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Otto Tittel (85) ist ältester Kletterer im Alpenverein
Klettern ist wie Kreuzworträtsel

Kraft und Konzentration braucht man, um die grünen, gelben oder roten Routen zu klettern. Für Otto Tittel ist Schwierigkeitsgrad 3 kein Thema: „Da kommt man ja mit Schubkarre und Gummistiefeln rauf.“ Bei Schwierigkeitsgrad 5 oder 6 wird es aufregender. In der Siegener Kletterhalle geht es bis hinauf zum 10. Grad.
  • Kraft und Konzentration braucht man, um die grünen, gelben oder roten Routen zu klettern. Für Otto Tittel ist Schwierigkeitsgrad 3 kein Thema: „Da kommt man ja mit Schubkarre und Gummistiefeln rauf.“ Bei Schwierigkeitsgrad 5 oder 6 wird es aufregender. In der Siegener Kletterhalle geht es bis hinauf zum 10. Grad.
  • Foto: K. Eutebach
  • hochgeladen von Katja Fünfsinn (Redakteurin)

ihm Neunkirchen/Siegen. „Auf die wenigsten Gipfel kommt man mit den Skiern bis ganz oben – das letzte Stück geht es meist zu Fuß weiter.“ Und die Skier? „Die rammt man fest in den Schnee und sieht zu, dass man sie beim Abstieg auch wiederfindet.“ Otto Tittel lächelt. Er hat seine Skier immer wieder gefunden auf seinen hochalpinen Touren im Winter.Heute ist der Physikprofessor, der mit Ehefrau Wilma in Neunkirchen lebt, nicht mehr in den französischen oder Schweizer Alpen unterwegs. Die Gesundheit macht nicht mehr mit, berichtet der 85-Jährige ganz sachlich. „Ich kann noch zwei Dinge gut: Autofahren und Fahrradfahren. Laufen leider nicht mehr.“ Halt – da ist noch ein dritte Sache, die Otto Tittel richtig gut kann: klettern. Obwohl das Laufen in der Ebene schwierig ist.

ihm Neunkirchen/Siegen. „Auf die wenigsten Gipfel kommt man mit den Skiern bis ganz oben – das letzte Stück geht es meist zu Fuß weiter.“ Und die Skier? „Die rammt man fest in den Schnee und sieht zu, dass man sie beim Abstieg auch wiederfindet.“ Otto Tittel lächelt. Er hat seine Skier immer wieder gefunden auf seinen hochalpinen Touren im Winter.Heute ist der Physikprofessor, der mit Ehefrau Wilma in Neunkirchen lebt, nicht mehr in den französischen oder Schweizer Alpen unterwegs. Die Gesundheit macht nicht mehr mit, berichtet der 85-Jährige ganz sachlich. „Ich kann noch zwei Dinge gut: Autofahren und Fahrradfahren. Laufen leider nicht mehr.“ Halt – da ist noch ein dritte Sache, die Otto Tittel richtig gut kann: klettern. Obwohl das Laufen in der Ebene schwierig ist. Aber wenn es in die Vertikale geht, dann ist der drahtige Mann in seinem Element. Den Schwierigkeitsgrad 5 und einige 6er-Routen meistert er in der Kletterhalle des Alpenvereins am Effertsufer regelmäßig.

Training zu Hause

Im Moment ist die Halle zu, die Seniorenklettergruppe, die sich immer mittwochs trifft, hat Zwangspause. Otto Tittel hat aus dem letzten Lockdown gelernt: „Da hatte ich hinterher ganz schön Mühe, die Wand hochzukommen.“ Jetzt trainiert er jeden Tag zu Hause mit Gymnastik und Radfahren auf der Rolle. Denn ohne Muskeln geht es nicht.Wichtiger aber findet der Wissenschaftler die Koordination und das Nachdenken. „Klettern ist wie Kreuzworträtsel. Man muss überlegen, wie man die Route durch die Wand bewältigt.“ Weil die farbigen Kunststoff-Nüppel., die in in der Kletterhalle als Tritte und Griffe dienen, immer wieder umgesteckt werden, wird das Rätsel nie langweilig.
Prof. Dr. Otto Tittel ist ein spätberufener Kletterer. Seine Anfänge liegen – eigentlich untypisch für dieses Hobby – in den winterlichen Alpen. Auf den Geschmack fürs Bergsteigen kommt man normalerweise eher im Sommer, wenn die Felsnasen locken, die aus blühenden Almwiesen emporragen.

Erste Erfahrungen als Student

Bei Tittel aber war es der Winter. Die ersten Bergerfahrungen machte er als Student. Seine Uni, die TH Aachen, betrieb die Söller Hütte im Kleinwalsertal, heute als „Söller-Haus“ im Besitz des gleichnamigen Vereins aus Stuttgart. Otto Tittel war mit Kommilitonen im Kleinwalsertal unterwegs, fand Gefallen am Skifahren und entdeckte neben „normalen“ Skiurlauben auch das Skitourengehen für sich.
„Irgendwann wollte ich dann auch auf die Gipfel.“ Um durch unberührte Schneelandschaften abzufahren, muss man erst einmal aufsteigen. Dazu schnallen sich die Tourengeher Felle unter die Ski, denn auf die schönsten Gipfel fährt nur in den seltensten Fällen ein Lift.Damals lebten die Tittels in Frankreich. Mit der Gründung der Gesamthochschule Siegen kam der Physiker 1972 samt Familie ins Siegerland – und blieb. Hausbau, berufliche Herausforderungen – erst einmal blieb keine Zeit zum Bergsteigen. Aber dann wuchs die Sehnsucht nach den Bergen. Irgendwann sollten es mehr als einfache Gipfel und Tagestouren sein. „Ich hab mich dann mit 55 Jahren getraut, mal beim Siegener Alpenverein anzurufen. Eigentlich dachte ich, das wäre nur was für junge Leute.“ Das weiß er heute besser.

Glücksfall für den Tourengeher

Die Sektion Siegerland des Alpenvereins erwies sich als Glücksfall für den Tourengeher. Mit Burkhard Patt aus Hilchenbach und weiteren Kameraden der Sektion ging es jedes Jahr auf eine Hüttentour. Eine Bernina-Durchquerung im Winter, viele Gipfeltouren vorwiegend in der Schweiz, als höchster Berg die Signalkuppe im Monte-Rosa-Massiv, einmal durchs ganze Ötztal: „Wir haben tolle Touren gemacht. Aber wir waren nie Helden. Deswegen sind wir auch immer gesund wiedergekommen.“
Da denkt Otto Tittel wie der große Reinhold Messner, der sagte: „Umkehren-können ist die wahre Kunst des Bergsteigers.“ Meist sind es nicht die technischen Schwierigkeiten, die den Abbruch oder die Umplanung der Tour erzwingen, sondern das Wetter. Im Winter sind nun mal Lawinen die tödlichste Gefahr.Hat Otto Tittel Angst beim Bergsteigen? „Ja, ich hatte Angst. Auf dem Weg vom Kleinglockner zum Großglockner passiert man einen ganz scharfen Grat, und da geht es richtig tief runter. Obwohl der Grat mit einbetonierten Metallstangen gesichert ist und da eigentlich nichts passieren kann, hatte ich Angst.“ Die Ängste zu überwinden, das kann man nach der Erfahrung des 85-Jährigen trainieren. „Das ist ein geistiges Training. Es geht darum zu erkennen: Warum hast du Angst gehabt?“

Klettern nur noch in der Halle

Inzwischen geht Otto Tittel nicht mehr ins Gebirge – aus gesundheitlichen Gründen. Seine Selbsteinschätzung lässt da keinen Zweifel zu „Ich habe in den Alpen nichts mehr zu suchen.“ Um so lieber aber geht er klettern. Die körperlichen Einschränkungen – er kann zum Beispiel die Füße nicht mehr richtig abwinkeln – behindern ihn nur leicht, wenn er die bis zu 16 Meter hohen Wände besteigt. „Dann muss ich eben das Bein höher heben.“14 Mitglieder hat die Klettergruppe 55 plus in der Sektion, darunter sind auch vier Frauen. Die Kameradschaft ist wichtig, die Konkurrenz nicht. Otto Tittel klettert aus reiner Freude: „Ich möchte es schaffen, aber es geht mir nicht um Ehrgeiz.“ Die Verantwortung beim Sichern eines Kameraden ist eine Seite der Klettermedaille. Das Vertrauen in die Sicherung des eigenen Aufstiegs die andere. Aus beidem wächst wohl eine Verbundenheit, die das Klettern zu einer ganz besonderen Sportart macht.
Zum Schluss noch Corona. Das Ehepaar Tittel ist vorsichtig. Man isoliert sich, so gut es geht. Otto Tittel ist fest entschlossen, sich impfen zu lassen, sobald es möglich ist. Und hofft, dass die Kletterhalle schnell wieder öffnet. Dann wird der älteste aktive Kletterer der Sektion sich wieder ins Seil einklinken, so viel steht fest.

Autor:

Irene Hermann-Sobotka (Redakteurin) aus Siegen

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