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Gespräche an der Sieg
Jetzt ist die Zeit zum Zuhören

Gespräche mit der geforderten Distanz. SZ-Redakteur Kalle Schlabach (l.) und der Imbissbetreiber Yahja Yaldiz bei einem der Treffen am Siegufer nahe der Oberstadtbrücke.  Foto: rt
  • Gespräche mit der geforderten Distanz. SZ-Redakteur Kalle Schlabach (l.) und der Imbissbetreiber Yahja Yaldiz bei einem der Treffen am Siegufer nahe der Oberstadtbrücke. Foto: rt
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kalle Siegen. Es sind zwei ältere Männer, die seit einigen Tagen in der Mittagszeit gemeinsam an der Sieg in der Unterstadt stehen und sich bei einem Glas Tee austauschen. Austauschen über das derzeit einzige Thema, das die Menschen weltweit interessiert und damit auch in Siegen bewegt, das Coronavirus, das alles auf den Kopf stellt.

Die Sieg hat ihre Geschwindigkeit in diesen Tagen verlangsamt. Das Hochwasser der vergangenen Wochen ist längst in der Nordsee angekommen. Die beiden Männer schauen den Enten zu, die im Wasser spielen. In der Stadt ist gespenstige Ruhe eingekehrt. Kaum jemand überquert die Oberstadtbrücke.

kalle Siegen. Es sind zwei ältere Männer, die seit einigen Tagen in der Mittagszeit gemeinsam an der Sieg in der Unterstadt stehen und sich bei einem Glas Tee austauschen. Austauschen über das derzeit einzige Thema, das die Menschen weltweit interessiert und damit auch in Siegen bewegt, das Coronavirus, das alles auf den Kopf stellt.

Die Sieg hat ihre Geschwindigkeit in diesen Tagen verlangsamt. Das Hochwasser der vergangenen Wochen ist längst in der Nordsee angekommen. Die beiden Männer schauen den Enten zu, die im Wasser spielen. In der Stadt ist gespenstige Ruhe eingekehrt. Kaum jemand überquert die Oberstadtbrücke.

Auf der einen Seite der Muslim Yahja Yaldiz, auf der anderen Seite, meist gut zwei Meter entfernt, SZ-Redakteur Kalle Schlabach, der seit über 40 Jahren ganz nah am Leser für die Siegener Zeitung unterwegs ist. Yaldiz ist Familienvater und erfolgreicher Unternehmer. Mit 14 Jahren ist er in Deutschland angekommen, er hat 18 Dönerimbisse in Hessen und Nordrhein-Westfalen aufgebaut. Eigentlich wollte die gesamte Familie nur ein Jahr bleiben. Doch es sind Jahrzehnte geworden. Der 55-Jährige ist stark wie ein Pferd. Seine Ausstrahlung ist positiv, Arbeit ist für ihn wichtig, das hat er von seinem Vater gelernt, der 1970 als Gastarbeiter in Deutschland ankam und in der Schwerindustrie seine Brötchen verdiente.

Ein Zeichen des lieben Gottes?

Bei Yahja Yaldiz schlagen zwei Herzen in der Brust. Das eine schlägt für Deutschland, das Land, das er persönlich als das erfolgreichste der Welt bezeichnet. Das Land, in dem seine beiden Kinder studieren konnten. Doch das andere Herz schlägt für die Türkei. Er glaubt als Moslem an den lieben Gott. Und er glaubt daran, das aktuell die Welt ein Signal bekommt. Das Signal lautet, so dürft ihr nicht weitermachen. Es dürfen keine Kinder in Syrien und in anderen Krisengebieten auf der Welt mehr sterben. Menschen in Afrika sterben Tag für Tag zu Hunderten an Hunger. „Ist es nicht ein Zeichen des lieben Gottes, dass wir uns alle lieben müssen?“, fragt er. Es gibt auf der Welt genügend Menschen, die so viel essen, dass sie davon krank werden. Andere haben nicht mal eine Brotscheibe. Er fragt: „Ist es noch richtig, dass es den einen gut geht, die sich alles leisten können, und andere nicht wissen, ob sie den morgigen Tag überleben werden?“

„Wir erleben etwas, was die gesamte Welt betrifft, ist das nicht ein klares Signal von ganz oben?“, sagt der 55-Jährige. „Ist das nicht ein Zeichen, das uns sagt, dass wir alle respektvoll miteinander umgehen sollen?“ Yaldiz, ein Kerl wie ein Felsen, schießen plötzlich die Tränen in die Augen. „Darf die Menschheit es erlauben, dass kleine Kinder in Syrien oder in anderen Regionen auf der Welt in einem Krieg getötet werden? Darf es sein, dass Kinder verhungern und wir werfen jeden Tag tonnenweise Brot in der Abfall? Wir müssen uns ändern!“ Ich höre meinem Gegenüber aufmerksam zu. Yahja Yaldiz erzählt von einem kleinen Jungen, den er im Fernsehen gesehen hat. Das Kind hatte drei Geschwister und seinen Vater im Bombenhagel verloren. „Ich werde den lieben Gott fragen, ob das richtig ist, was hier passiert“, sagte das Kind unter lautem Weinen.

Ja, er hat Recht. Doch ob uns Gott dieses Signal gibt? Ich weiß es nicht. Ich spüre nur, dass diese Gedanken meines Gegenübers es wert sind, genau durchdacht zu werden.

Große Nächstenliebe

Ich selbst bin hin- und hergerissen. Noch scheinen wir in Deutschland die Dinge im Griff zu haben. In der Region wird ein ausgemustertes Krankenhaus wieder aktiviert. Die Mitarbeiter in den Krankenhäusern stehen Gewehr bei Fuß, wenn es zu den erwartenden Einlieferungen von Schwerkranken kommt. Man kann sich auch auf die vielen Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, verlassen. Das konnte man auch schon erleben, als über eine Millionen Flüchtlinge das Land überfluteten. Die Nächstenliebe ist groß – und in der Region noch etwas größer als anderswo.

Beide wissen wir nicht, wie es weitergeht. Da geht es den Männern ähnlich, wie den politisch Verantwortlichen in Berlin und Düsseldorf. Doch eines hat dieses üble Virus geschafft: Beide sind sich an der Sieg näher gekommen. Der Muslim und der Journalist, sie verstehen sich besser.

Autor:

Karl-Hermann Schlabach (Redakteur) aus Siegen

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