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Corona-Pandemie: Schwierigkeiten in Familien nehmen zu
Kinder leiden extrem

Therapieanfragen kommen inzwischen auch für Kinder aus stabilen sozialen Verhältnissen.
  • Therapieanfragen kommen inzwischen auch für Kinder aus stabilen sozialen Verhältnissen.
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sp Siegen. 24 Stunden zu Hause, keine Kita oder Schule, keine Freunde treffen. Das Fußballspielen im Verein ist nicht erlaubt, die Matheaufgaben werden einem nur noch via Bildschirm erklärt und die Eltern machen sich Sorgen, wie es beruflich bei ihnen weitergeht.

Die Corona-Pandemie ist auch eine Belastung für die Jüngsten unserer Gesellschaft. Fast jedes dritte Kind zeigt etwa ein Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland psychische Auffälligkeiten. Das Ergebnis der zweiten Befragung der Copsy-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf – bleibt im Gedächtnis. Sorgen und Ängste haben laut dieser Studie weiter zugenommen, auch depressive Symptome und psychosomatische Beschwerden wie Gereiztheit, Kopf- oder Bauchschmerzen sind verstärkt zu beobachten.

sp Siegen. 24 Stunden zu Hause, keine Kita oder Schule, keine Freunde treffen. Das Fußballspielen im Verein ist nicht erlaubt, die Matheaufgaben werden einem nur noch via Bildschirm erklärt und die Eltern machen sich Sorgen, wie es beruflich bei ihnen weitergeht.

Die Corona-Pandemie ist auch eine Belastung für die Jüngsten unserer Gesellschaft. Fast jedes dritte Kind zeigt etwa ein Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland psychische Auffälligkeiten. Das Ergebnis der zweiten Befragung der Copsy-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf – bleibt im Gedächtnis. Sorgen und Ängste haben laut dieser Studie weiter zugenommen, auch depressive Symptome und psychosomatische Beschwerden wie Gereiztheit, Kopf- oder Bauchschmerzen sind verstärkt zu beobachten. Brauchen jetzt mehr Kinder und Jugendliche eine Psychotherapie? Und haben Psychiater noch mehr zu tun als sonst? Die SZ fragte nach.

Therapiestunden ausgelastet

Die Arbeitstage von Dr. Andrea Schwalb sind lang, meist zehn Stunden: „Ich bin ausgelastet“, bemerkt sie. Sie ist Kinder- und Jugendpsychiaterin mit einer Praxis in Holzhausen bei Burbach. Die Anzahl der Kinder- und Jugendpsychiater, die sich niederlassen dürfen, ist begrenzt. Sie errechnet sich nach einem Bedarfsplan. Im gesamten Kreis Siegen-Wittgenstein sind es nur 4,5 Stellen. Psychotherapeuten gibt es allerdings deutlich mehr. Sie dürfen, im Vergleich zu Psychiatern, die ja spezialisierte Mediziner sind, keine Medikamente verschreiben.

„Alle Zeitfenster sind zu“, fasst Schwalb zusammen. Sie kann nicht mehr Therapiestunden anbieten, als sie jetzt schon leistet. Sie könne ihre Kapazitäten nicht ausweiten, ergänzt sie. „Ich habe täglich mehr Anfragen, als ich abarbeiten kann.“ Es sind zwei bis drei pro Tag, manchmal bis zu acht. Bis zu einem halben Jahr kann es dauern, bis ein Therapieplatz frei wird. Eine Psychotherapie-Sitzung dauert etwa 50 Minuten. Längere Behandlungen bei Jugendlichen können bis zu 110 Sitzungen in Anspruch nehmen. Im Durchschnitt seien es weniger, aber eine Psychotherapie könne mehrere Jahre dauern.

Zahl der psychisch kranken Kinder wächst

„Ja, es nimmt zu“, sagt Schwalb zu den Zahlen der psychisch erkrankten Kinder und Jugendlichen. „Ich beobachte eine Zunahme von Angststörungen und Zwangsstörungen.“ Sie seien deutlich heftiger im Verlauf seit Beginn der Corona-Pandemie. Insbesondere die Ängste nähmen zu. Sie bekomme zunehmend auch Anfragen für Kindergartenkinder und für Kinder aus guten sozialen Verhältnissen und stabilen Familien. Die Ressourcen der Familien seien endlich, so die Psychiaterin: „Man merkt, die Schwierigkeiten in den Familien nehmen zu. Die Kinder werden gereizter oder ziehen sich zurück. Das ist etwas, das sehr wenig gesehen und berücksichtigt wird.“

Kindern fehlten vor allem die Kompensationsmöglichkeiten, Aktivitäten, die die Ausgeglichenheit fördern helfen. „Sport, Gruppenaktivitäten, Treffen, das ist alles abgesagt. Wir sind schon kreativ, aber uns fällt langsam auch nichts mehr ein“, sagt Schwalb. Sie prophezeit, dass nach dem Lockdown die Anfragen zunehmen: „Den Schwung werden wir noch bekommen, wenn alles wieder gelockert wird.“

Dringlichkeit der Eltern signifikant zugenommen

Etwas verhaltener äußert sich die Kinder- und Jugendpsychiatrie der DRK-Kinderklinik in Siegen: „Im Moment können wir noch nicht absehen, ob die Anzahl behandlungsbedürftiger Kinder und Jugendlicher aufgrund der Pandemie ansteigen wird. Dazu ist die Studienlage noch zu dünn.“ Chefarzt und Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie Dr. Heiner Ellebracht bezieht sich auf die Copsy-Studie und hebt hervor, dass selbstberichtete Symptome nicht mit einer Erkrankung gleichzusetzen seien. Ein wichtiger Aspekt der Studie sei aber, „dass Kinder und Jugendlichen, die bereits vor der Pandemie stärkeren sozioökonomischen Belastungen unterworfen waren, unter der Pandemie stärker leiden“.

In der Ambulanz der Kinder- und Jugendpsychiatrie der DRK-Kinderklinik gebe es keine deutlich erkennbare Fallzunahme von diagnostizierten psychischen Erkrankungen seit dem Pandemiebeginn, erklärt Ellebracht. „Deutlich spürbar ist jedoch, dass sich die Dringlichkeit, mit der sich Eltern oder auch ältere Jugendliche an die Ambulanz wenden, signifikant zugenommen hat.“ Ähnlich wie Andrea Schwalb stellt auch Ellebracht fest: Sind bei Kindern und Jugendlichen Symptomatiken bereits vorhanden, verschlimmern sich diese teilweise.

Hilfe für Kinder und Jugendliche Die kinder- und jugendpsychiatrische Ambulanz der DRK-Kinderklinik steht auch für Kinder und Jugendliche in psychischer Not zur Verfügung. Als niederschwellige Angebote empfiehlt die Kinderklinik häufig das Internetportal der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uni München: www.corona-und-du.info. Die Telefon- und Onlineberatung erfolgt bei der „Nummer gegen Kummer“, bei der sowohl Kinder und Jugendliche (Telefon 116 111) und Eltern (Tel, 08 00/1 11 05 50) Hilfe und Unterstützung finden.
Autor:

Sarah Panthel (Redakteurin) aus Siegen

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