Kein Spieglein, Spieglein an der Wand

Waldorf-Schüler inszenierten Canettis monumentale »Komödie der Eitelkeit«

sib Weidenau. Sie sind sicherlich nicht den einfachsten Weg gegangen, die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 12 der Rudolf-Steiner-Schule. Doch mit eben solcher Sicherheit haben sie sich für ihr Klassentheaterspiel für einen Weg voller Erkenntnis entschieden, der wichtig für ihre persönliche Entwicklung war.

Wohl auch deshalb stellte ihnen der Theaterpädagoge Wolfgang Dornwald ein so positives Zeugnis aus. Er fungierte als Regisseur der Inszenierung von Elias Canettis »Komödie der Eitelkeit«. Erstmals hatte die Schule mit ihm einen »Externen« als Regisseur hinzugezogen, erstmals auch wurden die Schüler über die Dauer von vier Wochen von allen anderen Unterrichtsaktivitäten frei gestellt und konzentrierten sich ausschließlich auf ihr Theaterprojekt. Als sehr bewegliche, durchlässige Klasse, die für neue Anregungen sehr offen sei, stufte Dornwald die Schüler ein, die er in den letzten Wochen kennen gelernt hatte.

Von der Auswahl des Stückes über Kulissenentwurf und -bau, Bühnenbildgestaltung, Öffentlichkeitsarbeit, Kostüme und Requisiten bis hin zu Musik und Ausstattung hatten die Eleven alle Arbeiten selbst übernommen. Am Freitag und Samstag wurde das Stück schließlich aufgeführt. Seine Originallänge beträgt über fünf Stunden, in der Waldorf-Schule war es in einer »abgespeckten« Fassung von immerhin noch etwas über drei Stunden zu sehen – dies beanspruchte Ausführenden wie Zuschauer gleichermaßen.

Wie sich jedoch zeigte, hatten die Schüler ihre Hausaufgaben penibel und einwandfrei erledigt. Es gelang ihnen, den Spannungsbogen dieses parabolischen Dramas, das sich mehr aus einer Folge von assoziationsreichen Einzelsequenzen zusammensetzt, als aus aufeinander aufbauenden Szenen, konsequent zu halten.

Im Wesentlichen geht es in Canettis Werk um die Folgen eines radikalen Verbotes einer autoritären Macht. Mit dem Ziel, jedwede Eitelkeit vom Erdboden zu tilgen, verbietet sie den Besitz von Spiegeln und Bildern. Eine Missachtung wird mit strengsten Strafen geahndet. Am Beginn werden in einem großen Feuer die verpönten Objekte öffentlich verbrannt.

Im zweiten Teil zeigen sich – zehn Jahre nach diesem Autodafé zu Ehren einer höheren Tugend als der sich selbst bespiegelnden Eitelkeit – die korrumpierenden Folgen des Verbotes. Bizarre Ersatzhandlungen von Menschen, die einen schweren Ichverlust erlitten haben, stellen sich ein. Höhepunkt des Stückes ist der Besuch im Spiegelbordell, wo die Menschen ihr Spiegelbild anstarren können, gegen Aufpreis legt die Applausmaschine los. Am Schluss kommt es zu einer grotesken Revolte, ohne dass ein wirklicher Sieg errungen wird.

Verstörend sind die Bilder und schwer zu verkraften, zeigen sie doch auf unangenehmste Weise, wie sehr menschliche Charakterzüge wie Schwäche, Grausamkeit und Lächerlichkeit unter Extrembedingungen zutage treten können. Nicht einmal das Wiener Idiom, das für dieses Drama kennzeichnend ist, haben sich die Waldorf-Schüler erspart und meisterten auch diese Hürde. Mit der Szenerie der »Komödie der Eitelkeit« bescherten sie den Zuschauern zwei anerkennenswerte, aufschlussreiche Theaterabende.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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