»Kein einfacher Weg«

Blinde Natalie Geese besucht das Ev. Gymnasium Weidenau

kk Langenholdinghausen. Natalie Geese war und ist immer noch eine Ausnahme. Vor acht Jahren sorgte sie für Aufsehen: Das zierliche Mädchen aus Langenholdinghausen wurde am Ev. Gymnasium in Weidenau aufgenommen. Sie war damit die erste Blinde im Kreisgebiet, die eine weiterführende Regelschule besuchte, mit Sehenden gemeinsam die Schulbank drückte. Im nächsten Jahr steht für die 20-Jährige das Abitur an. Geht alles glatt, möchte sie danach studieren. »Etwas wie Sozialwissenschaften« schwebt ihr vor. Dann soll es in den Journalismus gehen.

Natalie Geese hat recht selbstsicher Zukunftspläne geschmiedet. Das bedeutet auch für ihre Eltern viel. »Ich bin schon irgendwie stolz, dass es so geklappt hat. Vor allem, wenn Natalie im nächsten Jahr das Abitur schafft«, resümiert Mutter Doris auf der Bank im heimischen Garten. An den nicht immer einfachen Weg, der hinter der Familie liegt, kann sie sich ad hoc nicht mehr genau erinnern. Zu normal ist mittlerweile das »Normale« geworden. Und doch weiß sie: Hätten die Schule und die Lehrer nicht so mitgezogen, sich nicht so eingebracht und engagiert, dann wäre vieles anders gekommen. Dann hätte Natalie das Blindengymnasium in Marburg besuchen müssen. Die fünfjährige Grundschulzeit hatte das Mädchen in Soest absolviert. Nochmals wollte die Familie die Tochter nicht aufs Internat geben.

Natalie Geese ist heute glücklich darüber, dass sie in ihrer heimischen Umgebung beschult wird. Sie hat Freundinnen gefunden und muss sich während der Woche nicht von Eltern und Bruder trennen. Die Pädagoginnen und Pädagogen am Ev. Gymnasium unterrichten die Blinde freiwillig, nehmen dafür auch Mehraufwand in Kauf. Im Unterricht hat sich so manches geändert: Was an die Tafel geschrieben wird, wird laut vorgelesen, so dass Natalie die Informationen in ihren Computer eingeben kann. Bilder werden beschrieben und mithilfe von Schwellpapier kann die Blinde Darstellungen ertasten. Im Fach Kunst gab es für das Mädchen zeitweise Einzelunterricht: »Ich habe getöpfert oder mit Stoff gearbeitet.« Halt mit Dingen, die mit Händen zu greifen und begreifen sind.

Die Zusage der Schule, Natalie zu unterrichten, kam etappenweise. Erst probeweise auf zwei Jahre, dann bis zur zehnten Klasse, nun bis zum Abitur. Bis zur zehnten Klasse stand der blinden Schülerin eine Abulanzlehrerin zur Seite. Die kam einmal pro Woche. Doris Geese: »Sie hat Natalie beispielsweise englische Kurzschrift in Blindenschrift beigebracht.« Englisch ist mittlerweile neben »Sowi« Natalies Leistungs- und Lieblingsfach.

Seit der Jahrgangsstufe 11 steht der jungen Dame ein Zivildienstleistender zur Seite. Der scannt in einem eigens von der Schule dafür vorgesehenen Raum vor den Stunden das Lehrmaterial ein. Der Computer spuckt dann alles in Blindenschrift aus. Mit den Büchern ist das eine andere Sache. Was besprochen werden soll, müssen die Lehrer frühzeitig festlegen. Für die Übersetzung sorgt dann ein Förderzentrum in Soest. Doris Geese: »Das hat nicht immer geklappt.« Aber meistens. Vor allem Dank des Einsatzes von Schule und Eltern.

Natalie hat sich bewusst fürs Ev. Gymnasium entschieden. Wohl wissend, dass sie nicht den einfacheren Weg gewählt hat. Eine Woche lang schaute sie sich das Blindengymnasium in Marburg an. Ihr Fazit: »Die haben zwar mehr Hilfsmittel, die Freundschaft mit Sehenden ist mir aber wichtiger.« Letztere ist über die Jahre langsam gewachsen. Natalie Geese: »Am Anfang waren alle ziemlich neugierig.« Alle wollten wissen, wie man als Blinde arbeitet und was es bedeutet, blind zu sein. Dem Neuheitswert folgte der Alltag. »Dann haben sie sich eine ganze Zeit lang wenig um mich gekümmert«, hakt die 20-Jährige eine Spanne ab. »Jetzt bin ich einfach akzeptiert. Ich bekomme Hilfe, wenn ich sie brauche.« Und: »Ich werde behandelt wie ein ganz normaler Mensch.«

Würde sie anderen Blinden raten, den Schritt aufs »normale« Gymnasium zu tun? Natalie Geese zögert einen Moment: »Es ist vielleicht nicht jeder dafür geeignet«, schätzt sie die Lage ein. »Man muss schon sehr viel Selbstbewusstsein haben und sich durchsetzen können.« Hilfe einfordern, Lehrer darauf aufmerksam machen, Unterlagen frühzeitig abzugeben – Dinge, für die ein starker Wille vonnöten ist. »Ein einfacher Weg ist das nicht«, gesteht auch Mutter Doris ein. »Blind sein ist schon eine gravierende Behinderung«. Trotz verschiedener technischer Hilfsmittel müssten nicht zuletzt die Lehrer viel Einfühlungsvermögen an den Tag legen, um Inhalte zu vermitteln.

Ungeachtet aller Widrigkeiten – die Familie Geese würde die vor Jahren getroffene Entscheidung wieder treffen. Natalies Freundinnen üben sich für Gratulationskarten schonmal in Blindenschrift, nehmen Natalie hierhin und dorthin mit, suchten gar eine Fahrschule, die bereit ist, eine Blinde einmal hinters Steuer zu lassen. Doris Geese: »Das ist der ganz tolle Erfolg einer Integration.«

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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