance, eine coole Möglichkeit“. Gut sei es, sich von vornherein darüber bewusst zu sein, dass eine Teilnahme nicht unbedingt „der Startschuss in eine Megakarriere“ sei. Dass die Stadt Siegen zurzeit keinen eigenen Bandcontest mehr anbiete, sei eine Reaktion auf eine veränderte Herangehensweise des musikalischen Nachwuchses: „Die Bands organisieren sich mittlerweile selbst. Viele denken erstmal: ,Wir machen Musik, weil’s uns Spaß macht.“ Weil es „Sounds“ nicht mehr gibt, gibt es 2018 auch keine Siegener Band mit „wild card“. Dennoch treten, wie berichtet, wieder Lokalmatadoren an: Ticket To Happiness und Ajay Mathur aus Siegen sowie The Mangonuts aus Biedenkopf.

Nach Siegen gekommen ist der Deutsche Rock- und Pop-Preis auch dank des Engagements des heimischen Musikproduzenten Henning Weyel. Der erlebte die Veranstaltung – die jahrelang, bis zum Abriss der dortigen Stadthalle, in Wiesbaden durchgeführt wurde – mit der Band Hörgerät in Ludwigshafen und fing Feuer: „Das Ding nach Siegen zu holen, das wäre doch erstmal cool“, habe Weyel gesagt, erinnert sich Hörgerät-Frontmann Andy Link, der 2015 als „Bester Popsänger“ aus dem Wettbewerb herausging. Für ihn „ein schönes Schulterklopfen“.

Fazit: Die Haltung der Stadt Siegen, den Deutschen Rock- und Pop-Preis als Gewinn zu werten, ist nachvollziehbar. Bringt doch das Event die Siegerlandhalle bundesweit ins Gespräch und birgt damit die Chance, dass sich neue Kontakte, neue Buchungen und neue finanzielle Möglichkeiten ergeben. Weshalb es gut und richtig ist, dass der Contest in Siegen und nirgends anders stattfindet. Nachvollziehbar ist auch die Kritik der jungen Menschen, die sich auch aufgrund der recht vollmundigen Verheißungen des Veranstalters angemeldet haben. Vielleicht sind künftig noch Modifizierungen möglich, um manche Unzufriedenheit im Vorfeld abzufangen?! Wer glaubt, automatisch durch die erfolgreiche Teilnahme an dem Wettbewerb ähnlich groß rauskommen zu können wie Pur oder Luxuslärm, irrt. Dass deren Karriere dank des Deutschen Rock- und Pop-Preises so steil bergauf ging, wie vermittelt wird, wäre noch zu beweisen. Geschadet hat es ihnen nicht.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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