Runder Tisch im Lyz diskutierte eifrig
Kein Königsweg zu besserem Bus-ÖPNV erkennbar

Neue Busse machen noch keinen perfekten ÖPNV, es fehlen Fahrer in Siegen und Umgebung. Unter anderem ist eine größere Zahl zur Westerwaldbahn gewechselt.  Foto: mir
  • Neue Busse machen noch keinen perfekten ÖPNV, es fehlen Fahrer in Siegen und Umgebung. Unter anderem ist eine größere Zahl zur Westerwaldbahn gewechselt. Foto: mir
  • hochgeladen von Michael Roth (Redakteur)

mir Siegen.  Wie geht es weiter im Bus-ÖPNV? Dazu tauschten sich ZWS-Beirat, Politiker (fast) aller Fraktionen im Kreistag, Verwaltungsexperten und interessiertes Fachpublikum im Lyz aus. Wichtig zu wissen: Der von der Bezirksregierung Arnsberg genehmigte Baustellenfahrplan ist befristet bis 15. Januar 2020. Gebracht hat der Plan noch nicht viel. Qualitätstester waren im Oktober im Einsatz. Die Pünktlichkeit der Busse in Kreuztal (81 Prozent), Weidenau (79) und Siegen (87) ist demnach überschaubar, bei den Busausfällen „war kein Bereich gut. Das Ziel wurde nicht erreicht“, stellte ZWS-Geschäftsführer Günter Padt nüchtern fest: „Ohne Moos nichts los.“

Werden Busse nach 18 Uhr noch genutzt?

Über allem steht die Gretchenfrage: Soll der öffentliche Busverkehr weiterhin „eigenwirtschaftlich“ betrieben werden? In der Lyz-Aula gab die SPD eine Richtung vor: „Die Eigenwirtschaftlichkeit in Siegen-Wittgenstein ist nicht mehr gegeben. Ohne dass wir viel Geld ins System geben, wird es nicht mehr gehen.“ Michael Sittler, SPD-Fraktionschef im Kreistag, ging noch weiter: „Die Busse fahren werktäglich von 6 bis 1 Uhr. Wie viele Fahrten werden denn noch nach 18 Uhr genutzt?“

Sein Pendant auf Seiten der Liberalen, Guido Müller, sah im Schülerticket eine reine Subvention. „Trauen wir uns, die Bürger zu fragen, ob wir eigenwirtschaftlich fahren lassen oder nicht?“ Ulrich Georgi (Linke) hatte eine Antwort: „Das ist eine öffentliche Aufgabe.“ Wenn sich ein Unternehmen wie die VWS auf den Markt begebe und die Anforderungen nicht erfülle, „dürfen wir nicht bis 2028 warten mit Konsequenzen. Von Anfang an haben sie gewusst, dass sie das Geforderte nicht erfüllen können.“

Es gab über 200 Busausfälle am Tag

Anke Hoppe-Hoffmann (Grüne) hob mahnend den Finger, „es gab lange Listen mit über 200 Busausfällen am Tag“. Den Baustellenfahrplan sah sie skeptisch, „irgendwann ist auch das Instrument ausgereizt“. Ihrer Ansicht nach sollte Siegen ausscheren und ein eigenes Busunternenehmen für den öffentlichen Verkehr grünen. Auch Matthias Tuschhoff (Fahrgastbeirat) bemängelte, das Prinzip der Eigenwirtschaftlichkeit funktioniere nicht, es müssten von Bund und Land mehr Gelder dazugegeben werden.

„Wir brauchen den Blick in die Zukunft“, fand Bernd Brandemann, CDU-Fraktionschef. Ja, er sprach sogar von einem goldenen Zeitalter, als die VWS im Besitz des Kreises gewesen seien. Padt zweifelte daran. In den 90er Jahren habe es dort keinerlei Betriebsreserven gegeben, die Busse seien alt gewesen. Und Fahrten seien ausgefallen, ohne dass es publik geworden sei.

„Ja, jedes Linienbündel kann gesondert betrachtet werden“, gestand Landrat Andreas Müller ein. Trotzdem, der Weg zurück zum Busverkehr in kommunaler Regie ist sperrig. Laut Günter Padt müsste die „wirtschaftliche Unzumutbarkeit“ nachgewiesen werden. Entscheider seit die Bezirksregierung Arnsberg. Da es neben den VWS mit der BVO und dem BRS zwei Mitbewerber um die Konzession für das Linienbündel Siegen-Mitte gegeben habe, werde dieser Fall wohl kaum eintreten.

Verdi: Nirgends so schlimm wie in Siegen

Zum Busfahren in Siegen hatte Verdi-Gewerkschaftssekretär Bernd Balzer eine feste Meinung: „Eigenwirtschaftlich geht es hier nicht, das haben wir seit Jahren schon gesehen. In keiner Kommune ist es so katastrophal wie hier.“ Padt widersprach, 4,0 bis 5 Prozent Ausfälle im Bündel Mitte seien keine Katastrophe, in Essen sei die Lage auch so.

Mittendrin im argumentativen Getümmel saß Olpes Landrat Frank Beckehoff. Tiefenentspannt. Weil Olpe keine Sorgen hat. Der (allerdings ausgedünnte) Busverkehr läuft normal, die Busse sind pünktlich, es gibt kaum Ausfälle. Beckehoff: „Unsere Grundversorgung funktioniert, eigenwirtschaftlich zu fahren ist für uns in Olpe das Beste. Ich höre keine Klagen.“ Sollten weitere Produkte auf den Markt kommen, werde Olpe mitmachen: „Das Familienticket wäre durchaus ein Weg, den wir mitgehen könnten.“

Verdienen Busfahrer zu wenig?

Trocken fiel Padts Analyse zur Siegener Bus-ÖPNV-Misere aus. Nicht allein die Baustellenprobleme und die Grippewelle unter den Busfahrern seien maßgebend, im Dezember vergangenen Jahres sei eine nicht näher bezifferte Zahl von Fahrern in den Kreis Altenkirchen gewechselt. Offenbar, weil es dort mehr zu verdienen gibt. Verdi-Sekretär Blazer bezifferte das Monatsgehalt eines kommunalen Fahrers mit 2600 bis 2700 Euro im Monat, bei privaten Unternehmen seien es 2400 bis 2500 Euro. Und: In Hessen laufen Tarifverhandlungen mit der Forderung, Busfahrern 3 Euro pro Stunde mehr zu bezahlen. An anderer Stelle gestand Padt: „Ja, die Konditionen für Busfahrer müssen angepasst werden.“

Noch ein Hintergrund: Seit Juli 2018 fahren die VWS im Linienbündel Mitte, also in Siegen und Umgebung, nur mit einer einstweiligen Erlaubnis. Die Konzessionsvergabe war nicht rechtens, die Sache liegt jetzt beim OVG Münster (Antrag auf Zulassung einer Berufung). Womöglich wird über diesen Antrag im Dezember/Januar befunden. Olpes Landrat Frank Beckehoff: „Das kann dauern. Wenn die Berufung zugelassen wird, muss man mit weiteren eineinhalb bis zwei Jahren rechnen.“ In der Zeit läuft alles wie gehabt. Mit den Verkehrsbetrieben Westfalen-Süd als federführendem Busunternehmen.

Autor:

Michael Roth (Redakteur) aus Siegen

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