Kraftvoll, dynamisch und pulsierend

Ev. Kantorei führte Requiem-Vertonungen von Johann Michael Haydn und Mozart auf

ars Siegen. Der direkte Vergleich der zwei wichtigsten Requiem-Vertonungen der Wiener Klassik machte den besonderen Reiz eines gelungenen Beitrages der Evangelischen Kantorei zum Siegener Mozartfestival aus. In der Nikolaikirche erklangen das Requiem in c-Moll von Johann Michael Haydn, dem jüngeren Bruder des Begründers der Wiener Klassik, und das berühmte und häufig aufgeführte Requiem in d-Moll von Wolfgang Amadeus Mozart direkt aufeinanderfolgend, was ermöglichte, die zeit- und stiltypischen Tendenzen des Mozartschen Großwerkes einerseits und auch das nur ihm Eigene, die Zeit Transzendierende und Überragende gleichermaßen zu hören. Die direkte Vergleichbarkeit wurde darüber hinaus durch den Entwurf eines identischen – lateinischen – Textes erleichtert.

Haydns Version der Totenmesse hebt im »Introitus« an mit einer großen, fast spätbarock anmutenden Prachtentfaltung bei durchgängig klassischer Musiksprache im Sinne des großen Bruders. Von Beginn an fiel die in etwa stimmige Balance zwischen der vielköpfigen Kantorei und der kleineren, aber ausreichend besetzten Camerata instrumentale Siegen positiv auf – und das bei den bekannt schwierigen akustischen Bedingungen im altehrwürdigen Gotteshaus.

Die »Sequentia« beginnt, hier deutlich an Mozarts Lösung erinnernd (und wohl doch die Vorlage für dessen Einfall), schnell und schneidend. Auffallend bei Haydn ist der stete Wechsel von Chor- und Solopassagen bei durchgehend zügigem, vitalem, dynamischem Voranschreiten der Musik. Alles erscheint eingebunden in ein lebendig-durchpulstes Ganzes, jeder Wechsel, jede neue Farbe erheischt Aufmerksamkeit und steht doch nicht isoliert als »schöne Stelle« da. Chor, Solistenquartett (Heidrun Göttsche, Sopran, Silke Weisheit, Alt, Thomas Iwe, Tenor und Christian Palberg, Bass) und Kammerorchester greifen bei diesem Requiem bei ständigem Ausschreiten kunstvoll und teilweise beglückend ineinander, was vom ebenso energischen wie sachdien- lichen Dirigat von KMD Ute Debus exakt initiiert und nachgebildet wurde. Auch wurde nichts forciert, Dynamik und nicht Atemlosigkeit prägte die Interpreta- tion der beiden Werke, dazu, besonders bei Mozarts Requiem, eine bei aller Dynamik feierliche Grundhaltung ohne interpretatorische Extreme und Manierismen, bei einigen Chorpartien sogar in die Breite gehend.

Stand bei Haydn, dessen Requiem-Partitur Mozart für die Uraufführung kopierte, der Chor unangefochten im Zentrum des musikalischen Geschehens, unterschied sich das im Anschluss daran wiedergegebene Mozart-Requiem zuerst einmal ohrenfällig durch eine gleichgewichtigere Aktivität der drei Gruppen Chor, Orchester und Soloquartett.

Auch Mozarts Werk ist insgesamt kraftvoll-pulsierend, aber Einwürfe der Sänger und der Instrumentalisten sind stärker individualisiert, gar ausgekostet; auch sind deren Einsätze hier deutlich länger als bei Haydn.

Besonders eindringlich ist das sich über viele Takte – von »Recordare Jesu pie« bis »statuens in parte dextra« – klangschöne und hier wirklich gelungene Vokalquartett bei dezenter, aber immer eindrucksvoller Orchesterbegleitung – wobei »Begleitung« bei einem Mozart selbstverständlich über bloßes Unterfüttem der Gesangslinien hinausgeht. Insgesamt deutet die Mozartsche Version der Totenmesse den Text stärker aus, was etwa bei der Erwähnung der Seligen ein Singen wie von weit her, wie aus dem Reich der Seligen verlangt, hier wie an vergleichbaren Stellen gut gelungen, aber – und das zeichnete die Wiedergabe unter der Leitung von Ute Debus aus – nie vereinzelt, verinselt dargeboten, sondern durchweg in dem eingangs beschriebenen Impuls, das Ganze als solches dynamisch-pulsierend in jedem voranschreitenden Takt gegenwärtig sein zu lassen – was vielleicht am ehesten die Meriten dieser Wiedergabe und die Substanz dieses schönen Abends umschreibt, in dem alle Akteure ihrer Aufgabe im Lichte der vorgegebenen Marschrichtung gewachsen waren und allenfalls die besondere Chorleistung ganz zum Ende hin. bei der mitreißend rhythmisierten Chorfuge ab »cum sanctis in aeternum«, hervorgehoben werden soll.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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