„Kleine Welten“

Am Donnerstag brachte Gerhard Reinert seine Arbeiten an den Wänden der Martinikirche an.  Foto: nik

nik Siegen. Der Zyklus von Entstehen und Vergehen – gut kann man ihn nachvollziehen anhand des Werkes „Flug“. Die Wespe darin – eine echte – lebte zusammen mit anderen Wespen im Atelier des Künstlers. Jetzt ist sie Teil einer seiner Collagen, die vom 3. Mai bis zum 14. Juni in der Martinikirche ausgestellt sind. „Ich beschäftige mich mit Zerkleinerung“, sagt Gerhard Reinert, Jahrgang 1950 und seit 1986 als freier Künstler tätig. Und tatsächlich: Wer seine Werke betrachtet, muss genau hinsehen.

Sein Arbeitsgerät ist nicht der Pinsel, sondern die Schere, und die Schnipsel, aus denen schließlich seine Arbeiten entstehen, verdienen ihren Namen eigentlich nicht. So fein sind sie, dass sie im Atem des Betrachters davonfliegen würden, wenn sie nicht durch Glas geschützt. Die Wespe bildet da natürlich eine Ausnahme. Erstens, weil sie noch ganz ist, und zweitens, weil sie zu einem Zyklus gehört, der auch andere „natürliche“ Dinge beinhaltet, wie zum Beispiel getrocknete Blüten.

Reinerts Arbeitsgebiete sind Objektkästen, Collagen und Raumarbeiten, interdisziplinäre, multimediale Objekte. Das klingt ein wenig sperrig, doch beim Besuch der Martinikirche wird schnell deutlich, dass seine Arbeiten alles andere sind als das: Regelrecht Ausschau halten muss man nach den weißen Rahmen auf den weißen Kirchenpfeilern und an den Wänden. Nur wenige Werke heben sich, beispielsweise durch ihren dunklen Grundton, deutlich ab. Die meisten der rund 40 ausgestellten Arbeiten verlangen das Nah-Herangehen, das genaue Hinsehen. Verspielt wirken sie und grafisch, in fast jedem Fall zerbrechlich, und so klein sie auch sein mögen, sie lassen reichlich Raum für freie Assoziation.

Das ist vom Künstler auch durchaus so beabsichtigt: „Ich reduziere etwas auf das kleinste Element“, sagt Reinert, und was auf dieses „Entmaterialisieren“ folgt, ist ein Prozess, zum Beispiel streuen, pusten oder schütten, und wenn sein Gefühl ihm sagt, dass es jetzt nicht mehr besser wird, dann stoppt er ihn. Dann präsentiert sich das Ergebnis entweder in einer dynamischen Funktion wie in dem experimentellen Digitalfilm „Nach den Sternen greifen“ oder eben statisch, wie in der Bewegung eingefroren.

So oder so, Reinerts Arbeiten vermitteln etwas Meditatives und dabei doch meist ungeheuer Leichtes und Freundliches. Für Gerhard Reinert ist die „Kleine Welten“-Ausstellung eine Kirchenpremiere, für Pfarrer Raimar Leng ist es die 27. Ausstellung in der Martinikirche. Von Ausstellung zu Ausstellung hätten die Gemeindemitglieder ein offeneres Verständnis für die Kunst entwickelt, findet Leng, und auch die Künstler hätten stets eine „große Sensibilität“ bewiesen. Für Gerhard Reinert mit seinem von den calvinistischen Eltern „ererbten“ Faible für das Pure ist der nüchterne Kirchenraum freilich ein Glücksfall.Eröffnet wird die Ausstellung „Kleine Welten“ morgen um 12 Uhr im Rahmen des Siegener Kunstsommers, die Einführung hält Dr. Marlies Obier. Die Martinikirche kann dienstags bis donnerstags von 15 bis 18 Uhr und an Sonntagen von 11.30 bis 13 Uhr besucht werden.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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