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SZ-Interview-Serie zum Jahreswechsel
Klaus Gräbener (IHK Siegen): "Die Dämpfer sind immens"

In jeder Krise gibt es Gewinner und Verlierer. Die Lage im Gastgewerbe sei mit „besorgniserregend“ noch freundlich umschrieben, so IHK-Hauptgeschäftsführer Klaus Gräbener. Die heimische Industrie hingegen ist alles in allem passabel durch die Krise gekommen.
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  • In jeder Krise gibt es Gewinner und Verlierer. Die Lage im Gastgewerbe sei mit „besorgniserregend“ noch freundlich umschrieben, so IHK-Hauptgeschäftsführer Klaus Gräbener. Die heimische Industrie hingegen ist alles in allem passabel durch die Krise gekommen.
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  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

ch Siegen. Lockdown, Stillstand, Wiederbelebung, geänderte Pläne, veränderte Politik, starke Konjunktureinbrüche, dann wieder schnelle Rückkehr auf das Vorkrisen-Niveau: Auch das Jahr 2021 war geprägt von Corona, das Virus wird auch den Jahreswechsel und die kommenden Monate maßgeblich bestimmen. Das gilt für alle Lebensbereiche, natürlich auch für die Wirtschaft. Nicht funktionierende Lieferketten, die Ausbreitung der Omikron-Variante, eine überhastet umgesetzte Klimaschutzpolitik und der Verkehrs-GAU, also die gesperrte Autobahn 45. Das alles und noch viel mehr wird uns auch 2022 beschäftigen, so Klaus Gräbener, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Siegen, im SZ-Interview zum Jahreswechsel.

ch Siegen. Lockdown, Stillstand, Wiederbelebung, geänderte Pläne, veränderte Politik, starke Konjunktureinbrüche, dann wieder schnelle Rückkehr auf das Vorkrisen-Niveau: Auch das Jahr 2021 war geprägt von Corona, das Virus wird auch den Jahreswechsel und die kommenden Monate maßgeblich bestimmen. Das gilt für alle Lebensbereiche, natürlich auch für die Wirtschaft. Nicht funktionierende Lieferketten, die Ausbreitung der Omikron-Variante, eine überhastet umgesetzte Klimaschutzpolitik und der Verkehrs-GAU, also die gesperrte Autobahn 45. Das alles und noch viel mehr wird uns auch 2022 beschäftigen, so Klaus Gräbener, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Siegen, im SZ-Interview zum Jahreswechsel.

Klaus Gräbener.

Klaus Gräbener (HK Siegen): Kurzarbeit als sehr teures Instrument

Mitten in der vierten Welle: Herr Gräbener, welche einschneidenden Erfahrungen bzw. Erkenntnisse nehmen Sie aus den vergangenen Monaten mit?

Um die Wirtschaft in der Pandemie, sprich: in der Krise, zu stärken, sind ihr jede Menge Hilfen zur Verfügung gestellt worden. Wie beurteilen Sie hier das Instrument der Kurzarbeit aus Sicht Ihrer Mitgliedsunternehmen?

  • Kurzarbeit ist prinzipiell gut, wenn sie darauf ausgerichtet ist, für kurze Zeit in konjunkturellen Schwächephasen für Lohnersatz zu sorgen, ohne die Beschäftigten in die Arbeitslosigkeit zu entsenden. Es ist allerdings auch ein sehr teures Instrument. 2021 dürften hierfür erneut deutlich über 20 Milliarden Euro aufgewandt worden sein. Es sollte daher nicht dauerhaft angewandt werden, sondern nur in kurzen Phasen. Zudem macht es wenig Sinn, bei zunehmendem Fachkräftemangel und Arbeitslosenquoten um die 4 Prozent mit Milliardenaufwand diejenigen von der Arbeit fernzuhalten, die man in anderen Unternehmen händeringend sucht. Um nicht missverstanden zu werden: Ich gönne jedem die soziale Absicherung. Eine Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik mit Augenmaß jedoch muss mehr im Blick haben. Der Staat überfordert sich, wenn er den Menschen suggeriert, öffentliche Beschäftigungshilfen dieses Ausmaßes könnten dauerhaft gewährt werden. Fördern und Fordern sind zwei Seiten derselben Medaille.

"Sicher ist nur, dass die Lage unsicher bleibt"

Wie groß ist der Corona-Schaden insgesamt für die Unternehmen in den beiden Kreisen Siegen-Wittgenstein?

  • Die Dämpfer sind immens, jedoch nicht exakt zu beziffern. Und was Omikron oder sonstige Virusvarianten uns noch einbringen werden, wer weiß es? Sicher ist nur, dass die Lage unsicher bleibt. Nicht umsonst haben die großen Institute ihre Wachstumserwartungen deutlich reduziert. Doch trifft dies nicht alle Unternehmen gleichermaßen. In jeder Krise gibt es Gewinner und Verlierer. Die Online-Umsätze im Handel erreichen immer neue Höhen, der stationäre Handel hat das Nachsehen. Die Lage im Gastgewerbe ist mit besorgniserregend noch freundlich umschrieben, dasselbe gilt für Teile der sonstigen Dienstleistungen. Unsere Industrie hingegen ist alles in allem passabel durch die Krise gekommen. Zumindest bisher. Die Umsätze liegen über dem Landesdurchschnitt, in Olpe sogar sehr deutlich darüber. Der Auftragseingang hat sich in den ersten drei Quartalen schneller erholt als vermutet, allerdings zuletzt auch wieder sehr stark abgeschwächt.

Klaus Gräbener (HK Siegen) sieht für 2022 drei große Herausforderungen

Diese Zahlen machen eigentlich Hoffnung. Zu Recht? Oder anderes herum: Welche besonderen Herausforderungen bringt das Jahr 2022 mit sich?

  • Im Kern sind es drei Herausforderungen. Da ist zunächst der Zustand unserer Infrastruktur. Der Brückenschaden auf der A45 macht über Monate hinweg eine Vollsperrung und danach einen Neubau erforderlich.
    Weitere Schäden an Talbrücke Rahmede

    Für den Gütertransport ist dies der GAU, von den Menschen in Lüdenscheid ganz zu schweigen. Jahrelang haben wir zu wenig in Beton und Asphalt investiert. Wir merken es an Autobahnen, Schulen, an Universitäten und bei der Glasfaser. Unsere Infrastruktur ist marode. Zugleich sind wir als Gesellschaft zu träge, hier schnell und durchgreifend zu neuen Lösungen zu kommen. Egal, ob es sich um neue Gewerbegebiete, Verkehrsadern von nationaler Bedeutung, Windräder oder den Bau von Umgehungsstraßen handelt: Wir müssen mehr Tempo aufnehmen. Wir diskutieren zu lange und investieren zu wenig. Zudem sehe ich die große Gefahr, dass wir unsere industrielle Stärke leichtfertig aufs Spiel setzen. Mehr Klimaschutz ist wichtig und richtig. Aber einer Transformation dieser Kategorie muss man genügend Zeit lassen. Dekarbonisierung im Munde zu führen, jedoch faktisch Deindustrialisierung zu betreiben, ist jedenfalls in meinen Augen nicht zukunftsorientiert, sondern gefährlich. In zehn Jahren eine Industrie, deren Strukturen über Jahrhunderte gewachsen sind, von links auf rechts zu drehen, kann in einem Land nicht funktionieren, in dem der Bau einer einzigen Ortsumgehung ein halbes Jahrhundert dauert. Schließlich erleben wir in konjunktureller Hinsicht Jo-Jo-Effekte, die ein halbwegs planbares unternehmerisches Handeln nahezu ad absurdum führt. Wer montags nicht weiß, wie viel Prozent der Belegschaft sich donnerstags oder freitags in Quarantäne befinden, der ist wahrlich nicht zu beneiden. Ich kann mich nicht erinnern, dass ein einziger externer Einfluss wie Corona jemals eine derart gravierende Auswirkung auf die gesamte Wirtschaft ausübte.

In jeder Krise gibt es Gewinner und Verlierer. Die Lage im Gastgewerbe sei mit „besorgniserregend“ noch freundlich umschrieben, so IHK-Hauptgeschäftsführer Klaus Gräbener. Die heimische Industrie hingegen ist alles in allem passabel durch die Krise gekommen.
Klaus Gräbener.
Autor:

Christian Hoffmann (Redakteur) aus Siegen

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