SZ

Ruf nach klaren Zeichen
Intensivmediziner fordern härteren Lockdown

tile/nja Siegen. Das Wort weckt positive Assoziationen: Ein „Brücken-Lockdown“, so hofft NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, könnte die dritte Coronawelle brechen. Indem das öffentliche Leben zügig für zwei, drei Wochen verschärfter heruntergefahren werde, könnten die Infektionszahlen wieder sinken. Damit rennt der Bundesvorsitzende der CDU bei Intensivmedizinern offene Türen ein. Das kristallisierte sich auch heraus, als die SZ in heimischen Kliniken nach der aktuellen Lage auf den Covidstationen und den Forderungen der Ärzte an die Politik fragte.

Aus medizinischer Sicht könne er in den Ruf nach einem härteren Lockdown nur einstimmen, sagt Prof. Dr. Martin Zoremba.

tile/nja Siegen. Das Wort weckt positive Assoziationen: Ein „Brücken-Lockdown“, so hofft NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, könnte die dritte Coronawelle brechen. Indem das öffentliche Leben zügig für zwei, drei Wochen verschärfter heruntergefahren werde, könnten die Infektionszahlen wieder sinken. Damit rennt der Bundesvorsitzende der CDU bei Intensivmedizinern offene Türen ein. Das kristallisierte sich auch heraus, als die SZ in heimischen Kliniken nach der aktuellen Lage auf den Covidstationen und den Forderungen der Ärzte an die Politik fragte.

Aus medizinischer Sicht könne er in den Ruf nach einem härteren Lockdown nur einstimmen, sagt Prof. Dr. Martin Zoremba. Nach einem Jahr der Pandemie-Bekämpfung stellt der Chefarzt der Klinik für Anästhesie, Intensivmedizin, Schmerztherapie, Notfallmedizin im Kreisklinikum Weidenau fest: „Wir sind am Anschlag. Zurzeit schaffen wir es noch, aber viel Luft nach oben haben wir nicht mehr.“ In der zweiten und dritten Welle habe man allein über 90 schwerstbetroffene Covid-19-Intensivpatienten beatmet.

"Können die Pandemie nicht allein lösen"

Man fange viel in der Region auf, „aber wir können die Pandemie nicht allein lösen“, sagt Prof. Zoremba. Eine Reaktivierung des Kredenbacher Krankenhauses würde allerdings auch nicht helfen, denn auf dem Markt gebe es nicht ausreichend intensivmedizinisches und -pflegerisch erfahrene Fachkräfte. Aus dem gleichen Grund winkt auch die Kreisverwaltung ab. Kredenbach sei kein Thema. Mit der Celenus-Klinik Hilchenbach habe man Kapazitäten hinzugewonnen, heißt es. Aktuell stünden in Siegen-Wittgenstein maximal 116 Betten für Intensivpatienten jeglicher Erkrankung zur Verfügung, 22 seien derzeit von Covid-19-Patienten belegt.

Die Mutanten hätten die Lage verschärft, so Prof. Zoremba weiter, da auch asymptomatisch Erkrankte nun bis zu 14 Tage ansteckend blieben. Bei allen jüngeren Fällen sei B117 nachgewiesen worden. Das Gute: Die Schnelltests stellten auch die britische Variante fest, die Impfungen von Biontech und AstraZeneca wirkten. „Die Impfung ist der Weg aus der Pandemie.“

Fast alle Neuinfektionen im privaten Umfeld

Mindestens vier Wochen seien erforderlich, um Infektionsketten nachhaltig zu durchbrechen. Er glaube jedoch nicht, dass nochmals verschärfte Maßnahmen dort beachtet würden, wo es am dringendsten nötig sei. Nahezu 100 Prozent der von außen eingelieferten Covid-Patienten hätten sich im privaten Umfeld infiziert. „Bei Treffen von Großfamilien, wo keine Masken getragen werden, weil man glaubt, Corona betreffe einen nicht.“ Dazu gebe es Patienten aus „sozialen Brennpunkten“. „So viel Polizei gibt es nicht, um dort zu kontrollieren, wo die notwendige Eigenverantwortung fehlt.“ Man wäre schon längst aus der Krise, hätten sich alle an die Schutz- und Hygienemaßnahmen gehalten. Wenn aber die Eigenverantwortung ausbleibe, „dann muss der Gesetzgeber die letzte Patrone ziehen“.

„Die dritte Welle hat uns längst erreicht. Die Frage, die wir jetzt beantworten müssen, ist: Wie weit lassen wir sie noch ansteigen? Eine Zäsur muss kommen – am besten hart, aber kurz! Wir brauchen von der Politik ein klares Zeichen, das Ruhe bringt, und keinen Pseudo-Lockdown“, sagt Dr. Harald Smetak, Chefarzt der Intensivmedizin im DRK-Krankenhaus Kirchen. „Bei uns dauert es nicht mehr lange, bis unsere Kapazitäten erschöpft sein werden“, sagt der Mediziner, der Laschets Forderung nach einem strikteren Lockdown gutheißt: „Dann aber bitte überall und für alle gleich.“

Patienten werden immer jünger

50 Prozent der Covid-Intensivbetten seien belegt, die Infektionsstation sei voll, eine weitere Station daher nun für diese Zwecke hergerichtet worden: „Von den maximal zehn Betten dort sind derzeit sechs frei.“ Chirurgische Stationen seien zusammengelegt worden, Operationen würden verschoben. „Wir versorgen mehr Covid-Patienten als während der ersten und der zweiten Welle“, sagt er und weist auf einen erschwerenden Umstand hin: Die Patienten werden immer jünger – bis hin zum Jahrgang 1970.

Damit verlängert sich die „Liegezeit“ von vormals zwei bis drei auf nunmehr durchschnittlich fünf bis sechs Wochen: „Das potenziert sich dann hoch.“ Am Osterwochenende habe man zwei Patienten aus Hachenburg aufgenommen, weil dort die Kapazitätsgrenze überschritten war. „Auch kräftemäßig fühlen wir uns am Rande des Möglichen“, sagt Dr. Smetak nach über einem Jahr Pandemie. Bundesweit ist davon die Rede, dass Pflegekräfte erschöpft das Handtuch werfen, sogar kündigen. „Das ist bei uns zum Glück nicht der Fall“, sagt der Chefarzt: Früh seien in Kirchen die besonders hoch belasteten Stationen gestärkt, sei dort die Personaldecke verdoppelt worden.

Entspannter sieht die aktuelle Situation bei der Kath. Hospitalgesellschaft Südwestfalen aus. Für das St.-Martinus-Hospital in Olpe und St.-Josefs-Hospital Lennestadt spricht Chefarzt Dr. Matthias Danz auch im Namen seines Chefarzt-Kollegen Dr. Frank van Buuren von derzeit zwei bis drei Corona-Intensivpatienten. „Es gibt aber durchaus auch enge Phasen, an denen die Betten knapp werden oder radikale Einzelschicksale“ zu Extrembelastungen führen. „Das Gute ist: Wir können unsere jetzige Entspannung teilen.“ Man werde bei Bedarf Patienten aus anderen Regionen aufnehmen. Anfragen liegen schon vor. Zu einem verschärften Lockdown wolle er sich als Intensivmediziner nicht äußern. Dies sei eine politische Entscheidung. Und doch richtet auch Dr. Danz einen Appell an die Politik: Sie solle sich endlich mehr Gedanken über die Menschen machen, die in der Krankenpflege arbeiten. „Unser Pflege-Team ist Gold wert! Das sind super Charaktere, die eine Wahnsinnsleistung bringen!“ Mit symbolischem Klatschen sei es nicht getan.

Autor:

Tim Lehmann (Redakteur) aus Siegen

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