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Nachwuchs leidet oft unter Trennungsproblemen
Kinder als Opfer der Eltern

Ein Scheidungskampf endet nicht selten im Sorgerechtsstreit und kann zu einer gezielten Entfremdung eines Elternteils führen.
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ap Siegen. Seit zwei Jahren hat Michael seine Tochter nicht mehr gesehen. Ihr keine Gute-Nacht-Geschichte mehr vorgelesen, nicht mehr bei den Hausaufgaben geholfen, kein Eis mehr mit ihr gegessen. Mittlerweile bekommt er nur noch sporadisch Nachrichten, wie es ihr geht. Dabei hatten die beiden immer ein gutes Verhältnis – bis zum Zeitpunkt der Scheidung der Eltern und der damit verbundenen räumlichen Trennung. Kein Einzelfall, weshalb Experten in diesem Zusammenhang von einer (gezielten) Eltern-Kind-Entfremdung sprechen.

Diese kan

ap Siegen. Seit zwei Jahren hat Michael seine Tochter nicht mehr gesehen. Ihr keine Gute-Nacht-Geschichte mehr vorgelesen, nicht mehr bei den Hausaufgaben geholfen, kein Eis mehr mit ihr gegessen. Mittlerweile bekommt er nur noch sporadisch Nachrichten, wie es ihr geht. Dabei hatten die beiden immer ein gutes Verhältnis – bis zum Zeitpunkt der Scheidung der Eltern und der damit verbundenen räumlichen Trennung. Kein Einzelfall, weshalb Experten in diesem Zusammenhang von einer (gezielten) Eltern-Kind-Entfremdung sprechen.

Diese kann traumatische Auswirkungen auf das ganze Leben haben – sowohl für die Sprösslinge, als auch für den verlassenen Vater oder die verlassene Mutter.

"Die Kinder denken oft,
sie sind Schuld an
der Situation."

Dr. Nina Aulmann
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin

„Die Spanne reicht von Aufmerksamkeitsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu Depressionen“, erklärt Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Dr. Nina Aulmann. Das Problem: „Die Kinder denken oft, sie sind Schuld an der Situation.“ Doch dessen sind sich die Eltern meist gar nicht bewusst.

Kinder leiden oft unter Loyalitätskonflikt

Ihre Praxis suchen Väter und Mütter nach einer Trennung oftmals auf, weil sich ihr Kind zunehmend zurückzieht oder ständig Wutausbrüche bekommt. „Kinder haben nicht das Potenzial wie Erwachsene, über die Situation zu reden und agieren dann anders“, erklärt die Expertin. „Doch oftmals leiden sie extrem unter dem Loyalitätskonflikt.“

Den Kindern die Entscheidung, bei wem sie leben möchten, selbst zu überlassen, ist aus Sicht der Siegener Traumatherapeutin jedoch eine „echte Zerreißprobe“ für den Nachwuchs und kann fatal enden. „Das heißt nicht, dass man die Kinder nicht mit einbeziehen kann“, stellt Aulmann klar. „Eltern sollten klare Vereinbarungen treffen und die eigenen Verletzungen nicht über das Kindeswohl stellen.“ Einige Eltern bekämen das gut hin – viele andere aber eben nicht.

Jugendämter vermitteln wieder Kontakt

Deshalb haben auch die heimischen Jugendämter allerhand zu tun. „Die Entfremdung eines Elternteils macht einen ziemlich großen Teil unserer Arbeit aus“, sagt ein Mitarbeiter gegenüber der SZ – beispielsweise in Form von außergerichtlicher Beratung und Umgangsbegleitung. „Wir verschriftlichen die Bedürfnisse und den Bedarf des Kindes, versuchen, zu vermitteln und den Kontakt wieder einzufädeln“, erläutert der Jugendamtsmitarbeiter, der anonym bleiben möchte.

Auch er macht die Erfahrung, dass es sich oft nicht um eine gezielte Entfremdung handele: „Die Missverständnisbereitschaft von zerstrittenen Leuten ist einfach sehr hoch und das gegenseitige Vertrauen durch eine Scheidung hochbelastet.“ Und das bekommen selbst die Kleinsten mit.

„Oftmals leiden Kinder extrem unter dem Loyalitätskonflikt“, weiß Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Dr. Nina Aulmann
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„Letztendlich sind Kinder dem ausgeliefert, was intrafamiliär passiert“, weiß Psychotherapeutin Nina Aulmann. „Wir können das nicht auffangen.“ Sie fordert deshalb mehr Aufklärungsarbeit, um den Nachwuchs vor dieser Form des psychischen Missbrauchs zu schützen. „Mediationsarbeit sollte nach einer elterlichen Trennung verpflichtend sein.“

Was bedeutet Eltern-Kind-Entfremdung? Die Eltern-Kind-Entfremdung, oder auch elterliches Entfremdungssyndrom (engl. Parental Alienation Syndrome (PAS)), ist eine schwere Form des psychischen Missbrauchs bei Kindern. Die werden durch einen Elternteil gegen den anderen Elternteil insofern manipuliert, dass sie ohne legitime Begründung den Kontakt abbrechen. Das führt unweigerlich zu einem schwerwiegenden Loyalitätskonflikt und einer psychischen Belastung für das Kind. Trotzdem ist PAS bislang weder im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders der American Psychiatric Association, noch in der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme der WHO als Störung erfasst. Und auch von der Politik wird das Thema weitestgehend ignoriert. Der Verein „Väteraufbruch für Kinder“ hat die Parteien zur Bundestagswahl mit familienpolitischen und -rechtlichen Fragen konfrontiert. „Was uns fassungslos gemacht hat, ist der Umstand, dass keine Partei Konzepte oder auch nur ein Verständnis davon hat, dass Kinder vor psychischer Gewalt im Kontext von Trennung und Scheidung geschützt werden müssen“, heißt es seitens des Vereins.
Ein Scheidungskampf endet nicht selten im Sorgerechtsstreit und kann zu einer gezielten Entfremdung eines Elternteils führen.
„Oftmals leiden Kinder extrem unter dem Loyalitätskonflikt“, weiß Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Dr. Nina Aulmann
Autor:

Alexandra Pfeifer

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