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Ein Brauch, der viele Jahrhunderte praktiziert wurde
Kirchen als Begräbnisstätten

Die Martinikirche in Siegen liegt charakteristisch auf ihrem Felssporn über der Unterstadt.
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  • Die Martinikirche in Siegen liegt charakteristisch auf ihrem Felssporn über der Unterstadt.
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sz - In den Martinikirchen Siegen und Netphen, in Nikolai und Marien, in der Stadtkirche Dillenburg und Laurentius Ferndorf finden sich Zeugnisse dieser Praxis.
sz Siegen / Netphen/Dillenburg.  In jedem Jahr, jeweils am letzten Sonntag vor dem 1. Advent, dem Ewigkeitssonntag, gedenken ev. Christen seit Jahrhunderten in besonderer Weise ihrer verstorbenen Angehörigen. Durch die Verordnungen von König Friedrich-Wilhelm III. von Preußen vom 24. April und 25. November 1816 erfuhr er eine staatliche Anerkennung als „Totensonntag“. Friedhöfe und sonstige Ruhestätten werden an diesem Tag verstärkt besucht.
Bis zum Ergehen des Beerdigungsverbots in Kirchen vom 28.

sz - In den Martinikirchen Siegen und Netphen, in Nikolai und Marien, in der Stadtkirche Dillenburg und Laurentius Ferndorf finden sich Zeugnisse dieser Praxis.
sz Siegen / Netphen/Dillenburg.  In jedem Jahr, jeweils am letzten Sonntag vor dem 1. Advent, dem Ewigkeitssonntag, gedenken ev. Christen seit Jahrhunderten in besonderer Weise ihrer verstorbenen Angehörigen. Durch die Verordnungen von König Friedrich-Wilhelm III. von Preußen vom 24. April und 25. November 1816 erfuhr er eine staatliche Anerkennung als „Totensonntag“. Friedhöfe und sonstige Ruhestätten werden an diesem Tag verstärkt besucht.
Bis zum Ergehen des Beerdigungsverbots in Kirchen vom 28. Juni 1770 (1), erlassen durch die nassauische Landesregierung von Dillenburg, war es erlaubt, Personen mit besonderer Lebensleistung sowie Adelige und Geistliche in Kirchen zu bestatten (2). Vorausgegangen war ein am 8. August 1765 ergangenes Verbot, welches Beerdigungen in der Stadtkirche von Dillenburg untersagte. Das „Preußische Landrecht“, das ab dem 1. Dezember 1825 auch für den Kreis Siegen galt, bestätigte die vorausgegangenen Regelungen.

Martinikirche Siegen war über Jahrhunderte Beerdigungskirche

In unserer Region gab es einige Kirchen, in denen Beerdigungen stattfanden. Da wäre zum Beispiel die Siegener Martinikirche zu nennen, das älteste Gotteshaus der Stadt. Dort wurde im Verlauf von 450 bis 500 Jahren eine Vielzahl von Personen beigesetzt. Die Namen von 47 Verstorbenen sind bekannt, weil sie in Sterberegistern, auf Gedenktafeln oder sonstigen Dokumenten vermerkt sind (3).
Viele Bestattungen wurden auch in Siegens Nikolaikirche ausgeführt. Dazu ein Zitat aus der Informationsbroschüre der Kirche unter dem Krönchen: „Unter dem erhöhten Chor liegt ein kryptenartiger Raum, der bis zur Errichtung der Fürstengruft 1669/1670 innerhalb des später angelegten Unteren Schlosses dem Nassauischen Herrschergeschlecht als Grablege diente“ (4).
Der erste nassauische Regent der ev. Linie, der in Siegen seinen ständigen Wohnsitz hatte, war Johann VII. (der Mittlere), der nach Teilung der Grafschaft von Dillenburg am 5. November 1607 ins Obere Schloss umgezogen war. Sein damals dreijähriger Sohn Johann Moritz sowie seine zweite Frau, Margarethe von Holstein-Sonderburg, begleiteten ihn. Er starb am 27. September 1623 und wurde in der Nikolaikirche begraben (5). Seine 22 Jahre jüngere zweite Frau verstarb am 10. April 1658 und wurde ebenfalls in der Nikolaikirche beigesetzt. Nach Errichtung der Fürstengruft zu Siegen in den Jahren 1664 bis 1669 erfolgten am 26. April. 1690 ihre Umbettungen dorthin (6).

Marienkirche Siegen

Mitglieder der katholischen Linie fanden ihre letzte Ruhestätte u. a. in der an der Siegener Löhrstraße gelegenen Marienkirche, deren Grundstein am 22. Juni 1702 gelegt wurde. Es war die erste katholische Kirche des Siegerlands, die nach Einführung der Reformation unter Baumeister Anton Hülse errichtet wurde. Beim großen Stadtbrand des Jahres 1695 wurde die an der Kölner Straße gelegene Johanniskirche völlig zerstört. Aus deren Ruinen wurden acht Angehörige des Grafenhauses Nassau-Dillenburg – unter ihnen Graf Johann V. und seine Ehefrau, Gräfin Elisabeth von Hessen-Marburg – in die Marienkirche umgebettet. Auch die Gebeine von Walburga von Egmont, der ersten Ehefrau von Wilhelm dem Reichen, ruhen seitdem in der Marienkirche. Des Weiteren sind die Namen von 24 Personen bekannt, die dort ihre letzte Ruhe gefunden haben (7).

Martinikirche Netphen

Auch die alte Netphener Martinikirche diente als Begräbnisort. Viele der nach 1624 vorgenommenen Beerdigungen sind namentlich vermerkt. Im 30-jährigen Krieg (1618 – 1648) wurde das Archiv verwüstet, sodass aus früheren Zeiten keinerlei Aufzeichnungen vorliegen. Die Eintragung des katholischen Pfarrers Gerlach Ermert aus dem Jahr 1693 macht deutlich, dass es in davorliegenden Zeiten zu Beerdigungen in dem Gotteshaus gekommen war (8): „In der Kirche waren vormals einige Leichname begraben gewesen, deren Gebeine ich in der Mitte ein wenig einsenken und darüber Pflastern lies.“
Namentlich sind von bestatteten Personen nach 1624 folgende Namen bekannt:
1. Jacob Christopherie, ein vornehmer Österreicher, begraben in dem Gang vor dem Predigtstuhl, April 1638.
2. Anton Loos, katholischer Pfarrer von Netphen, beerdigt am 28. März 1741.
3. Agnes Goebell, Ehefrau des evangelischen Pfarrers Johann Eberhard Goebell, in der Kirche bestattet am 29. März 1748, begraben im oberen Chor, rechter Hand, unter der Bank, worin bisher die Schöffen gesessen. Ihr Grab ist recht in einen Felsen gehauen und ganz dicht an der Mauer.
Die Ritter aus der Wasserburg Hainchen wurden nach dem bisherigen Erkenntnisstand nicht in Netphen, sondern in der Cäcilienkirche von Irmgarteichen beerdigt.

Laurentiuskirche Ferndorf

In der Laurentiuskirche in Ferndorf kam es über mehrere Jahrhunderte zu Beerdigungen. Drei Pfarrer und fünf weitere Personen sind namentlich auf Grabplatten vermerkt, die teilweise in der Kirche oder an deren Außenmauern angebracht sind. Den Rittern von der Hees (Junkernhees) wurde das Recht der Bestattung in der Ferndorfer Kirche eingeräumt. Von fünf Adeligen sind deren Vornamen bekannt (9).
Beerdigungen wurden auch in den Kirchen von Raumland, Feudingen und Rödgen vorgenommen. Einzelheiten können Interessierte in den ortsbezogenen Chroniken nachlesen.

Stadtkirche Dillenburg

Ein besonderes Augenmerk verdient die Stadtkirche von Dillenburg, da sie die letzte Ruhestätte vieler Angehöriger des Grafenhauses von Nassau-Dillenburg wurde. Ihre Fertigstellung erfolgte um 1524, kurz vor Einführung der Reformation durch Graf Wilhelm den Reichen um 1530, in den Teilgrafschaften Dillenburg und Siegen.
Rechts vom Chor, in der ursprünglichen Sakristei, befindet sich eine einsehbare Grabstätte mit vier freistehenden Särgen, in denen Fürst Wilhelm (der Gute oder auch der Fromme genannt), dessen Ehefrau Johanna, Herzogin von Holstein, sowie zwei Kinder der Fürstenfamilie ruhen. In der großen Grabstätte unterhalb des Chores werden mehr als 50 Beisetzungen vermutet (10), darunter:
Graf Wilhelm der Reiche von Nassau- Dillenburg und seine zweite Ehefrau, Juliana von Stolberg, Mutter von Wilhelm, dem Schweiger und Johann VI., dem Älteren;
Johann VI. und seine erste Ehefrau, Elisabeth, Fürstin zu Leuchtenberg, sowie seine zweite Ehefrau, Pfalzgräfin Kunigunde Jacoba;
Johannette, Gräfin zu Sayn-Wittgenstein, dritte Ehefrau von Johann VI. sowie Magdalena, Gräfin von Waldeck-Wildungen, erste Ehefrau von Johann VII.
Der Eingang zu dieser Begräbnisstätte ist zugemauert. Er wurde letztmals im Jahr 1906 geöffnet. Die vermutlich jüngste Bestattung an diesem Ort erfolgte am 15. Oktober 1739. Fürst Christian von Nassau- Dillenburg erlitt am 28. August bei der Jagd im Wald von Straßewersbach einen Schlaganfall, an dem er wenige Tage später verstarb. Sechs Wochen lang konnten die Menschen der Grafschaft von ihm Abschied nehmen, bevor die Beisetzung erfolgte. – Abschied von einem Verstorbenen zu nehmen und diesen würdig zu gestalten, ist Menschen zu allen Zeiten ein Anliegen gewesen … Heinz Stötzel
Quellen und Literaturverzeichnis:
1. Fürstlicher Erlass. „Nassauische Intelligenz-Nachrichten“ vom 28. Juni 1770, September 1774 .
2. Menk, Friedhelm und Dr. Ulrich Weiß. „700 Jahre Martinikirche“, Siegen, 2011, S. 76.
3. wie 2, S. 75–92.
4 .Mainzer, Udo. „Nikolaikirche Siegen“. Broschüre 1978, S. 5.
5. Heider, Albert. „Kirchliches Heimatbuch“ 1927, S. 181.
6. Lück ,Alfred und Friedhelm Menk. „Die Fürstengruft zu Siegen“, 1956, S. 27 und 33.
7. Menk Friedhelm und Weiß, Dr. Ulrich. In: Zeitschrift „Siegerland“, Bd. 85, 2008, S. 151–156.
8. Ermert, Gerlach. Eintragung im Sterberegister des Jahres 1693, Original im kath. Kirchenarchiv Netphen.
9. Krämer, Erhard. „Kirche im Dorf“ 1998, S. 22,122–131.
10. Schmidt, Thomas. In: „Dillenburger Blätter“ Nr. 17. 1991, S. 53.

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