Kalkulierte Verwechslung

Charlotte Posenenske: „Vierkantrohre, Serie DW“ Foto: Thomas Kellner

sz Siegen. Im Rechteckkurs, in winkligen und kantigen Zügen durchquert eine riesige ockerbraune Pappskulptur den Ausstellungsraum des Museums für Gegenwartskunst Siegen. Wie ein gigantisches Belüftungsrohr tritt das Objekt aus der einen Wandseite aus, riegelt den lichtdurchfluteten Erkerbezirk ab, bäumt sich auf und schmiegt sich an der anschließenden Wand entlang. Hier richtet sich das aus rechteckig genormten Einzelteilen zusammen geschraubte Vierkantrohr bis in etwa zwei Meter Höhe auf.

Charlotte Posenenskes schlicht „Vierkantrohre, Serie DW“ genannte Objekte sehen so aus, als seien sie für eine Verkleidung der technischen Raumausstattung entworfen – sozusagen direkt aus dem Produktkatalog einer Papierfabrik bestellt. Tatsächlich hat die 1930 in Wiesbaden geborene und 1985 verstorbene Künstlerin die rohrartigen Elemente vor mehr als 40 Jahren als reproduzierbare Auflagenobjekte entwickelt. Zwei Ausführungen, einmal in Pappe und einmal in Alublech, ließ sie industriell als Werkserien fertigen. Aufgestellt wurden sie an verschiedenen Plätzen im Stadtraum, gezeigt auch bei Ausstellungen in Galerien.

„Sie nannte diese den Entlüftungsrohren ähnlich sehenden Objekte auch Kanäle und freute sich darüber, dass sie auch damit verwechselt wurden“, erläuterte ihr künstlerischer Nachlassverwalter und zweiter Ehemann Burkhard Brunn in einem Interview zur Siegener Retrospektive im Juni 2005. Anlässlich des 20. Todestages Posenenskes hat das Museum über 50 Arbeiten aus allen wichtigen Werkphasen der Künstlerin ausgestellt. „Das heißt“, so fügte Brunn ergänzend hinzu, „die Verwechselung mit den realen Gegenständen (...) ist im Grunde genommen auch eine Art des Verschwindens, eine Art des Verschwindens im Alltag. Man weiß nicht, ist es Kunst oder ist es keine Kunst. Aber natürlich ist das beabsichtigt.“

Beabsichtigt war ursprünglich auch, dass die Form der „Vierkantrohre“ von Helfern mitbestimmt und variiert werden kann. Die Künstlerin stellte lediglich ein Modulset aus vier Elementen zur Verfügung. Ihr Konzept sah es vor, dass die Quadratrohre, Halbquadratrohre, neben Verbindungsstücken und Übergangsrohren in Kooperation aufgebaut werden. 1967 hatte sie einmal für eine Performance in der Galerie Loehr in Frankfurt ein Helferteam aus vier Männern bestimmt. Bekleidet in weiße Lufthansa-Overalls nahmen diese unter ihrer Regie den ganzen Abend lang verschiedene Installationen der „Vierkantrohre“ vor. Heute übernehmen Kuratoren, Kustoden, Galeristen und Sammler den Aufbau. Für den Besucher ergibt sich bei jeder Ausstellungssituation ein neues Bild.

Charlotte Posenenske war eine Ausnahmekünstlerin, sie war ihrer Zeit weit voraus. Sie gilt als wichtigste Vertreterin eines deutschen Minimalismus, die früh damit begann, das Publikum in ihre künstlerische Arbeit einzubeziehen. Legendär wurde sie durch ihren radikalen Schritt, 1968, mit 38 Jahren, der Kunst den Rücken zu kehren und stattdessen Soziologie zu studieren. Als sie dies tat, hatte sie 1967 und 1968 bereits an wichtigen nationalen und internationalen Gruppenausstellungen teilgenommen und stand an der Schwelle zum künstlerischen Durchbruch, am Beginn einer internationalen Karriere. 2007 wurde ihr die Anerkennung posthum zuteil, ihre Arbeiten wurden auf der documenta XI gezeigt, was eine kunsthistorische Neubewertung ihres Werks bedeutet.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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