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WLV schlägt Alarm
Landschaft durch Klimawandel und Corona akut gefährdet

Dieses per Multicopter aufgenommene Bild zeigt exemplarisch, was gerade in Südwestfalen passiert und was auf dem Spiel steht: Ein Wald über Hillmicke im Wendener Land ist komplett vom Borkenkäfer zerstört worden. Noch halten die Laubbäume stand. Der Preiskampf auf dem Weltmarkt und die Folgen der Corona-Krise bedrohen die Landwirtschaft, die bisher dafür sorgt, dass das Grünland offen bleibt und nicht zuwächst.
  • Dieses per Multicopter aufgenommene Bild zeigt exemplarisch, was gerade in Südwestfalen passiert und was auf dem Spiel steht: Ein Wald über Hillmicke im Wendener Land ist komplett vom Borkenkäfer zerstört worden. Noch halten die Laubbäume stand. Der Preiskampf auf dem Weltmarkt und die Folgen der Corona-Krise bedrohen die Landwirtschaft, die bisher dafür sorgt, dass das Grünland offen bleibt und nicht zuwächst.
  • Foto: win
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

win Petmecke/Siegen/Olpe. Eigentlich eignet sich der idyllisch gelegene Hof Richard eher, um Werbung für die Landwirtschaft zu machen. Seit 1381 sind hier urkundlich belegt Bauern tätig, und Hofbesitzer Michael Richard und seine Familie haben sich wie viele südwestfälische Bauern auf mehrere Säulen gestützt, um für alle denkbaren Unwägbarkeiten gewappnet zu sein. Die Petmecke bei Grevenbrück, eine kleine Bauernsiedlung, war am Mittwoch Schauplatz der jährlichen Pressekonferenz, in deren Rahmen der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband (WLV) die Erntebilanz zieht. Doch diesmal nutzte WLV-Präsident Hubertus Beringmeier die Gelegenheit, um Alarm zu schlagen.

win Petmecke/Siegen/Olpe. Eigentlich eignet sich der idyllisch gelegene Hof Richard eher, um Werbung für die Landwirtschaft zu machen. Seit 1381 sind hier urkundlich belegt Bauern tätig, und Hofbesitzer Michael Richard und seine Familie haben sich wie viele südwestfälische Bauern auf mehrere Säulen gestützt, um für alle denkbaren Unwägbarkeiten gewappnet zu sein. Die Petmecke bei Grevenbrück, eine kleine Bauernsiedlung, war am Mittwoch Schauplatz der jährlichen Pressekonferenz, in deren Rahmen der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband (WLV) die Erntebilanz zieht. Doch diesmal nutzte WLV-Präsident Hubertus Beringmeier die Gelegenheit, um Alarm zu schlagen.

Stockender Milchabsatz und ein nimmersatter Borkenkäfer

Der Hof Richard lebt von der Milchviehhaltung, von Ferienwohnungen und Forstwirtschaft – und alle drei Säulen waren kürzlich bedroht. Acht Wochen kein Urlauber wegen des Lockdowns, der Milchabsatz stockte, und der Borkenkäfer sorgte für das größte und wohl nachhaltigste Übel.
Die Fahrt aus seiner Heimat im Kreis Paderborn, berichtete Beringmeier, habe er eigens nicht über die Autobahn absolviert, sondern über Land, und unterwegs habe er mehrfach gestoppt, um Fotos zu machen von dem, was derzeit die Bauernschaft umtreibt. Trockene Weiden, gelb statt grün, auf der einen Seite – braun-graue Wälder auf der anderen.

Geringe Erntemengen – gute Qualität Auch der eigentliche Zweck der jährlichen Pressekonferenz, die Erntebilanz, war am Mittwoch Thema. Diese sei regional sehr unterschiedlich ausgefallen – unmittelbar abhängig von der Menge der vor Ort gemessenen Niederschläge. Mengenmäßig liege die Ernte insgesamt unter dem Durchschnitt, qualitativ oberhalb, was aber zu keinen höheren Preisen geführt habe. Wintergerste und Triticale – eine Kreuzung aus Weizen und Roggen – sowie Mais seien mit erheblichen Einbußen eingebracht worden. Sorgten die ausbleibenden Niederschläge einerseits für schlechtes Wachstum, ermöglichten sie andererseits einen außergewöhnlich frühen Erntebeginn und niedrigen Pilzbefall beim Getreide. Da die Ernte jedoch weltweit gut ausgefallen sei, blieben die Preise im unteren Bereich. Die Corona-Krise sorgte bei Landwirten auf breiter Basis für schlechte Stimmung: Schweinebauern müssen wegen der corona-bedingten Schließung von Schlachthöfen mit Preisverfall leben. Sonderkulturbetriebe (etwa Erdbeer- oder Spargelbauern) hatten Probleme, Erntehelfer aus dem Ausland einsetzen zu können. Rindermäster lebten zeitweise fast ohne Absatz – Rindfleisch ist klassisch ein Markt für die Gastronomie, und die war vom Lockdown wochenlang betroffen. Sturmschäden und Schädlinge tun ein Übriges. „Als Land- und Forstwirte stellen wir uns der Herausforderung des Klimawandels und werden unsere Anbauverfahren wie auch Fruchtfolgen weiterentwickeln.“ Doch wie auch die Forderungen nach mehr Tierwohl müssten sich letztlich auf die Preise auswirken, so Hubertus Beringmeier.

Obwohl es den Landwirten in ganz Westfalen und dem Lipperland derzeit angesichts Corona-Krise und spürbarem Klimawandel nicht gut gehe, sei der südwestfälische Raum ganz besonders getroffen.
Denn als fast reine Grünland-Region kommen laut Beringmeier gleich mehrere Faktoren zusammen, die Landwirten die Zukunft schwer machen. So schwer, dass der WLV nun dabei sei, einen Forderungskatalog an die Politik zu erstellen. „Wir brauchen einen Masterplan für Südwestfalen“, so Beringmeier, denn wenn sich nichts tue, dann werde die Arbeit der Landwirte in Sauerland, Siegerland und Wittgensteiner Land bald nicht mehr lohnen. „Wir müssen mehr Wertschöpfung hierher holen“, so Beringmeier.

Borkenkäfer sorgt für komplettes Wegsterben der Fichte

Das Fichtensterben sei derzeit wohl das größte Problem, das viele Landwirte betreffe, denn traditionell sind viele Bauern auch Waldbesitzer, „und derzeit bricht die Sparkasse der Bauern zusammen“, umschrieb Beringmeier das Bild, das sich in den heimischen Fichtenwäldern zeigt. „Ich bin kein Forstfachmann, aber nachdem es bisher immer geheißen hatte, der Borkenkäfer gehe nicht über 400 Höhenmeter, glaube ich inzwischen den Forstämtern, die uns prognostizieren, dass man mit dem nahezu kompletten Wegsterben der Fiche rechnen muss.“ Durch die Schwemme sei der Holzpreis ins Bodenlose gefallen, so tief, dass das Roden und Aufarbeiten befallener Bestände zum Nullsummenspiel werde. Der Milchpreis, derzeit bei rund 32 Cent, sei viel zu niedrig, „das ist einfach nicht in Ordnung und zeigt die brutalen Kräfte des Marktes.“ Und die Absatzprobleme der Corona-Krise hätten das Übrige getan: Preisverfall bei Schweinen, Rindern und auch vielen Getreidesaaten.
Was für alle Bauern gelte, müsse für Südwestfalen besonders gelten – das Arbeiten auf dem Hof müsse auskömmlich sein. Und hier sei die Politik gefragt, die dafür sorgen müsse, dass durch Extra-Töpfe und Förderprogramme die Leistung der südwestfälischen Landwirte weiterhin lohne. Schließlich seien sie es, die der Region ihr Aussehen gäben. „Auch die Umweltleistung muss honoriert werden“, so Beringmeier: Ohne die Arbeit der Bauern werde das Grünland bald kein Grünland, sondern Wald sein, und dann verliere die Region ihr Gesicht.

Flächen für Windenergie nutzen

Klar gebe es schon Zuschussprogramme und Förderungen für Regionen wie Südwestfalen, aber das reiche nicht, „um die jungen Leute auf den Höfen zu halten. Viel Arbeit reicht nicht aus, es muss sich auch lohnen. Wir können nicht von der Idylle leben.“ Vor allem gehe es nicht nur um Geld, um Zuschüsse oder Fördermittel: Hilfe zur Selbsthilfe, so Beringmeier, könne ganz praktisch und ohne Bares geschehen, etwa durch ein Lockern des Grünlandumbruchverbots: „Es muss doch möglich sein, dass die Bauern hier einen Teil des Futters für ihr Vieh selbst anbauen können, anstatt zuzukaufen.“ Und wenn einem Bauern sein kompletter Wald weggestorben sei, dann gebe es nichts mehr zu roden, was einem Windrad im Wege stehe. „Wir wollen keinen massiven Zubau von Windrädern, aber wo beispielsweise drei Bauern sich einig sind, da muss es möglich sein, die Brache für ein Windrad zu nutzen und so wieder einen Ertrag zu erwirtschaften. Da darf es keine Denkverbote geben.“ Der Entwurf eines solchen Masterplans sei just im Entstehen und werde, sobald fertig, massiv an die Politik herangetragen. Die Hauptziele sind seit Mittwoch formuliert.

Autor:

Jörg Winkel (Redakteur) aus Stadt Olpe

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