Junge Klassik macht Vergnügen

ne Siegen. „Who’s afraid of twentieth century music?“ betitelte Dirigent Russell N. Harris fragend das zweite und letzte „Young-Classics“-Konzert der Saison – wer hat Angst vor Musik des 20. Jahrhundert? „Niemand!“, möchte man ihm entgegnen, doch es stellte sich im Verlauf der überragend gelungenen Musikveranstaltung heraus, dass man dafür nicht die Hand ins Feuer legen sollte.

Das ausverkaufte Haus erwartete klug ausgewählte Kostproben berühmter wie eher unbekannter Komponisten des vergangenen Jahrhunderts, amüsant und kurzweilig moderiert von einem gut aufgelegten Russell N. Harris und ausdrucksstark intoniert von dem nun wirklich nicht hoch genug einzuschätzenden besten Klangkörper Südwestfalens, der Philharmonie.

Den Abend eröffnete Harris stilsicher mit Dmitri Borissowitsch Kabalewskys Ouvertüre zur 1937 komponierten Oper „Colas Breugnon“: freche, verspielte Harmonik ohne Formalismusverdacht. Mit der „Unanswered Question“, der letztendlich unbeantworteten Frage also, die der lange verkannte amerikanische Komponist Charles Edward Ives erstmalig 1906 sich und einer nicht nur damals verstörten Hörerschaft stellte, eröffneten die Musiker um Russell N. Harris die akustische Expedition in oft unbekannte und zu Unrecht gescheute Klangwelten. Ives, der sich seine musikalische Unabhängigkeit sein Leben lang dadurch bewahrte, dass er sehr erfolgreich ein eigenes Lebensversicherungsbüro gründete und betrieb, stellt hier mit Solotrompete, vier Flöten und Streichern ganz im Sinne damaliger „Fin-de-Siècle“-Verstörtheit, geschult vom Geiste Thoreaus, aber auch Nietzsches oder Freuds, die Frage nach der menschlichen Existenz: Ohne plakatives Pathos, ganz zögerlich auf dem fast monotonen Klangteppich der Streicher, immer fragwürdiger formulierend auf die Phrase der Solotrompete antworten die vier Flöten, bis sie sich im scheinbaren Chaos auflösen – und verstummen. Große Musik.

Ähnlich anspruchsvoll, aber stets vergnüglich eingeleitet vom sympathischen Chefdirigenten der Philharmonie, folgten Entdeckung auf Entdeckung im abwechslungsreichen Programm, das beileibe nicht den Anspruch hatte, sämtliche Komponisten-Ikonen des 20. Jahrhunderts vorzustellen, das wäre auch im Rahmen einer Abendveranstaltung ein utopisches Unterfangen. Es war aber glänzend dazu angetan war, neugierig zu machen auf das vielschichtige, spannende Jahrhundert mit der größten kompositorischen Vielfalt und Stilistik der Musikgeschichte.

Paul Hindemith fehlte nicht mit einem frechen, fast parodistischen Ragtime von 1922, der seine Liebe und Beschäftigung mit Johann Sebastian Bach paraphrasierte, dann schwelgte das Publikum, das ganz bei der Sache war, in dichten Soundscapes des 1949 geborenen Dänen Poul Ruders („Tundra“, 1990) oder begleitete eine szenische Komposition des 1947 geborenen Postminimalisten John Adams („The Chairmans Dances“, 1986).Weitere Kompositionen von Britten, Barber, Pärt, Strawinsky und Werner Egk bewiesen einmal mehr die unglaubliche Flexibilität des Klangkörpers Philharmonie Südwestfalen, die ihrem charismatischen Dirigenten nicht zuletzt gerade diese Erweiterung ihres Repertoires mit zu verdanken hat.Zwei weitere Höhepunkte verdienen, besonders erwähnt zu werden: Die beiden Perkussionssolisten Simon Bernstein und Slavik Stakhov bewiesen in einem fast überwältigenden Zusammenspiel in zwei ganz jungen Kompositionen für verschiedene Schlaginstrumente ihre Virtuosität und das Vermögen, sich ganz auf seinen Duettpartner einlassen zu können. Wunderbar exakt intonierten die beiden Vollblutmusiker die zum Teil hochkomplexen Partituren, ohne Fehl die schnellen Wechsel der manchmal recht exotischen Instrumente, mal Marimba, ein lateinamerikanisches Xylophon und japanische Trommeln oder zimbel-artige Glockenspiele, die beiden vielteiligen Schlagzeuge.Lang anhaltender Applaus wurde mit Zugaben von Anton Webern und Dimitri Schostakowitsch belohnt – ein wirklich gelungener, schöner Klassik-Abend, und so ist es ein wenig schade und scheint ganz unverständlich, dass nach der Pause plötzlich eine Handvoll Plätze leer blieben. Russel N. Harris und der Philharmonie möchte man mit Schiller zurufen: „Kannst du nicht allen gefallen, durch deine Tat und dein Kunstwerk, mach es wenigen recht: Vielen gefallen ist schlimm!“ Das Konzert hat es bewiesen: Durch das ständige Erweitern der Grenzen der eigenen Hörgewohnheiten kann man nur gewinnen!

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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