Kunde beschuldigte Bankangestellten

 Mehrere Angestellte eines Wittgensteiner Kreditinstituts waren gestern in einen Fall verwickelt, der im Bad Berleburger Amtsgericht verhandelt wurde. Foto: Archiv
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howe - Das war schon starker Tobak, wie offensiv da am Dienstag ein 79-jähriger Mann im Bad Berleburger Amtsgericht auftrat. Denn der Wittgensteiner sollte sich wegen übler Nachrede verantworten, wobei der Fall für reichlich Kopfschütteln sorgte. Oberamtsanwältin Judith Hippenstiel klagte als Vertreterin der Staatsanwaltschaft den Mann an, im Februar vorigen Jahres in einer Siegener Bankfiliale einen Mitarbeiter eines Wittgensteiner Kreditinstituts als „Betrüger“ bezeichnet zu haben. Da soll der 79-Jährige dem Bankkaufmann übel nachgeredet haben.

Was war geschehen? In einer Wittgensteiner Filiale eines Kreditinstituts hatte der Senior zuvor Geldgeschäfte getätigt. Erst holte er am Schalter seine Rente, zählte jeden einzelnen Schein akribisch nach und kontrollierte ebenso genau, ob auch alles echt sei. Im Anschluss wollte der 79-Jährige einen höheren Betrag auf sein Sparbuch überweisen. 4300 Euro habe er dem Bankkaufmann gegeben, nachdem er den Betrag zu Hause „dreimal im Beisein der Frau“ nachgezählt habe. „Er hat das Geld an sich genommen und ist weggerannt. Er hatte es eilig“, schilderte der Angeklagte.

„Mit Mühe habe ich es nochmal mit ihm abgezählt“, das sei schon sehr merkwürdig gewesen. „Ich bin hinter ihm her, da verschwand er“, erzählte der 79-Jährige seine Version. Er habe zu Hause immer eine „doppelte Kassenführung“. Diejenige der Bank sei nicht richtig gewesen, denn als der Bankangestellte mit dem Sparbuch zurückgekehrt sei, habe er festgestellt, dass nur 3700 Euro eingetragen worden seien. Ergo: 600 Euro fehlten. „Der Angestellte rannte weg, ein anderer hat ihn verteidigt, der mischte sich ein“, so der Senior.

Judith Hippenstiel und Richter Torsten Hoffmann hielten gestern im Sitzungssaal, wo mehrere Bankangestellte Platz genommen hatten, inklusive Vorstand, mehrfach die Luft an. „Aber Sie haben doch die Quittung über 3700 Euro unterschrieben“, konfrontierte Torsten Hoffmann den Angeklagten mit der Tatsache. „Ja“, antwortete der 79-Jährige, er sei zu vertrauensvoll gewesen und habe schnell unterschrieben. Das wollte der Richter so nicht gelten lassen: „Sie kontrollieren die Auszahlung, ob es Falschgeld ist. Dann zählen Sie das Geld dreimal. Und dann unterschreiben Sie so die Quittung?“ Auch Judith Hippenstiel glaubte der Version nicht: „Wir haben eine Quittung von Ihnen, wo Sie den Betrag von 3700 Euro und nicht von 4300 Euro unterschrieben haben. Wir haben einen Beweis.“ Wo also sollte der Mitarbeiter des Kreditinstituts die 600 angeblich fehlenden Euro gelassen haben? Für den Senior war der Fall klar. Er hatte schon bei der Vernehmung gegenüber dem Kriminalbeamten erklärt, dass für ihn feststehe, dass der Mitarbeiter xy (hier nannte er den Namen) ihn betrogen habe.

Auch dem Vertreter der Nebenklage gegenüber äußerte der 79-Jährige in einem Brief, dass er sich auf seine Ehrlichkeit berufe und diese lasse er sich weder durch den Bankangestellten noch durch ihn nicht verdrehen. Rechtsanwalt Thomas Biek, der den Bankangestellten vertrat, schilderte auch, dass der Satz fiel „Ich bin von xy (Anm. d. Red.: bei Nennung des Namens) betrogen worden.“ Und schließlich, das sollte ja gestern verhandelt werden, erschien der Senior in der Siegener Filiale, wo er die Geschichte von der vermeintlichen 600-Euro-Unterschlagung erzählte und – ebenfalls bei Nennung des Namens – den Wittgensteiner Bankkaufmann des Betrugs bezichtigte. Um das Verfahren nicht ewig in die Länge zu ziehen, unterbreitete Torsten Hoffmann folgenden Vorschlag – zumal gegen den unbescholtenen und seriösen Bankangestellten Strafanzeige gestellt, das Verfahren aber rasch eingestellt worden war: Der Angeklagte solle seinen Fehler einsehen, sich bei dem „Banker“ entschuldigen, einen Betrag von 1000 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung zahlen und das Verfahren könne dann eingestellt werden. Nach kurzer Beratung kehrte der 79-Jährige zurück: Er könne keinen Betrüger nennen, weil der Bankkaufmann ja „schnell weg“ sei. Das Geld sei irgendwo in dem Kreditinstitut „untergekommen“, beschwichtigte der Angeklagte etwas, um wenige Augenblicke später wieder in die Offensive zu gehen: „Das mache ich nicht. Ich muss bei den Tatsachen bleiben.“ Das könne Schule machen bei einer Bank. „Man würde mit einer Liste rumgehen und fragen: ,Wer ist auch in der Bank darauf reingefallen?’“

Die Gegenseite (Rechtsanwalt Thomas Biek) habe ihn beschuldigt, er hätte etwas verwechselt oder vertauscht. „Das ist ja, als wäre ich dement. Ich habe es aber erlebt. Ich weiß, was gewesen ist“, beharrte der Rentner auf seiner Position. Also ließ das Gericht weitere Zeugen hören. Der erste, ein junger Bankkaufmann aus Siegen, bestätigte nochmal, dass der 79-Jährige an den Schalter gekommen sei und erzählt habe, wie er in dem Wittgensteiner Kreditinstitut „beklaut“ worden sei. „Er wollte kein Blatt vor den Mund nehmen und nannte den Namen.“ Der betroffene Bankangestellte, den die Sache – wie sein Rechtsbeistand Thomas Biek erläuterte – „stark belastet“ und dessen Reputation und Ansehen hier auf dem Spiel stehe, sagte gestern auch aus: In Hundertern habe der Kunde gezahlt, und zwar 3700 Euro. Dann sei nochmal vorgezählt worden, wieder 3700 Euro. Er habe nun, so der Bankangestellte, zunächst eine Zinsnachtragung im Sparbuch vorgenommen.

In der Zeit habe der 79-Jährige das Geld wieder gezählt und sei erneut auf 3700 Euro gekommen. Nun habe man den Betrag gemeinsam gezählt. Anschließend habe der Senior den Einzahlungsbeleg unterschrieben. Eine halbe Stunde später sei er erneut in der Filiale erschienen und hätte die Einzahlung moniert. Er habe ihm angeboten, so der „Banker“, dass zwei Mitarbeiter unabhängig von ihm abends die Kasse prüften. Bei dieser Prüfung sei alles in Ordnung gewesen, was er dem Rentner auch telefonisch mitgeteilt habe. Der sei aber am anderen Morgen wieder in der Bank vorstellig geworden, habe persönliche Daten verlangt und ihm vorgeworfen, Geld unterschlagen zu haben. Der betroffene Angestellte klärte das Gericht auch auf, dass die Einzahlung auf dem Sparbuch erst erfolge, wenn alles stimme. Der Kunde quittiere das dann mit seiner Unterschrift – wie geschehen. Judith Hippenstiel fand es in ihrem Plädoyer besonders tragisch, dass der 79-Jährige bis zum Schluss bei seinem Vorwurf bleibe. Und das sogar acht Monate nachdem die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen den Bankkaufmann wegen angeblicher Unterschlagung eingestellt hatte.

Die üble Nachrede gegen den Bankkaufmann sei besonders schwerwiegend, weil hier mit solchen Anschuldigungen sein Beruf, seine Reputation und sein Aufstieg in der Filiale aufs Spiel gesetzt werde. Sie beantragte eine Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu je 35 Euro. Thomas Biek warnte den 79-Jährigen: „Das nimmt mittlerweile Ausmaße an. Sie lassen es nicht. Sollte das so weitergehen, werden wir alle Register ziehen.“ Das letzte Wort des Angeklagten dauerte lang. Er würde sich hüten, jemanden zu beleidigen. Aber: „Für mich ist so eine Bank praktisch erledigt.“ Er stehe ja jetzt da wie ein Dieb, „wie ein Halunke. Das habe ich nicht verdient.“

Er sei immer ein rechtschaffener Mensch gewesen, der gearbeitet habe. Zur Ehrenrettung des Mannes: Man mochte gestern im Gerichtssaal weniger den Eindruck gewinnen als säße dort ein böswilliger alter Mann, der Unrecht getan hat als vielmehr ein Mensch, dessen – sagen wir mal – geistiges Reaktionsvermögen im Alter sicher gelitten haben mag.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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