Jugendliche haben wieder Vorbilder

Die Eltern stehen ganz oben:

Jürgen Zinnecker: Medien spielen wichtige Rolle/Autoritätsverlust bei Lehrern und Meistern

kk Siegen. Wie und wohin entwickelt sich die Jugend in Deutschland? Diese Frage war und ist seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges für westdeutsche Wissenschaftler aktuell. Zur Antwortfindung gehört die klassische Frage nach Vorbildern. Die stellt seit 1984 auch der Erziehungswissenschaftler Dr. Jürgen Zinnecker, der seit 1986 an der Universität Siegen forscht und das Siegener Zentrum für Kindheits-, Jugend- und Biografieforschung gegründet hat. Derzeit ist diese Frage wieder hochaktuell. Wird doch der Autoritätsverfall im nahen Umfeld von Kindern und Jugendlichen beklagt. Lehrer, Handwerksmeister und Pfarrer sind beispielsweise betroffen. Nur die Eltern haben ihre Vorbildfunktion behalten, weiß der Wissenschaftler zu berichten.

Die Statistik gewährt tiefere Einblicke: In den 50er Jahren hatten 44 Prozent der jungen Menschen im Alter zwischen 15 und 24 Jahre ein Vorbild oder sogar mehrere Vorbilder. 1996 gaben nurmehr 20 Prozent dieser Altersklasse an, noch Vorbilder zu haben. Zinnecker: »Wir haben uns schon gefragt, ob Vorbilder völlig out sind.« Doch dann kam mit der Jahrtausendwende der Wechsel. 2002 gaben stattliche 56 Prozent der im Rahmen der Shell-Studie Befragten an, Vorbilder zu haben. Nachfolgende Studien belegten, dass dieser Trend weiter aktuell ist.

Der Wissensdurst der Forscher war geweckt. Sie wollten erkunden, woher das Revival der Vorbilder kommt und ob diese sich im Laufe der Jahrzehnte geändert haben. Zinnecker: »Die 56 Prozent sind eindeutig ein Phänomen der Mediengesellschaft.« Denn: Die Vorbilder der jungen Leute sind den Medien entliehen. Startschuss für diese Entwicklung gab der Einzug kommerzieller Fernsehsender in den 80er Jahren. Die Präferenzen von Mädchen und Jungen sind verschieden. Mädchen richten sich zuvorderst nach der Mutter und dann nach Sängerinnen und Schauspielerinnen aus. Lehrerinnen werden nur von 2 Prozent der Jugendlichen als Vorbilder genannt. Jungen orientieren sich an erster Stelle an Sportlern, dem Vater und Sängern. Religiöse Männer kommen gerade einmal auf 2 Prozent der Nennungen.

Die Gründe für diese Entwicklung liegen für Zinnecker auf der Hand: »Das hat mit der Krise des Berufslebens zu tun.« Will heißen: »Sowohl Meister als auch Lehrer können nicht mehr so viele Perspektiven aufzeigen wie früher.« Viele junge Menschen verbinden ihre Hoffnung daher mit Glamourberufen. Je höher der Bildungsgrad ist, desto eher weicht der Traum jedoch der Wirklichkeit.

Die Medien laden beileibe nicht nur zum Träumen ein. Zinnecker: »Sie zeigen auch, dass man nicht einfach schnell ein Star werden kann.« Viele Beiträge kreisten um aktuelle Vorbilder. Bei den Jugendlichen komme an, dass Werte wie Fleiß, Anstrengung und Bildung wichtig seien. Der Erziehungswissenschaftler: »Die Jugendlichen sind davon überzeugt, dass der Faktor Anstrengung für den Werdegang viel wichtiger ist als der Faktor Glück.« Das habe nicht zuletzt zur Folge, dass viele Hauptschüler sich selbst die Schuld an ihrer schlechten Perspektive gäben. Zinnecker: »Die Medien zeigen ein Stück weit, dass sich individuelle Anstrengung in der Laufbahn lohnt.« Vor allem Serien zeigen noch andere Folgen: »Berufe wie der des Polizisten und Mediziners erhalten eine Aufwertung.« Durch eine entsprechende Darstellung auf dem Bildschirm genössen sie hohes Vertrauen unter jungen Menschen.

Bei den Vorbildern gibt es also Gewinner und Verlierer. Die Eltern bleiben wichtigstes Vorbild – gestärkt durch die Liberalisierungswelle in der Erziehung. Die Auflehnung in den 60er und 70er Jahren gegen die elterliche Erziehung ist endgültig passé. Den Lehrern indes bekam die Liberalisierungswelle weniger gut. Auch die Kirchenvertreter haben in weiten Teilen ihre Autorität und ihre Vorbildfunktion verloren. Zinnecker: »Die Hoch-Zeit der Kirchlichkeit der 50er Jahre ist völlig verfallen.« In ihrer Vorbildfunktion deutlich zugelegt haben Großeltern und ältere Geschwister.

In der einstigen DDR gab es kein Vorbild-Tief. Zinnecker. »Dort glaubten die Jugendlichen viel länger, dass Meister und Lehrer ihnen einen Lebensweg weisen können.« Daher sei deren Ansehen länger hoch gewesen. Die Medien hätten durch die Regulierung eine weit weniger führende Rolle gespielt.

Die Frage, die die Wissenschaftler nun bewegt, ist die nach den Qualitäten der Nahpersonen, über die die Medien nicht verfügen. Zinnecker: »Es geht um die konkrete Vorbildfunktion, darum, wer Wege und Mittel aufzeigt, die zum Ziel führen.« Nur die Eltern als verbleibende greifbare Vorbilder könnten überfordert sein.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Eine/r folgt diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.