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Gründerinnen berichten von ihrer Selbstständigkeit - und Vorurteilen
Kein Hobby, sondern Beruf

Eva Christina Becker wollte raus aus ihrem Angestelltenverhältnis. 2009 machte sie sich selbstständig: „Ich habe alles auf eine Karte gesetzt.“
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  • Eva Christina Becker wollte raus aus ihrem Angestelltenverhältnis. 2009 machte sie sich selbstständig: „Ich habe alles auf eine Karte gesetzt.“
  • Foto: Kira Stein
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

sp Siegen/Oberschelden. Für Eva Christina Becker war es der große Wendepunkt in ihrem Leben. Sie kündigte ihren Job, machte eine Ausbildung zur Hochzeitsplanerin und schrieb ein halbes Jahr lang an einem Business-Plan, der am Ende 150 Seiten umfasste. Die gelernte Industriekauffrau aus Oberschelden war nicht mehr zufrieden in ihrem Angestelltenverhältnis. Eine Position, auf die sie gehofft hatte und die ihr versprochen wurde, bekam sie nicht – stattdessen ein Mann, der von außerhalb kam. „Manchmal ist es schwer, als Frau die gleiche Anerkennung zu bekommen wie ein Mann für die Arbeit, die man leistet.“ Das Frustlevel war hoch. Ihre Gedanken: „Mir fehlt Kreativität, eigenständiges Agieren. Du musst was ändern, du musst einen Job machen, der dich erfüllt.

sp Siegen/Oberschelden. Für Eva Christina Becker war es der große Wendepunkt in ihrem Leben. Sie kündigte ihren Job, machte eine Ausbildung zur Hochzeitsplanerin und schrieb ein halbes Jahr lang an einem Business-Plan, der am Ende 150 Seiten umfasste. Die gelernte Industriekauffrau aus Oberschelden war nicht mehr zufrieden in ihrem Angestelltenverhältnis. Eine Position, auf die sie gehofft hatte und die ihr versprochen wurde, bekam sie nicht – stattdessen ein Mann, der von außerhalb kam. „Manchmal ist es schwer, als Frau die gleiche Anerkennung zu bekommen wie ein Mann für die Arbeit, die man leistet.“ Das Frustlevel war hoch. Ihre Gedanken: „Mir fehlt Kreativität, eigenständiges Agieren. Du musst was ändern, du musst einen Job machen, der dich erfüllt.“

Ausbildung zur Hochzeitsplanerin

Wenige Tage bevor sie als Zeremonienmeisterin die Hochzeit einer Freundin begleitete, las sie von einer Ausbildung zur Hochzeitsplanerin. Ihr Interesse war geweckt. 2009 entschied sie sich, neben ihrem Beruf die Ausbildung an den Wochenenden zu absolvieren, ihren Job zu kündigen und die Vorbereitungen für ihre Selbstständigkeit zu treffen: „Ich habe alles auf eine Karte gesetzt.“ Sie informierte sich im Internet, hatte Gespräche mit der IHK, füllte Fragebögen aus, die ihr verraten sollten, ob sie ein Typ für die Selbstständigkeit ist. „Ich bin da nicht blauäugig dran gegangen.“ Im Dezember 2009 meldete sie dann ihr Gewerbe als Hochzeitsplanerin an, das sie mittlerweile um die Bereiche Eventorganisation und Geschäftspartnerbetreuung erweitert hat. Eva Christina Becker gehört zu den wenigen Frauen, die den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt haben.

Frauen gründen oft anders

Bundesweit seien im vergangenen Jahr nur 15,7 Prozent aller Gründungen eines Start-ups auf Frauen entfallen, sagt NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP). Es müsse mehr Gründerinnen, mehr Vorbilder geben. Eva Christina Becker hatte bereits vor elf Jahren eine solche Vorreiter-Position. Nicht nur mit der Branche, die damals noch weniger bekannt war und ernst genommen wurde, sondern auch, weil sie sich als Frau selbstständig gemacht hatte. Sie nahm an Podiumsdiskussionen teil, ging an die Öffentlichkeit. Unterstützung, die explizit darauf ausgerichtet war, Frauen bei der Gründung eines Unternehmens zu begleiten, bekam sie nicht. „Ich wäre froh gewesen, wenn mich jemand an die Hand genommen hätte.“ Gemeinsam mit anderen Frauen gründete sie in Kreuztal den Verein „Frauen zeigen Vielfalt“. Der Bedarf für Netzwerke von und für Gründerinnen war da. „Wir wollten Frauen in der Wirtschaft sichtbar machen.“ Und: „Frauen gründen oft anders, machen sich vielleicht mehr Gedanken, und sie gründen aus anderen Situationen heraus.“

Gründungen werden als Hobby abgetan

Die 41-Jährige muss sich noch immer beweisen: „Auch nach elf Jahren werde ich noch gefragt: Hochzeitsplanerin? Das gibt es hier? Und kann man davon leben? Das werde ich immer gefragt – und meistens von Männern.“ Überhaupt muss sie sich vor allem bei älteren männlichen Firmenchefs beweisen. Als es um die Organisation eines Tages der offenen Tür ging, wurde sie kritisch gefragt: „Und Sie glauben, Sie können das?“ Die Gründungen von Frauen werden oft als Hobby abgetan, stellt Becker fest. Zu kämpfen hat sie aktuell aber vor allem mit der Corona-Pandemie: „Ich dachte, das Gründungsjahr war das härteste, aber das war eigentlich nur ein Spaziergang. Man wird jetzt einfach vom Markt gefegt.“

Gewerbe für Korrekturen

Julia Förster (31) aus Siegen ist ebenfalls Gründerin. Sie machte sich neben ihrem Beruf selbstständig. Sie beendete 2014 ihr BWL-Studium mit einem Masterabschluss. Die Jobsuche gestaltete sich schwierig. Sie wollte gerne im Personalmanagement arbeiten und begann an der Uni Siegen als Gründerberaterin. Das Problem: Es handelte sich um eine Halbtagsstelle. „Ich wollte mir etwas dazuverdienen“, und so meldete sie ein Gewerbe für Korrekturen an.

Bürokratie nimmt viel Zeit in Anspruch

„Die erste Gründung war recht simpel“, sagt sie, denn aufgrund ihrer Stelle hatte sie bereits das nötige Hintergrundwissen und entsprechende Kontakte. Sie wusste, wo sie sich anmelden muss, welche Formulare auszufüllen sind. Das half ihr auch, als sie 2017 gemeinsam mit ihrem Partner und einem weiteren Freund ein zweites Unternehmen für Unternehmensberatung gründete, eine GmbH. „Ich fand das total zäh“, sagt sie im Nachgang über den langen Weg bis zum Ziel: „Die Bürokratie einer Gründung nimmt unheimlich viel Zeit in Anspruch.“ Dass sie gemeinsam mit zwei Männern ein Unternehmen gegründet hat, empfindet sich als Vorteil: „Wir haben ergänzende Fähigkeiten.“

Frauen verkaufen sich häufig unter Wert

Als gut vernetzte Gründerin und Beraterin sagt sie: „Ich kenne total viele Frauen, die gegründet haben, weil sie ein Kind haben, weil sie sich ihre Zeit einteilen können.“ Viele Frauen machten sich selbstständig im Bereich Coaching oder Kreatives. Und: „Ich glaube, dass Frauen viel planerischer vorgehen. Sie hinterfragen sich viel mehr: Kann ich das überhaupt? Männer machen oft einfach mal.“
Nicht selten würden sich Frauen unter Wert verkaufen. „Das habe ich am Anfang auch gemacht und für eine Korrektur nur 50 Euro genommen.“ Förster rät Frauen, den Preis für ihre Leistung zu nehmen, den sie verdienen. „Frauen fragen sich oft, darf ich auch Geld dafür nehmen, wenn ich das gerne mache?“, berichtet die Beraterin von ihren Erfahrungen: „Ja, das dürfen sie. Es ist ja auch Arbeit.“

Eva Christina Becker wollte raus aus ihrem Angestelltenverhältnis. 2009 machte sie sich selbstständig: „Ich habe alles auf eine Karte gesetzt.“
Julia Förster ist Unternehmensberaterin.
Autor:

Sarah Panthel (Redakteurin) aus Siegen

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