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Extremismusbeauftragter
Kein Platz für Hass bei der Polizei Siegen-Wittgenstein

Als Flüchtlingskind aus dem Iran weiß Bahman Pournazari, wovon er spricht. Der 36-Jährige ist Extremismusbeauftragter bei der Polizei Siegen-Wittgenstein.
  • Als Flüchtlingskind aus dem Iran weiß Bahman Pournazari, wovon er spricht. Der 36-Jährige ist Extremismusbeauftragter bei der Polizei Siegen-Wittgenstein.
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  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

ap Siegen. „Natürlich habe ich im Laufe meiner Biografie Rassismus erlebt“, erzählt Bahman Pournazari ganz beiläufig in einem Nebensatz, als sei diese Erfahrung für Menschen wie ihn ganz selbstverständlich. Als Flüchtlingskind aus dem Iran habe er vom Asylheim bis zum Studium sämtliche Stationen durchlaufen, die ihn zu dem gemacht haben, was er heute ist. Während dieser Zeit musste er persönliche, aber auch strukturelle Benachteiligungen erfahren. „Genauso habe ich aber auch Fürsorge und Förderung bekommen. Sonst säße ich nicht hier“, sagt der 36-jährige Einwanderer mit selbstironischem Unterton. Seine Stärke, sein Durchsetzungsvermögen und seine Empathiefähigkeit kommen ihm jetzt bei seiner Arbeit als Extremismusbeauftragter zugute.

ap Siegen. „Natürlich habe ich im Laufe meiner Biografie Rassismus erlebt“, erzählt Bahman Pournazari ganz beiläufig in einem Nebensatz, als sei diese Erfahrung für Menschen wie ihn ganz selbstverständlich. Als Flüchtlingskind aus dem Iran habe er vom Asylheim bis zum Studium sämtliche Stationen durchlaufen, die ihn zu dem gemacht haben, was er heute ist. Während dieser Zeit musste er persönliche, aber auch strukturelle Benachteiligungen erfahren. „Genauso habe ich aber auch Fürsorge und Förderung bekommen. Sonst säße ich nicht hier“, sagt der 36-jährige Einwanderer mit selbstironischem Unterton. Seine Stärke, sein Durchsetzungsvermögen und seine Empathiefähigkeit kommen ihm jetzt bei seiner Arbeit als Extremismusbeauftragter zugute.

Extremismusbeauftragter Bahman Pournazari sieht Siegen-Wittgenstein gut aufgestellt

„Durch meine Erlebnisse bin ich der ideale Ansprechpartner. Ich weiß schließlich aus eigener Erfahrung wovon ich rede, wenn es um die Ränder der Gesellschaft geht“, erklärt Pournazari, der zusammen mit seiner Kollegin Tina Breuer die perfekte Symbiose bildet. Wir sind nicht einfach nur Beauftragte“, erzählt er, „sondern agieren aus breiter und tiefer Grundlage.“ Breuer sei durch ihre Polizeiarbeit sehr gut vernetzt, verstehe es, „auf dem Flur zwischen den Zeilen zu lesen“ und er bringe eben die Fachkompetenz mit, schmunzelt der Sozialpädagoge.
Einen besonderen Anlass für diese in NRW einzigartigen Posten gebe es im Kreis Siegen-Wittgenstein aber seines Erachtens nicht. „Wir sind in einer verhältnismäßig guten Lage und haben keinen Kollegen, der unsere demokratische Grundordnung außer Kraft setzen will“, so seine Einschätzung. „Zumindest der jetzigen Erkenntnis nach“, fügt er aber noch hinzu. Als sein Aufgabenfeld im Frühjahr definiert wurde, sei man lediglich von Einzelfällen ausgegangen, nicht aber von vielen Verdachtsfällen wie in den vergangenen Monaten bekannt wurden, erzählt er.

Präventionsarbeit an Schulen

Aus seiner Sicht werde das Extremismus-Thema generell viel zu emotional behandelt. Deshalb sei ihm immer daran gelegen, Probleme sachlich und ruhig anzugehen. „Meistens kann ein unaufgeregter Blick auf all die Panik, die Wut und den Hass schon viel bewirken“, davon ist Bahman Pournazari überzeugt. „Das fehlt mir allerdings oft in der Diskussion um Gewalt, Drogen und Radikalismus.“ Deshalb hat es sich der Pädagoge bereits vor vielen Jahren schon zur (Lebens-)Aufgabe gemacht, straffälligen Jugendlichen, bei denen diese Formen von Extremismus zum Alltag gehören, eine Perspektive zu bieten.
„Als Extremismusbeauftragter betreibe ich aber auch viel Präventionsarbeit an Schulen“, erklärt er. Zu seiner Arbeit gehöre außerdem, die Multiplikatoren – also Lehrer und Erzieher – zu trainieren und zu sensibilisieren. Häufig sei an Schulen und Kitas nämlich schon eine bestimmte Problematik vorhanden, sodass seine Arbeit mehr einer Schadensbegrenzung gleiche. Zudem schließe er sich bestehenden Projekten zum Thema Rassismus oder Radikalismus an, ziehe Wissenschaftler hinzu, leiste Aufklärungsarbeit. „Es geht mir dabei vor allem darum, Ängste abzubauen, aber auch eigene Erfahrungen und Handlungsmuster zu hinterfragen“, konkretisiert Pournazari seine pädagogischen Ziele.

Innerhalb der Polizei ist kein Platz für Extremismus

Aber nicht nur außerhalb des Polizeipräsidiums kämpft Bahman Pournazari gegen jede Form des Extremismus. Auch innerhalb der Kreispolizeibehörde ist er Anlaufstelle für alle Mitarbeiter. Dafür habe er sogar eine Sprechstunde eingeführt, in der sich jeder an ihn wenden könne, der ein seltsames Gefühl oder gar einen konkreten Hinweis bei einem Polizeikollegen habe. Tina Breuer und Bahman Pournazari fungieren dann als Vertrauenspersonen im doppelten Sinne: Einerseits werden sie von den Behördenleitern berufen und sind diesen verpflichtet. Zudem kann sich auch der Landrat selbst Beratung bei ihnen einholen. Andererseits brauchen die beiden Extremismusbeauftragten das Vertrauen der Beschäftigten, damit sich diese bei einem Verdachtsfall tatsächlich an sie wenden.
Aber wie bemerkt man eigentlich frühzeitig, dass sich ein Kollege radikalisiert? – „Das ist eine schwierige Frage“, gibt der Sozialpädagoge nach kurzem Überlegen zu. Eine passende Antwort hat er dann aber doch parat: „Bei uns in der Polizeiwache ist Zusammenhalt sehr wichtig. Die Arbeit besteht in großem Maße aus gegenseitigem Vertrauen, man arbeitet schließlich gemeinsam in Extremsituationen. Unter diesen Bedingungen können Wesensveränderungen und Radikalisierungsprozesse bei Kollegen meistens sehr früh wahrgenommen werden“, ist sich der 36-jährige Fachmann sicher.
Im Falle eines Verdachts sei sofortiges Handeln sehr wichtig. „Ich würde einen Verdachtsfall direkt aufnehmen und auf kurzem Dienstweg weiterleiten“, schildert Pournazari die Vorgehensweise. Der Hinweis könne auch erst einmal anonym abgegeben werden, wodurch derjenige, der sich bei ihm meldet, geschützt werde – sobald es zu einer handfesten Anzeige komme, müsse der Fall aber „aufgemacht“ werden.
Und dann hat Bahman Pournazari eine Null-Toleranz-Grenze. „Eine Person mit einer demokratiefeindlichen Weltanschauung gehört einfach nicht hierhin“, sagt er mit großer Bestimmtheit. „Ein Arzt muss schließlich auch seine Patienten heilen wollen. Das ist ein Eid, den man in einem solchen Beruf ablegt“, zieht er den Vergleich.

Berufseinsteiger für Radikalisierung besonders gefährdet

Als besonders gefährdet für Radikalisierung in den eigenen Reihen seien aus seiner Sicht übrigens die Berufseinsteiger. „Man startet unerfahren in die Realität, die meist ganz anders ist als in den Lehrbüchern. Da kann man dann ganz schnell mal eine selektive Wahrnehmung entwickeln“, warnt der Pädagoge. Gerade bei Kollegen in dieser Findungsphase lägen – im Vergleich zu „ausgewachsenen Persönlichkeiten“ – aber auch große Potenziale: „Vor allem hier kann von Anfang an eine offene Kommunikation und Kultur gelebt werden.“ Die Realität bestehe jedoch aus vielen Facetten und nicht aus nur diesen beiden Extremen, die man beobachten müsse, betont Pournazari.
Auch einen kritischen Blick auf sich selbst und seine Umwelt erachtet er für seine Arbeit als Extremismusbeauftragter als unabdingbar. Nur so könne er ohne Befangenheit Extremismus erkennen und hinterfragen. „Man darf andere, aber vor allem auch sich selbst nicht in eine Schublade stecken.“

Autor:

Alexandra Pfeifer

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