150 Jahre VDI Siegener Bezirksverein / Chronik erschienen
„Leben besser und einfacher machen“

Ansprechend gestaltet, reich bebildert und ein informativer Blick auf Technik-, Industrie-, Vereins- und Sozialgeschichte:  die Festschrift "150 Jahre VDI Siegener Bezirksverein".
5Bilder
  • Ansprechend gestaltet, reich bebildert und ein informativer Blick auf Technik-, Industrie-, Vereins- und Sozialgeschichte: die Festschrift "150 Jahre VDI Siegener Bezirksverein".
  • Foto: Festschrift
  • hochgeladen von Redaktion Kultur

sz/gmz Siegen.  Im gerade zu Ende gegangenen Jahr ist der Siegener Bezirksverein des VDI, des Vereins Deutscher Ingenieure, 150 Jahre alt geworden. Coronabedingt ist die große Feier ausgefallen, aber die Chronik, die der Bezirksverein herausgegeben hat, liegt vor. Sie ist u. a. erhältlich in den Geschäftsstellen der SZ. Dieter Pfau und Sven Panthöfer haben die Geschichte des Vereins erarbeitet, sind tief in die verschiedenen Quellen eingestiegen: Nach Epochen gegliedert haben sie die technische und industrielle Entwicklung in der Region (im allgemeinen industriellen und gesellschaftlichen Kontext) skizziert und die Aufgabe des VDI in dem jeweiligen Umfeld beleuchtet. Das hat sich natürlich im Laufe der vergangenen 150 Jahre stark verändert.
VDI-Vorsitzender Dr.-Ing. Axel Müller, Geschäftsführer Konrad Roeing und der ehemalige Vorsitzende Prof. Dr. Peter Scharf haben dazu „Meilensteine der Technik“ aus dem Bereich des Siegener Bezirksvereins herausgesucht und erläutern die Bedeutung dieser Erfindungen und Innvovationen aus der Region. Diese wegweisenden Neuerungen waren nicht nur für die heimische Industrie von großer Bedeutung, sondern wirkten überregional, ja international und veränderten Produktionsprozesse und erweiterten das Spektrum der technischen (und damit letztlich auch gesellschaftlichen) Möglichkeiten. Man denke z. B. nur an die Technik des autogenen Schweißens …

VDI: Veränderungen gestalten

„Wir leben in Zeiten des Umbruchs“, ist in der Einführung in die Publikation zu lesen. Ein Blick in die Geschichte des VDI, auf die Entwicklung der Technik und die Umstrukturierungsprozesse in der Industrie zeigen sehr deutlich, wie beständig der Wandel ist, aber auch, dass Wandel nur dann „weiterbringt“, also positiv genutzt werden kann, wenn er gestaltet wird. „Das Leben einfacher, besser und damit lebenswerter machen:“ Das ist das Ziel des VDI seit 150 Jahren, heißt es im Vorwort. Wie diese Gestaltung ausgesehen hat und welche Herausforderungen angenommen wurden, das zeigt die Geschichte des VDI. In einem Ausblick werden die Herausforderungen skizziert, die sich durch die großen Umbrüche unserer Zeit ergeben. Für die SZ erläutert Autor Dieter Pfau über den bei Vorländer sehr ansprechend gestalteten und reich bebilderten und gedruckten Band „150 Jahre VDI Siegener Bezirksverein“.

Welche Rolle spielte der VDI bei der Entwicklung der Industrie in der Region?

Den Ingenieuren kommt für die Entwicklung der Industrie generell eine unverzichtbare Rolle zu. Dementsprechend muss die Bedeutung des VDI Siegener Bezirksvereins für die hiesige Industrieregion sehr hoch veranschlagt werden. Das zeigt sich bereits in der Gründungsphase und während der 1870er bis 1890er-Jahre, als der Bezirksverein maßgeblich von „Unternehmer-Ingenieuren“, also den selbst zu Ingenieuren ausgebildeten Inhabern und Direktoren der großen Stahl- und Walzwerke, der Gießereien und Maschinenfabriken des Siegerlandes geprägt worden ist. Als die Direktoren der für die Ausbildung von Industriefacharbeitern zuständigen, 1900 neu eröffneten Eisenfachschule nach Siegen kamen und im Vorstand mitarbeiteten, zogen sich die „Unternehmer-Ingenieure“ zwar weitgehend aus der aktiven Arbeit zurück, blieben dem Verein aber durch Mitgliedschaft und ideelle Unterstützung eng verbunden. Neben diesen ersten Ingenieuren mit Lehrauftrag an der Eisenfachschule und ihren Nachfolgern waren es bis in die 1980er-Jahre leitende Ingenieure großer Industriebetriebe, aber auch halböffentlicher technischer Institutionen wie dem Technischen Überwachungsverein und dem Elektrizitätswerk, die das Außenbild des VDI Siegener Bezirksvereins prägten. Deren mal mehr und mal weniger zeitintensive Freistellung für die Vereinsarbeit ist zugleich Ausdruck der Wertschätzung, die dem Verein der Ingenieure seitens der Industrie entgegengebracht worden ist. Prominenteste Beispiele hierfür sind der zu den Vereinsgründern in Siegen gehörende Theodor Peters (von 1891 bis zu seinem Tod 1908 Direktor des VDI-Hauptvereins in Berlin) und der Ingenieur und Arbeitsdirektor Hans Galinski (Mitglied im Vorstand der Siegerländer Metallindustriellen), beide – im Abstand von 100 Jahren – bei demselben großen Maschinenbaubetrieb in Dahlbruch beschäftigt.

Wie hat sich das Verhältnis des Bezirksvereins der Ingenieure zur Siegener Universität entwickelt?

Die Bedeutung, die dem Bezirksverein für die Gründung der Ingenieurschule für Maschinenwesen in Siegen zukommt, ist noch nicht abschließend erforscht. Die Siegener Ingenieurschule hat ihre Wurzeln sowohl in der Wiesenbauschule auf dem Häusling als auch in der Eisenfachschule an der Kreuzung Friedrich- und Emilienstraße, die bei den Luftangriffen Ende des Zweiten Weltkriegs zerstört worden ist. An den „Hintergrundgesprächen“ um die Gründung und Standortfindung waren einzelne Vorstandsmitglieder des Bezirksvereins intensiv beteiligt. Nach der Eingliederung der Ingenieurschule in die 1972 gegründete Gesamthochschule Siegen ist die bereits bestehende Verbindung zwischen dem VDI Siegener Bezirksverein und der neuen Ausbildungsstätte für Ingenieure noch stärker geworden. Nachdem in den 1970er-Jahren erstmals ein Gesamthochschulprofessor zum Vorsitzenden gewählt worden war, sind in diese und in die Stellvertreterfunktion abwechselnd Ingenieure aus der Industrie und aus der Wissenschaft gewählt worden. Mit der Bildungsexpansion ab den 1960er-Jahren hat sich das Schwergewicht der Mitgliedergewinnung des VDI Siegener Bezirksvereins zu den Ingenieurschulen in Siegen und in Meschede verlagert. Dies spiegelt sich auch in der Zahl der Vereinsmitglieder, die 1880 bei 100 lag, 1950 auf 400 und bis 1980 auf 800 angestiegen war und 2010 1400 erreichte. Das enge Verhältnis des Vereins zur Wissenschaft drückt sich darüber hinaus in vielfältigen Vereinsaktivitäten aus, von denen der seit 1986 für die ingenieurwissenschaftlichen Fachbereiche der heutigen Universität Siegen ausgeschriebene Förderpreis für hervorragende Studienleistungen zu den bekanntesten gehört. Für die neueste Industriegeschichte der Siegener Region – und hier ist eine begriffliche Ausweitung auf industrielle Dienstleistungen oder auch auf neue Wortschöpfungen wie „Industrie 4.0“ angebracht – kommt der im VDI Siegener Bezirksverein traditionell gepflegten engen Verbindung von Wissenschaft und Industrie eine bedeutsame Vermittlungsrolle zu.

War der Ingenieurverein über den Bereich der Industrie und Arbeitswelt hinaus von Bedeutung?

Vom Beginn des Industriezeitalters bis in die Gegenwart spielten neben „harten“ auch „weiche“ Standortfaktoren eine nicht zu unterschätzende Rolle. Der VDI Siegener Bezirksverein begann 1901 mit der Veranstaltung von Sommer- und Winterfesten, zu denen auch die – im Falle der jüngeren Ingenieure: künftigen – Ehepartner eingeladen waren. Die Sommerfeste waren mit Ausflügen in die Natur verbunden, gelegentlich auch mit der Besichtigung von technischen Sehenswürdigkeiten wie der im Bau befindlichen Listertalsperre (1911). Die Winterfeste fanden in großen, aufwendig dekorierten Sälen statt, beinhalteten neben dem üblichen Festessen Musik- sowie teils eigens einstudierte Theaterdarbietungen und mündeten in Tanzveranstaltungen, die bis in die frühen Morgenstunden andauerten. Äußerst beliebt in den Kreisen der Ingenieure waren zu dieser Zeit als Winterfeste durchgeführte, mit viel Liebe zum Detail ausgerichtete Karnevalsfeiern. Auf diesen Festen, zu denen auch viele Gäste aus dem Kreis der Industriellenfamilien erschienen, präsentierte sich der Bezirksverein der Ingenieure als Teil eines auch in der Siegener Region präsenten, weltläufigen und säkular ausgerichteten bürgerlichen Milieus. Diese durch den Ersten Weltkrieg, die krisendurchzogenen 1920er-Jahre und die NS-Zeit unterbrochene Tradition der Winterfeste ist dann erstmals Anfang der 1950er-Jahre durch aufwendige Kostümfeste, zu denen der zur Siegener Kulturszene jener Jahre gehörende Künstler Reinhold Koehler die Dekoration lieferte, wieder aufgenommen worden. In den 1970er-Jahren führte der VDI gut besuchte Karnevalsveranstaltungen durch und reüssierte bis in die 1980er Jahre mehrmals mit dem „Fest der Technik“ im Haus der Siegerländer Wirtschaft und im Gläsersaal der Siegerlandhalle.
Da sich die „weichen“ Standortfaktoren nicht zuletzt infolge des in den letzten zwei Jahrzehnten verbesserten kulturellen Angebots in der Stadt Siegen deutlich verbessert haben, bürgerten sich im unmittelbaren Vereinsleben der Ingenieure das sommerliche Grillfest und der „Festliche Jahresausklang bei Kerzenschein“ als kulturell-gesellige Veranstaltungen ein.

Autor:

Redaktion Kultur

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Folgen Sie diesem Profil als Erste/r
ThemenweltenAnzeige

Tablet-Aktion der Siegener Zeitung
SZ-Abo abschließen und Tablet sichern

Mit einem Abo der Siegener Zeitung kommen Sie jetzt gleichzeitig auch an ein Tablet Ihrer Wahl. Immer und überall informiert mit dem E-Paper... lesen, wo ich will; ... über die Suchfunktion schnell finden, was mich interessiert; ... gleicher Inhalt in praktischer Form; ... mit Zoomfunktion. Jetzt exklusiv: die Tablet-Bundle-Aktion  Beinahe geschenkt: Erhalten Sie kostengünstig ein Tablet Ihrer Wahl bei Abschluss eines Abos der Siegener Zeitung. Möchten Sie Ihr neues Tablet gleich zum Lesen...

Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen