Karambolagen am laufenden Band

Groß war der Andrang bei der Eröffnung der Mitgliederausstellung des Kunstvereins. Um sich Gehör zu verschaffen, musste Vorsitzender Albrecht Thomas auf die Leiter ausweichen.  Foto: gmz
  • Groß war der Andrang bei der Eröffnung der Mitgliederausstellung des Kunstvereins. Um sich Gehör zu verschaffen, musste Vorsitzender Albrecht Thomas auf die Leiter ausweichen. Foto: gmz
  • hochgeladen von Archiv-Artikel Siegener Zeitung

gmz Siegen. Der Lärm war ohrenbetäubend: Die Mischmaschine im Eingang zum Haus Seel begrüßte am Donnerstagabend die Besucher der Mitgliederausstellung des Kunstvereins Siegen mit ihrem nervtötenden Mahlgeräusch. „Karambolage“ lautet das ohrenfällig präsentierte Motto der 14. Mitgliederausstellung, die Albrecht Thomas, Vorsitzender des Kunstvereins, nicht von der Kanzel, sondern von der Leiter herab eröffnete. Traute Fries, stellv. Vorsitzende des Kulturausschusses der Stadt Siegen, traute sich ebenfalls auf die Leiter („nicht umsonst heiße ich Traute!“) und überbrachte die Grüße von Rat und Verwaltung.

Ohne die Leiter wären die Redner kaum zu sehen und zu verstehen gewesen, war der Raum doch so voll wie selten: 73 Mitglieder des rund 450 Mitglieder zählenden Vereins haben Arbeiten zu diesem Thema eingereicht, und entsprechend groß war die Besucherzahl. Die Vielzahl der Arbeiten allerdings führte bei der Hängung nicht zu Karambolagen, hat es das „Hängungsteam“ doch verstanden, sie abwechslungsreich an den Wänden und in den Schaufenstern zu präsentieren. Wegen der großen Zahl der Besucher kam es im Raum auch immer wieder zu „Karambolagen“, die die Kunstvereins-Mitglieder mit einem nach dem „Ereignis“ diskret zugesteckten Merkblatt kommentierten: „Ich habe Sie gerade karamboliert.“

Karambolisistisch war auch der Zusammenstoß des Wilhelm-Busch-Gedichtes vom Hahn, das kanonartig vorgetragen wurde und einen Wortwust bildete, der den Raum mit seinem Lautgewirr erfüllte. Die Arbeiten in den unterschiedlichsten Techniken, vom klassischen Öl- oder Acrylbild über Zeichnungen, verschiedenste Collagen und Objekte bis hin zu Installationen, griffen das Thema konkret bis abstrahierend auf. In seiner Direktheit fast verstörend war Alfred Grimms „Fahrerflucht“, eine Installation, die die Relikte einer ganz konkreten Verkehrskarambolage zeigt: ein kleines, zerstörtes Fahrrad, eine rosafarbene Kindersandale, ein verbeultes Schild auf einer Verkehrsinsel. Den Rest möchte man sich nicht vorstellen müssen. Auch andere Arbeiten beschrieben die Karambolage „konkret“, wie Lidia Crainics „Karambolage-Folgen“ mit fliegenden Autoteilen und fliegenden Farben auf Leinwand.

Ins Absurde gewendet wird der Zusammenstoß in dem Foto von Christa Buck („Kein Anschluss unter dieser Nummer“), die eine „umgefahrene“ Telefonzelle an einer einsamen Straße, offenbar in den schottischen Highlands, zeigt, das einzige Hindernis weit und breit, das zu einem Zusammenstoß einlud. Ulrich Bender gibt der Karambolage einen weiteren „Alltagswert“, wenn er zwei sich sichtbar streitende Figuren an einen Tisch platziert und den Dialog dazu mitliefert: „Du hättest es so machen sollen“ …

Witzig ist die Begegnung von wuscheliger Hundenase und Feder (Annette Wojtkowiak), verblüffend die drohende Kollision des Betrachters mit einem fotorealistisch gemalten Nilpferd, das aus dem Wasser auftaucht und direkt aus dem Bild schwimmt (Beate Osterloh), auffordernd der „Crash“-Test zum Selbermachen von Klaus Schnutz (Auflageobjekt).Hintergründig und voller Ironie präsentiert Franz-Josef Weber eine „Dauerleihgabe von Jochen Laube, Museumstechniker und Dompteur“, dessen zerlöcherter weißer Handschuh in einem Rahmen gezeigt wird, versehen mit der Unterschrift: „Schutzhandschuhe nach Tuchfühlung mit spitzem Kunstwerk: jetzt atmungsaktiv“. Frappierend ist auch der Knall, mit dem Albrecht Thomas sein „Spielgerät zur Hörbarmachung heterogener Künstlerpositionen“ versehen hat. Passt das Bild nicht, kann man es akustisch und optisch zerstören und dann die Krise als Chance für eine neue Zusammensetzung begreifen!Kennen wir solche Karambolagen nicht!?!? Der Kunstverein ist thematisch am Puls der Zeit!

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Eine/r folgt diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.