In unserem Haus geht die Post ab

 Der britischen Ska-Gruppe Madness gelang 1982 mit „Our House“ eine perfekte Pop-Nummer und vielleicht der Familien-Song schlechthin. Unser Bild entstand knapp 30 Jahre später. Foto: dpa
  • Der britischen Ska-Gruppe Madness gelang 1982 mit „Our House“ eine perfekte Pop-Nummer und vielleicht der Familien-Song schlechthin. Unser Bild entstand knapp 30 Jahre später. Foto: dpa
  • hochgeladen von Archiv-Artikel Siegener Zeitung

aww - Liedtexte, die das ganz normale Leben abbilden, gehören oft nicht zu den schlechtesten. Und kaum etwas ist so integraler Bestandteil des Lebens wie die Familie – im Guten wie im Bösen. Das zeigt auch die kleine Auswahl von vier sehr unterschiedlichen Songs der Pop- und Rockhistorie, die heute anlässlich der SZ-Themenwoche „Familie“ vorgestellt werden. (Die Zitate aus den Lyrics basieren auf den Texten und Übersetzungen auf der Internetseite www.songtexte.com bzw. sind dieser entnommen.)

Der perfekte Pop-Song und ein Familien-Stück par excellence gelang der britischen Ska-Band Madness mit „Our House“ vom 1982er Album „The Rise & Fall“ – damals ein internationaler Riesenhit. Vater, Mutter, die „Kids“, Schwester, Bruder, alle sind da – in „unserem Haus“ geht bei Madness die Post ab: „Dort passiert immer etwas, und normalerweise ist es ziemlich laut.“ Die Zuhörer werden unmittelbar in den Familienalltag hineingezogen, so als gehörten sie zur „crowd“ (Schar) dazu. Da wird gespielt, gebügelt, geschlafen und spät zur Arbeit aufgestanden, und die Kinder werden zur Schule geschickt. Das Haus ist seinen Bewohnern Schloss und Unterkunft: „Our house was our castle and our keep.“ Die perfekte Familienidylle oder der ganz alltägliche liebenswerte Familienwahnsinn, wenn nicht plötzlich der lapidare Einwurf käme: „Irgendetwas sagt dir, dass du schnell von dort wegkommen solltest.“ Da kann mal drüber nachgedacht werden. Weniger zu grübeln gibt es über die musikalische Umsetzung, denn die ist schlicht vollkommen: Monstergroove, griffige Melodien in Refrain und (!) Strophe, packende Bläser und Streicher, herrlich lässiger Gesang – und das alles tadellos arrangiert, bis hin zum coolen Gitarre-Gebläse-Dialog im Solo, bis hin zur rhythmischen Intensivierung des Gesangs in der kurz darauf folgenden Strophe, bis hin zu den Tonart-Rückungen am Schluss. Ja, es ist ein großes Wort, aber dieses Gesamtpaket verdient das Prädikat: genial!

Wenn Kinder flügge werden, kann das für alle Beteiligten einen harten Einschnitt bedeuten. Und wenn schon vorher die Eltern-Kind-Beziehung nicht eben von gegenseitigem Verständnis geprägt war, kann eine Annäherung immens schwierig werden, Missverständnisse sind programmiert. In so einer verfahrenen Situation befinden sich Vater und Sohn in dem 1970 auf dem Album „Tea For The Tillerman“ erschienenen Klassiker „Father And Son“ von Cat Stevens. Beide kommen in dem Folkrock-Song zu Wort, und das ist so simpel wie effektvoll gelöst: Cat Stevens (heute Yusuf Islam) lässt den Vater mit tiefer Stimme direkt zum Sohn sprechen. Der wiederum reflektiert in eine Oktave höher gesungenen Strophen seine Sicht der Dinge, indem er seinen Gedanken nachhängt, sie vielleicht auch an eine dritte Person oder imaginäre Zuhörerschaft richtet. Der Vater spricht mit Altersüberheblichkeit zum Sohn („Du bist noch jung, das ist dein Problem, du musst noch so viel lernen“), kommt aber nicht wirklich unsympathisch rüber. Der Sohn fühlt sich unverstanden, bedauert, dass ihm nie zugehört wurde, und kommt zum Schluss, dass er all dem entfliehen muss. Diese ganz normalen Unstimmigkeiten der Generationen untereinander besingt der britische Songwriter in einem denkbar schlichten Lied, das von einer grandiosen Melodie lebt, wie sie jeder Musiker gerne einmal in seinem Leben schreiben würde. Fast 50 Jahre alt und trotz der (damals nicht unüblichen) kleinen Mängel in der Ausführung ein Song für die Ewigkeit.

Um es vorweg zu sagen: Der Ire Gilbert O’Sullivan gehört heute zu den meistunterschätzten Songschreibern des Planeten. Was der Mann vor allem Anfang der Siebziger an zeitlosen, wunderbaren und sehr besonderen Melodien rausgehauen hat, geht kaum auf eine Kuhhaut. Einer seiner größten Hits, und vielleicht sein schönster, war der 1972er Titel „Alone Again (Naturally)“. Musikalisch so was von leicht und beschwingt, zugleich nachdenklich und ein wenig traurig – ein Sound wie ein Wellness-Bad, mit Nylonsaitengitarre (das Solo kam vom großen Big Jim Sullivan) und schwülstigem Orchester. Inhaltlich gar kein Familiensong im engeren Sinne, erzählt ein einsamer, über Selbstmord nachdenkender Mann von den großen Verlusten seines Lebens: der Braut, die ihn am Altar stehenließ, und dem Tod der Eltern. Er erzählt, wie er weinen musste, als sein Vater starb, wie seine Mutter nicht verwinden konnte, dass „ihr der einzige Mann, den sie je geliebt hatte, genommen wurde“. Und am Ende ist er „natürlich wieder allein“ – „alone again, naturally“. Ja, das Stück ist traurig, aber so vollgestopft mit Text, dass man auch einfach die Musik wieder und wieder genießen kann, ohne zwingend den Inhalt verstehen zu müssen. Ein Ohrwurm, der (und das ist eine seltene Qualität) sich einfach nicht abnutzen will.

Ein so schöner Song – und ein so niederschmetterndes Thema. Mit den finstersten Seiten von „Familienangelegenheiten“ beschäftigt sich Fish in seiner pompösen Ballade „Family Business“. Veröffentlicht hat sie der Ex-Marillion-Sänger 1990 auf seinem fabelhaften Solodebüt „Vigil In A Wilderness Of Mirrors“. In dem Song geht es um häusliche Gewalt und andeutungsweise um Kindesmissbrauch durch den oft betrunkenen Vater. Und es geht um die Mitwisserschaft und Feigheit des Nachbarn, der den „Kampf auf der anderen Seite der Wand toben“ hört, aber nichts unternimmt, weil es sich um eine „Familienangelegenheit“ handelt. Derek William Dick, so Fishs bürgerlicher Name, lässt ihn, den Ich-Erzähler, am Ende resigniert feststellen: „Also werde ich ein Mittäter, und ich habe kein Alibi.“ Und er fragt bitter: „Wie lange belassen wir es bei einer Familienangelegenheit?“ Diese inhaltliche Schwere packen Fish und Co. in traumhafte, melancholische Klänge mit perlendem Klavier, feinen Gitarrenharmonien, Fretless Bass und Hammond, glockenklar arrangiert und produziert, mit mächtiger Steigerung und getragen von der stets gewöhnungsbedürftigen, aber magisch ausdrucksvollen Stimme des Schotten. Eine gigantische Power-Ballade – das Anhören (des ganzen Albums) wird dringend empfohlen. Aber Vorsicht: Suchtgefahr!

Die Kulturredaktion würde sich übrigens freuen, wenn auch ihre Leser noch den einen oder anderen Songvorschlag zum Thema beisteuern könnten. Beschreiben Sie uns einfach bis Donnerstag in einer E-Mail mit dem Betreff „Song“ an kultur@siegener-zeitung.de ihr Lieblings-Familien-Lied kurz in drei, vier prägnanten Sätzen und teilen Sie uns mit, was Ihnen daran besonders gefällt. Die schönsten Einsendungen werden am kommenden Samstag im Kulturteil veröffentlicht. Bitte vergessen Sie nicht Ihren Namen und Ihre Adresse. Alexander W. Weiß

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Eine/r folgt diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.