SZ

Im „Fürstentum“ geht es um die Wurst
Lang ist es her: 15 Metzgereien in Geisweid

Wer schwer arbeitet, braucht Kraftnahrung. Im Hüttental beherzigt man augenscheinlich diese Faustregel. 15 Metzgereien versorgten Mitte des vergangenen Jahrhunderts die Bevölkerung im „Fürstentum Klafeld“.
2Bilder
  • Wer schwer arbeitet, braucht Kraftnahrung. Im Hüttental beherzigt man augenscheinlich diese Faustregel. 15 Metzgereien versorgten Mitte des vergangenen Jahrhunderts die Bevölkerung im „Fürstentum Klafeld“.
  • Foto: SZ-Archiv
  • hochgeladen von Redaktion Kultur

sz - Jeder Metzger hatte seine Besonderheit – sowohl was seine Person als auch das kulinarische Angebot hinter Fleisch- und Wursttheke betraf.
hb Geisweid. Im „Fürstentum Klafeld“ ist es schon immer im wahrsten Sinne des Wortes um die Wurst gegangen. Wer hat bzw. hatte die beste Fleischwurst? Um diese Frage streiten sich noch heute die alten „Fürsten“ an Stammtischen und in anderen Gesprächsrunden.
Eines wird dabei deutlich: Es herrschte eine große Vielfalt an Metzgereien in Klafeld, und jeder Metzger hatte seine Besonderheit, sowohl was seine Person als auch was das kulinarische Angebot hinter seiner  Fleisch- und Wursttheke betraf. Und die beste Fleischwurst soll übrigens jeder Metzger zwischen Schneppenkauten und Dillnhütten für sich reklamiert haben. Warum auch nicht?

sz - Jeder Metzger hatte seine Besonderheit – sowohl was seine Person als auch das kulinarische Angebot hinter Fleisch- und Wursttheke betraf.
hb Geisweid. Im „Fürstentum Klafeld“ ist es schon immer im wahrsten Sinne des Wortes um die Wurst gegangen. Wer hat bzw. hatte die beste Fleischwurst? Um diese Frage streiten sich noch heute die alten „Fürsten“ an Stammtischen und in anderen Gesprächsrunden.
Eines wird dabei deutlich: Es herrschte eine große Vielfalt an Metzgereien in Klafeld, und jeder Metzger hatte seine Besonderheit, sowohl was seine Person als auch was das kulinarische Angebot hinter seiner  Fleisch- und Wursttheke betraf. Und die beste Fleischwurst soll übrigens jeder Metzger zwischen Schneppenkauten und Dillnhütten für sich reklamiert haben. Warum auch nicht?

Bei "Metzgers" war eine gute Partie zu machen ...

Auffallend übrigens, dass bei „Metzgers“ offensichtlich auch immer eine gute Partie zu machen war, denn etliche der ehemaligen Klafelder Fleischkönige entwickelten nach und nach verwandtschaftliche Beziehungen. Das alles berichtete in Corona-bedingter Entschleunigungszeit mit gehörigem Abstand Metzgermeister a. D. Hans-Jürgen Bahr beim Stelldichein vor dem traditionsreichen und inzwischen verkauften, jahrzehntelangen Stammsitz der Metzgereien Schüler und Bingener im Klafelder Wiesental.
Früher war das die Friedrichstraße 10, wie sich Hans-Jürgen Bahr erinnert. Der inzwischen 82-jährige „echte Fürst“, der über seine Eltern Elfriede (geb. Schüler) und Günther Bahr der Klafelder Metzger-Dynastie Schüler eng verbunden ist, hat „bei Schülers“ rund 50 Jahre lang selbst als Metzger für die Fertigung feinster Fleisch- und Wurstwaren gesorgt.
Nahezu die gesamte Geschichte der Klafelder Metzgerszene mit allen verwandtschaftlichen und ähnlichen Verbindungen und Verästelungen („Erlauschtes und Erlebtes“) geht Hans-Jürgen Bahr über die Zunge „wie Wurschtebrühe“ – gut und nachhaltig unterstützt bei seinen Reminiszenzen vom „eingefleischten“ Szene-Kenner Loke Mernizka.
 

Nach dem Krieg gab es 15 Metzgereien in Klafeld

Nicht weniger als 15 Metzgereien aus dem „Fürstentum Klafeld“ der Nachkriegszeit hatte das (Polit-)Schwergewicht den Zuhörern auf die sprichwörtliche Waage gebracht. „Wer kennt die Metzger, nennt die Namen, wo gastlich wir zusammenkamen?“ Mit diesen abgewandelten Worten des deutschen Dichterfürsten Friedrich Schiller hob der belesene Sohn eines polnischen Gleisarbeiters gleichsam eine Erinnerungskultur in Sachen „Fleisch und Wurst im Hüttental“ aus der Taufe.
Man schrieb das Jahr 1911, als die Eheleute Martha und Paul Schüler, die Großeltern von Hans-Jürgen Bahr, sich in unmittelbarer Marktplatz-Nähe (früher Friedrichstraße, heute Im Wiesental) als Metzgersleute selbstständig machten. Martha (geb. Zöller) stammte aus der benachbarten Sedanstraße. Gemeinsam bekamen die Eheleute fünf Kinder, die später allesamt in irgendeiner Form dem elterlichen Metzgerbetrieb verbunden blieben. Ganz am Anfang der Schüler-Dynastie stand übrigens Hans-Jürgens Urgroßvater Jakob Schüler, der mit einem Leiterwagen aus dem hessischen Weidelbach ins Siegerland kam, um sich schließlich in Klafeld als Hirte zu verdingen.
Schwer war es in den Anfangsjahren, Kundschaft zu finden. Daran erinnerte Hans-Jürgen Bahr mit den Worten: „Meine Großeltern zogen von Haus zu Haus bis hinauf nach Buchen, um ihre hausgemachten Fleisch- und Wurstwaren anzupreisen. Es fehlte das Geld für die nötigen Kühlanlagen, sodass mein Großvater nahezu täglich mit dem Handwagen Eis im Siegener Schlachthof holen musste, um die Waren im eigenen Hauskeller zu kühlen.“ Doch dann wuchs der Betrieb und „vernetzte“ sich bis nach Hessen. Denn die Schlachtschweine bezog Paul Schüler viele Jahre vom Viehhändler Zöller aus dem Kreis Alsfeld.
Bis zum Jahr 1956 führte Paul Schüler den Metzgerladen in der Friedrichstraße. Dann übernahm der älteste Sohn Ernst das Geschäft. Bereits 1952 hatte sich dort Hans-Jürgen Bahr im jungen Alter von 14 Jahren als Metzger ausbilden lassen. Seine Mutter Elfriede, eine Tochter von Paul Schüler, war die gute Seele im Laden und beim Verkauf.
Aber auch die Metzgerei von Karl und später Gerhard Schüler an der Ecke Neue Königstraße/Lindenstraße (heute Sohlbacher Straße) mit zeitweiligem Filialbetrieb am Geisweider Freibad sorgte für den richtigen „Biss“ abseits von sich später entwickelnden „fleischverachtenden“ vegetarischen und veganen Ernährungsgewohnheiten.

Wandel in der "ur-fürstlichen" Metzgerei Schüler

 1991 war die Schüler-Herrschaft im traditionsreichen Stammsitz Im Wiesental zu Ende, und auch in der Sohlbacher Straße wird schon lange nicht mehr „gemetzgert“. Fünf Jahre stand das Gebäude Im Wiesental leer, bis die Familien Manfred und Guido Bingener die „ur-fürstliche“ Metzgerei mit neuen Ideen übernahmen. Zu einem Renner avancierte dabei die von Marianne Bingener hergestellte original Siegerländer Schampe. Nur „Flenders Jettchen“ (Hotel „Zum Prinzen Karl“ am Fürst-Johann-Moritz-Gymnasium) und Weidenaus Kleinbahnhof-Wirt Ernst Zimmermann hatten die bei Fans so beliebte Kuhmagen-Spezialität in ähnlicher Güte zu bieten.
Zehn Jahre führten die Bingeners das Geschäft, bis die Familie von Guido Bingener sich in Kreuztal selbstständig machte – immer noch mit großer Unterstützung von Opa Manfred Bingener. Und Oma Marianne bereitet Woche für Woche wie eh und je eine Schampe zu, nach der sich nach wie vor eine treue Klafelder Kundschaft die Finger schleckt. Übrigens ist mit der jungen Janet Bingener inzwischen erstmals eine geprüfte Metzgermeisterin aus der Reihe alter Geisweider „Gründermetzgereien“ hervorgegangen.

Oft waren die Kuhhirten die "Gründungspaten"

Hier eine Auswahl der anderen Geisweider Metzgereien im Überblick. Dabei spielten die Kuhhirten als „Gründerväter“ eine offensichtlich nicht unerhebliche Rolle. So war der Vater von Metzgermeister Ewald Wied, der sein Geschäft am Klafelder Markt zwischen den Gasthof Kreutz und dem heute immer noch vorhandenen Haus Achenbach betrieb, nicht nur Kuhhirte. Er betrieb zusätzlich in seinem Haus auf der Tannenburg noch eine Deckstation für Kühe und Ziegen. Und so gerieten denn Bockstall und Bullenstall in der Nähe des Stammsitzes der „Kloawender Fürschte“, dem Gasthof Reuter, für viele zu den „Sehenswürdigkeiten“ im Geisweider Norden.
Ewald Wied, immer mit der unverzichtbaren Pfeife im Mund und daher nur als „Piffe-Ewald“ rund um den Klafelder Marktplatz bekannt, übergab den Betrieb in der Nachfolge an seinen Sohn Willi Wied, der als Metzgermeister mit Unterstützung seiner Familie zunächst am Friedrichplatz, dann im Gebäude der ehemaligen Metzgerei Ludwig (heute Fleischerei Weber) in der alten Schulstraße (heute Bahnstraße/Ecke Röntgenstraße) die Bevölkerung mit feinen Wurst- und Fleischwaren versorgte. Ihren Stammsitz mit Metzgerei, Pferdestall und Pferdekoppel hatte die Metzgerei Wied freilich viele Jahre in Fellinghausen, wo man die frühere Metzgerei Steffe übernommen hatte.

Metzgerei und Gaststätte gingen manchmal zusammen

Aber zurück ins „Fürstentum Klafeld“. An der Ecke Hüttenstraße/Birlenbacher Straße residierte die Metzgerei von Werner Husmann. Er hatte seine Lehr- und Gesellenjahre in einem Betrieb der Metzger-Dynastie Schüler verbracht. Heute befindet sich im alten Husmann-Gebäude ein Imbiss.
Die Metzgerei Otto Krombach mit Gaststätte wartete ganz um die Ecke in der Birlenbacher Straße auf ihre Kundschaft. Otto Krombach war bekannt dafür, dass er seine Fleischwurst mit abgekochten
„Duffeln“ verfeinerte.
Die Metzgerei Dickel in der Bismarckstraße (jetzt Fröbelstraße), ganz in der Nähe der Geisweider Molkerei, hatte neben der Bäckerei Dickel am Schießberg ebenfalls einen guten Ruf. Den vernahm allerdings nicht immer so ganz genau Dickels Kalinchen. Als schwerhöriges Original im Familienverbund sorgte die mitunter etwas seltsame Dame oft für so manche Überraschung.

Neue Rezepte aus Schlesien

Metzgermeister Paul Schmidt hatte seine Metzgerei als schlesischer Flüchtling in der Neuen Königstraße eingerichtet. Er soll die beste Leberwurst verkauft haben. Bekannt auch die Metzgerei Menn an der Ecke Obere Kaiserstraße/Geisweider Straße mit einer Filiale in Obersetzen. Die Metzgereien von Otto Bender (mit Gaststätte) und Paul Beier lagen dicht beieinander und waren immer eine gute und schnelle Anlaufstelle für so machen Walzwerker aus dem benachbarten Eisenwerk.
Wer übrigens im „Fürstentum“ immer noch nicht seine Leib- und Magenspeise fand, der konnte nur einen Steinwurf weit im Weidenauer Ortsteil Schneppenkauten fündig werden. In der früheren Metzgerei Gelber in der Schulstraße (heute Schneppenkauten) boten Karl Wagener sowie danach Oswald Bopp und Erich Wuckelt hervorragende Produkte an. Die Metzgerei von Werner Stolz (wenige Meter weiter an der damaligen Unteren Friedrichstraße/heute Weidenauer Straße) stand dem allerdings in nichts nach.
Dr. Horst Bach

Wer schwer arbeitet, braucht Kraftnahrung. Im Hüttental beherzigt man augenscheinlich diese Faustregel. 15 Metzgereien versorgten Mitte des vergangenen Jahrhunderts die Bevölkerung im „Fürstentum Klafeld“.
Blick ins Ladenlokal der Fleischerei Weber an der Röntgenstraße. Auch heute ist Geisweid keine „metzgerfreie Zone“, wenngleich die Zahl gegenüber früher arg geschrumpft ist.
Autor:

Dr. Horst Bach (Freier Mitarbeiter) aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Folgen Sie diesem Profil als Erste/r
ThemenweltenAnzeige

Tablet-Aktion der Siegener Zeitung
SZ-Abo abschließen und Tablet sichern

Mit einem Abo der Siegener Zeitung kommen Sie jetzt gleichzeitig auch an ein Tablet Ihrer Wahl. Immer und überall informiert mit dem E-Paper... lesen, wo ich will; ... über die Suchfunktion schnell finden, was mich interessiert; ... gleicher Inhalt in praktischer Form; ... mit Zoomfunktion. Jetzt exklusiv: die Tablet-Bundle-Aktion  Beinahe geschenkt: Erhalten Sie kostengünstig ein Tablet Ihrer Wahl bei Abschluss eines Abos der Siegener Zeitung. Möchten Sie Ihr neues Tablet gleich zum Lesen...

Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen