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Nachdenken über die Zeit
Keine Zeit für die Zeit?

Verschiedene Aspekte zum Thema Zeit – Ausschnitte von Arbeiten zweier hiesiger Künstler: Rhythmik, individueller Zeitfluss, Halbwertzeit und der Versuch, all dies „festzuhalten“: Wir verbinden viele Symbole mit der „flüchtigen“ Zeit.  Foto: Peter Barden
  • Verschiedene Aspekte zum Thema Zeit – Ausschnitte von Arbeiten zweier hiesiger Künstler: Rhythmik, individueller Zeitfluss, Halbwertzeit und der Versuch, all dies „festzuhalten“: Wir verbinden viele Symbole mit der „flüchtigen“ Zeit. Foto: Peter Barden
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pebe Siegen. Für eine Zeitung scheint die Zeit als Thema intensiven Nachforschens und Berichtens ein Heimspiel zu sein – trägt der vielfältige Informationsgeber sie doch schon ganz deutlich mit sich. Zumindest sprachlich lässt sich der Zeit dabei einigermaßen einfach auf den Grund gehen. Die indogermanische Wurzel des Wortes Zeit hat die Bedeutung „teilen, zerschneiden“, auch die Zeile (wen wundert’s?) und das Ziel sind mit ihr verwandt – ebenso das englische Wort „time“ und, interessant, das griechische Wort „demos“ für Volk.

Auf verschlungenen Wegen wurde aus dem Ursprungswort im Lauf der Sprachgeschichte auch die Bedeutung „Nachricht“.

pebe Siegen. Für eine Zeitung scheint die Zeit als Thema intensiven Nachforschens und Berichtens ein Heimspiel zu sein – trägt der vielfältige Informationsgeber sie doch schon ganz deutlich mit sich. Zumindest sprachlich lässt sich der Zeit dabei einigermaßen einfach auf den Grund gehen. Die indogermanische Wurzel des Wortes Zeit hat die Bedeutung „teilen, zerschneiden“, auch die Zeile (wen wundert’s?) und das Ziel sind mit ihr verwandt – ebenso das englische Wort „time“ und, interessant, das griechische Wort „demos“ für Volk.

Auf verschlungenen Wegen wurde aus dem Ursprungswort im Lauf der Sprachgeschichte auch die Bedeutung „Nachricht“. Und mit dieser, mit ihrer Überprüfung und wahrheitsgemäßen Wiedergabe, aber auch ihrer Bewertung hat es die „Zeitung“ zu tun (die als „tidinge“ mit der Bedeutung „Nachricht“, „Begebenheit“ dem Mittelniederdeutschen entstammt).

Zeit als Nachricht

Mit der Zeit als „Nachricht“ ist es jedoch beim Nachdenken über dieses Phänomen nicht getan. Davon werden die Berichte und Reportagen dieser Woche Zeugnis ablegen. Der Alltag lässt wenig Raum, über die Zeit nachzudenken, statt dessen haben wir viel zu oft keine oder zu wenig. Dabei sind wir eng, sogar existenziell in sie eingebunden: Mit Zeugung und Geburt entsteht unsere individuelle Lebenszeit. Eingebettet scheint sie und die der anderen in „die Zeit“, in der wir alle leben, agieren, altern, sterben. Dennoch denken Menschen immer wieder über die Zeit nach – hier einige Zugänge zum Thema:

Die Physik stößt erst einmal auf unsere Alltagswahrnehmung: Die Zeit macht den Eindruck eines „Pfeils“, der nach vorn schnellt und dem wir alle gleich ausgeliefert sind. Mit dem Begriff „nach vorn“ benennen wir aber auch schon, dass die Zeit an die Dimensionen des Raums gebunden ist, sogar selbst als Dimension bezeichnet wird. Physikalisch gesehen ist sie relativ, das hat Albert Einstein gezeigt. Sie lässt sich sogar durch Masse beeinflussen und verläuft nicht unabhängig von Menschen und Gegenständen. Am ehesten erfahrbar und beschreibbar an ihr ist die scheinbare kontinuierliche „Bewegung“ von der Vergangenheit in die Zukunft, verknüpft durch einen „Bereich“, den wir Gegenwart nennen. Damit verbunden ist die Erfahrung von Kausalität: Ein Ursprung ist vor der Wirkung angeordnet (allerdings sagt die Quantenphysik dazu auch anderes).

Die Philosophie kommt mit der Zeit ebenfalls an kein Ende. Schon der Kirchenvater Augustinus von Hippo schrieb in seinen „Bekenntnissen“, wenn ihn niemand frage, wisse er, was die Zeit sei. Wenn er sie aber jemandem erklären solle, so könne er das nicht. Augustinus war einer der ersten, die zwischen physikalisch messbarer Zeit und psychologischer (also subjektiv erlebter) Zeit unterschieden.

"Noch nicht" oder "nicht mehr"

Der Philosophie geht es vor allem um das Wesen der Zeit und um unser Verhältnis zu ihr. Sie ist immer mit dem Erleben des Menschen verbunden und somit wesentlich für ihn selbst. Wer diesen Text liest und sich dabei der Tatsache bewusst ist, dass sie/er ihn liest, erlebt die Zeit: als Gegenwart, als das „Jetzt“, verwoben mit all dem, was das Ich mit allen Sinnen und Lebensvollzügen ausmacht. Zeit hat also auch wesentlich mit dem Personsein zu tun. Ich erlebe mich in diesem Augenblick, über Sinne, Gefühle und Gedanken – in einer Gegenwart, die zugleich schon Vergangenheit wird. Wir bewegen uns immer auf der Schwelle zwischen „noch nicht“ und „nicht mehr“. In der wahrgenommenen Zeit jedoch entsteht unser Bewusstsein, entstehen Vorstellungen, Wünsche, gestalten sich Erfahrungen und Gefühle – diese reichen stets aus der Vergangenheit ans Jetzt heran und weisen in die Zukunft als Gestaltungsmöglichkeit.

Diese Zeiterfahrung ist philosophisch grundlegend für all das, was mit der Geschichtlichkeit, der Freiheit, der Identität und den Entscheidungen des Menschen in ihrer Unwiederholbarkeit zu tun hat. Das „zeitigt“ sich auch in der Kunst aus – die Musik zum Beispiel bewegt sich zwischen Zeitbegriff und Zeiterleben. Der vom Holocaust auch in seiner Sprache gezeichnete Lyriker Paul Celan prägte in seinem Gedicht „Corona“ den nachdenkenswerten Satz: „Es ist Zeit, dass es Zeit wird.“

Entscheidungsprägende Momente

Auch die Religionen bedenken den Umgang mit der Zeit. Hier kann sie „mythisch“ sein, kreisförmig wiederkehrend und so zu einer Erfahrung von Identität, „heiliger“ Geschichte und verlässlichem Kontakt mit dem göttlichen Ursprung werden. Sichtbar wird das in der jährlichen Wiederkehr religiöser Feste. Religiös gesehen ist Zeit oft auch Zeit der Bewährung. Hinduismus und Buddhismus z. B. kennen Konzepte einer Kette von Geburt, Tod und Wiedergeburt in Zusammenhang mit dem Kreislauf von Leid (und Schuld), aus dem es sich zu befreien gilt. Und schon die griechische Mythologie kannte den „Kairos“, den besonderen, entscheidungsprägenden Moment, in dem sich etwas verdichtet, das ergriffen und umgesetzt werden will. Später übernahm das Christentum diesen Begriff in einem speziellen Zusammenhang, in dem es um den Anbruch des Reiches Gottes geht und darum, wie sich der Mensch dazu stellt.

Der christliche Glaube ist daher in seinem Kern vom Umgang mit der Zeit geprägt – auch wenn das oft vergessen wird. Jesu Verkündigung gipfelt in der drängenden Erkenntnis: „Das Reich Gottes ist nahe.“ Das prägte sein Handeln, das prägte die Haltung der (ersten) Christen, die auf seine Wiederkunft warteten und hofften – und damit auf das Ende der „katastrophischen“ Zeit. Diese „Naherwartung“ wurde jedoch enttäuscht, machte Konzepten wie einer „Stetserwartung“ Platz.

Der widerständige "Zeitkern"

Dennoch hat die christliche Botschaft einen widerständigen „Zeitkern“, wie der Fundamentaltheologe Johann Baptist Metz betont. Dieser Zeitkern heißt: Die glatte Logik von Physik und Evolution, die sich mit dem Tod versöhnt, ist nicht die „Logik“ Gottes, dem es um das Leben geht – auch um das Leben und die unabgegoltenen Hoffnungen der von der Geschichte verschlungenen Opfer. Sein Einspruch gegen den Tod zeigt Gott als Ende und Abbruch der apathischen, tötenden Zeit.

Deshalb ist das zweite wichtige Stichwort in diesem Zusammenhang auch „Nachfolge“. Wie kann die Nachfolge Jesu, in dessen Person und Handeln das Reich Gottes erlebbar wurde, radikal gelebt werden, wenn sie nicht mit dem Kommen Jesu rechnet? Die Naherwartung wirft die Zeit aus ihrem endlosen Gleis, versieht sie mit beunruhigter und beunruhigender Hoffnung und mit einer Perspektive, die eine Verantwortung für die Schwachen und gegen die allzu fest scheinenden Siegerstrukturen dieser Welt begründet.

In diesem Sinn ist für Christen die Erinnerung an das Handeln Jesu bis in seinen Tod und seine Auferstehung eine „gefährliche Erinnerung“, die Strukturen und Zeit heute in Frage stellt und, so Metz, fragt: „Wie viel Zeit haben wir (noch)?“ Diese Frage kehrt derzeit beim Blick auf die globalen Probleme auf zugespitzte Weise wieder in Alltag und Welt zurück …

Peter Barden

Autor:

Peter Barden (Redakteur) aus Siegen

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