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Vom ersten Corona-Patienten bis heute
"Kamen im Krankenhaus an die Grenzen unserer Vorstellungskraft"

Dr. Anja Frevel, die Leiterin der interdisziplinären Intensivstation, und Teamleiter Kersten Schaab vom Kreisklinikum blicken auf ein außergewöhnliches berufliches Jahr zurück.
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  • Dr. Anja Frevel, die Leiterin der interdisziplinären Intensivstation, und Teamleiter Kersten Schaab vom Kreisklinikum blicken auf ein außergewöhnliches berufliches Jahr zurück.
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ap Weidenau. Von Anfang an ganz nah dran: Dr. Anja Frevel, Leiterin der interdisziplinären Intensivstation, und Teamleiter Kersten Schaab vom Kreisklinikum kümmern sich seit Tag eins um schwerkranke Corona-Patienten. Sie kämpfen seit über zwölf Monaten um das (Über-)Leben der Infizierten und ziehen nun eine Bilanz – vom ersten Patienten bis heute.

Wenn Sie das vergangene Pandemie-Jahr mit nur einem Wort beschreiben müssten – welches wäre das?
Kersten Schaab: Turbulent. Aber auch unberechenbar.

Was waren denn die größten Herausforderungen in dieser Zeit?
Dr. Anja Frevel: In diesem einen Jahr ist einfach so unglaublich viel passiert – nicht nur bei uns auf der Intensivstation. Wir leben mittlerweile auf eine Art und Weise, die man sich vorher hätte gar nicht vorstellen können.

ap Weidenau. Von Anfang an ganz nah dran: Dr. Anja Frevel, Leiterin der interdisziplinären Intensivstation, und Teamleiter Kersten Schaab vom Kreisklinikum kümmern sich seit Tag eins um schwerkranke Corona-Patienten. Sie kämpfen seit über zwölf Monaten um das (Über-)Leben der Infizierten und ziehen nun eine Bilanz – vom ersten Patienten bis heute.

Wenn Sie das vergangene Pandemie-Jahr mit nur einem Wort beschreiben müssten – welches wäre das?
Kersten Schaab: Turbulent. Aber auch unberechenbar.

Was waren denn die größten Herausforderungen in dieser Zeit?
Dr. Anja Frevel: In diesem einen Jahr ist einfach so unglaublich viel passiert – nicht nur bei uns auf der Intensivstation. Wir leben mittlerweile auf eine Art und Weise, die man sich vorher hätte gar nicht vorstellen können.

Vor einem Jahr haben sicher auch die wenigsten gedacht, dass das Virus uns so lange noch begleiten würde. Wann wurde Ihnen der Ernst der Lage richtig bewusst?
Frevel: Im Februar 2020 war ich noch Karneval feiern und im Ski-Urlaub. Und ich muss ehrlich sagen, dass ich zu dieser Zeit noch nicht gedacht habe, dass uns Corona so hart treffen wird. Der Moment, in dem ich persönlich die Lage als sehr ernst empfunden habe, war gar nicht auf der Arbeit. Das wurde mir erst so richtig bewusst, als meine Kinder nicht mehr zur Schule gehen konnten, die Geschäfte geschlossen wurden und über eine Ausgangssperre diskutiert wurde. Als wir dann von 16 auf 42 Beatmungsbetten aufgestockt haben, kamen wir im Krankenhaus an die Grenzen unserer Vorstellungskraft, wie das überhaupt zu stemmen sein soll.

Und wie war es dann tatsächlich für Sie, als die ersten Erkrankten auf die Intensivstation kamen?
Schaab: Bei der ersten Welle wussten wir gar nicht, was das Virus mit uns anstellt und wie infektiös es tatsächlich ist. Wir haben uns natürlich auch gefragt: Reichen unsere Schutzmaßnahmen? Was ist, wenn wir auf einmal keine Kittel und Masken mehr haben? Da hatten wir anfangs wirklich große Bedenken und auch Ängste. Die Lage wurde hier dann verdammt schnell verdammt ernst.
Frevel: Von den reinen Patientenzahlen hat uns die erste Welle glücklicherweise nicht so hart getroffen. Das sah in der zweiten dann schon etwas anders aus. Wir waren zwar besser darauf vorbereitet und routinierter in unseren Abläufen, aber die Anzahl der Patienten hat uns nach dem etwas ruhigeren Sommer wirklich viel, viel Kraft gekostet.

Können Sie sagen, wie viele Corona-Patienten Sie bislang intensivmedizinisch behandelt haben?
Frevel: Wie viele es sind, das weiß ich ganz genau. Bislang hatten wir 85 Corona-Patienten auf unserer Intensivstation. Viele von ihnen konnten wir gut behandeln, 27 Patienten sind leider verstorben.

Nehmen Sie diese (Einzel-)Schicksale auch heute noch mit nach Hause – bei unserem SZ-Interview Ende 2020 haben Sie bereits darüber gesprochen –, oder gelingt es Ihnen mittlerweile besser, nach Feierabend an etwas anderes als nur an die Arbeit zu denken?
Schaab: Das würde ich auf keinen Fall sagen. Von Routine kann man auch nicht sprechen. Aber es ist eine gewisse Sicherheit entstanden. Wenn ein Patient kommt, wissen wir genau, wie wir zu agieren haben. Jeder Handgriff sitzt. Die mentale Belastung spitzt sich aber immer weiter zu. Es hilft zwar, sich mit Kollegen auszutauschen, aber durch den langen Lockdown fehlt einfach der private Ausgleich zu unserer Arbeit.

Stichwort Freizeit: Wann haben Sie eigentlich das letzte Mal Urlaub gemacht? Lassen sich die Überstunden der vergangenen Monate überhaupt noch beziffern?
Frevel: Nein. Denn natürlich bleibt man eine Stunde länger oder springt ein, wenn Not am Mann ist. Das macht man gerne für das Team.
Schaab: Und selbst wenn man mal ein paar Tage frei hatte, konnte man nicht wirklich entspannen. Es braucht einfach Zeit, um aus dieser Belastung wieder rauszukommen.

Inwieweit hat das Erlebte Ihre Einstellung zum Leben verändert?
Schaab: Man lernt die ganz „normalen“ Dinge wieder mehr zu schätzen. Sich einfach mal mit Freunden und Kollegen in den Biergarten zu setzen und mal nicht an die Arbeit zu denken.
Frevel: … und sich auch einfach mal bewusst zu werden, wie gut es einem eigentlich geht und wie viele Freiheiten man hat.

Die harten Einschränkungen der vergangenen Monate werden ja aktuell stufenweise gelockert: Der Einzelhandel darf unter Auflagen wieder öffnen, genau wie Schulen und Kitas. Halten Sie das für angemessen?
Schaab: Das ist ein Drahtseilakt. Natürlich wäre es für uns im Krankenhaus besser, würden die Geschäfte weiterhin geschlossen bleiben. Aber was ist mit allen anderen, die jetzt schon so lange durch den Lockdown eingeschränkt sind? In unserem Team arbeiten viele Väter und Mütter, die auf der Arbeit und auch zu Hause die Belastung durch Corona und Home Schooling haben. Denen würde das Öffnen der Schulen schon enorm helfen, glaube ich.
Frevel: Ich möchte jedenfalls kein Politiker sein, der das entscheiden muss. Es ist schwierig, Prognosen zu stellen, weil man die Dynamik nicht vorhersehen kann. Aber ich sehe die Notwendigkeit, dass man der Bevölkerung irgendeine Perspektive bieten muss. Wir kommen alle an unsere Grenzen. Nach einem Jahr mit so viel Disziplin und Verzicht sehnt sich jeder nach einem Stück Normalität. Was das dann wirklich für uns bedeutet, wenn wir uns jetzt wieder mehr Freiheiten erlauben, das werden wir wohl erst in ein paar Wochen wissen. Ich hoffe aber, dass die Impfungen die Zahl der Patienten mit einem schweren Verlauf reduziert. Vielleicht bekommt man dadurch ja wirklich eine Art Balance hin.

Auch wenn (Zukunfts-)Prognosen sehr schwierig sind – gibt es irgendetwas, worauf Sie sich schon heute besonders nach der Pandemie-Zeit freuen?
Frevel: Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste Freude – aber die fehlt mir aktuell noch, leider.
Schaab: Was wir bei uns auf der Station aber schon gesagt haben: Wenn all das vorbei ist, veranstalten wir ein Riesenfest und feiern uns einfach mal die ganze Pandemie vom Leib.

Autor:

Alexandra Pfeifer

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