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Natur gerät aus der Balance
Lebensraumveränderung im Turbogang

Kompliziert – dieser Begriff umschreibt den Lebenszyklus des europaweit gefährdeten Wiesenknopf-Ameisenbläulings einigermaßen. Wer dem Schmetterling, den es im Siegerland und Westerwald noch an einigen Stellen gibt, etwas Gutes tun will, mäht die Wiese erst Anfang September, entwässert sie nicht, vermeidet schwere Maschinen auf ihr und unterlässt die Düngung.
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  • Kompliziert – dieser Begriff umschreibt den Lebenszyklus des europaweit gefährdeten Wiesenknopf-Ameisenbläulings einigermaßen. Wer dem Schmetterling, den es im Siegerland und Westerwald noch an einigen Stellen gibt, etwas Gutes tun will, mäht die Wiese erst Anfang September, entwässert sie nicht, vermeidet schwere Maschinen auf ihr und unterlässt die Düngung.
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goeb Siegen. Es sind nur zwei kleine Meldungen im Blätterwald der letzten Woche, doch sie sind symptomatisch für die Zustandsbeschreibung unserer Natur heute.

Im Brandenburgischen sind die Moorfrösche wegen der plötzlich hereingebrochenen Warm-Periode zu früh unterwegs. Viele Tiere werden vom Autoverkehr überfahren, weil die Fanggefäße am Straßenrand noch gar nicht ausgebracht waren.

Ein Zweites: Deutschland liegt bei der Schaffung von Wildnis-Gebieten weit hinter den 2007 beschlossenen Zielen (2 Prozent der Landesfläche) zurück. Gerade einmal eine Quote von 0,6 Prozent hat man bewerkstelligt, NRW ist mit 0,19 Prozent sogar Schlusslicht im Vergleich aller Bundesländer untereinander.

goeb Siegen. Es sind nur zwei kleine Meldungen im Blätterwald der letzten Woche, doch sie sind symptomatisch für die Zustandsbeschreibung unserer Natur heute.

Im Brandenburgischen sind die Moorfrösche wegen der plötzlich hereingebrochenen Warm-Periode zu früh unterwegs. Viele Tiere werden vom Autoverkehr überfahren, weil die Fanggefäße am Straßenrand noch gar nicht ausgebracht waren.

Ein Zweites: Deutschland liegt bei der Schaffung von Wildnis-Gebieten weit hinter den 2007 beschlossenen Zielen (2 Prozent der Landesfläche) zurück. Gerade einmal eine Quote von 0,6 Prozent hat man bewerkstelligt, NRW ist mit 0,19 Prozent sogar Schlusslicht im Vergleich aller Bundesländer untereinander.

Klimawandel und Lebensraumverlust

Schlechte Aussichten für wildlebende Pflanzen und Tiere, wie auch Prof. Dr. Klaudia Witte, 1. Vorsitzende des Naturschutzbunds Deutschland, Kreisverband Siegen-Wittgenstein, im SZ-Gespräch bestätigt.

„Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll“, sagt die Biologin der Uni Siegen auf die Frage, woran es liegt. Arten gehen nicht nur in der absoluten Zahl zurück. „Auch die Menge nimmt ja ab. Nehmen wir nur die Insekten, auf die alle Vogelarten bei der Fütterung ihrer Jungen angewiesen sind.“

Klimawandel, Lebensraumverlust, die zunehmende Flächenversiegelung, einhergehend mit industrialisierten Methoden in der Land- und Forstwirtschaft, die Überfischung und Verschmutzung der Meere sowie die Übernutzung vieler Landbiotope, frühe Mahd und Überdüngung. Die Liste der Defizite im Lebensraumschutz scheint kein Ende zu nehmen.

Überdüngung großes Problem

Drei trockene Sommer in Folge, berichtet die Professorin, hätten dem deutschen Wald zuletzt sehr zugesetzt. „Und es ist ja keineswegs nur die Fichte, die stirbt.“ Auch Buchen und Eichen sowie andere Laubbaumarten fühlen sich nicht wohl und weisen Schäden auf. An jeder Baumart hängen wiederum Lebensräume für andere Tiere und Pflanzen. „Was den Wald anbetrifft, müssen wir auf Vielfalt setzen, das bietet gegen die Klimaveränderung noch den besten Schutz.“ Allerdings wisse auch niemand, so Klaudia Witte, welche Baumarten widerstandsfähig genug sind.

Dr. Witte hält auch die Überdüngung für ein großes Problem unserer Zeit. „Der Stickstoff aus Verkehr und Industrie kommt über die Luft in den Boden bzw. ins Wasser. Das führt zu Problemen. Pflanzen beispielsweise, die magere Standorte benötigen, werden seltener.“

Wenige heimische Vogelarten reichen farblich an den Bienenfresser heran. Die Art erobert im Zuge des Klimawandels nördlichere Teile Deutschlands.
  • Wenige heimische Vogelarten reichen farblich an den Bienenfresser heran. Die Art erobert im Zuge des Klimawandels nördlichere Teile Deutschlands.
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Die Biologin ist der Auffassung, dass jeder Bürger seinen Beitrag zur Stabilisierung der Artenvielfalt beitragen kann, ganz konkret durch umweltbewusstes Verhalten im Konsum, aber auch durch aktive Gestaltung des Gartens oder des Balkons. Es fehlten beispielsweise Nistplätze für Hummeln oder Bienen, auch der Igel bekomme Stress durch den Ordnungssinn des Menschen. „Einfach deshalb, weil die wilden Ecken in den Gärten immer weniger werden.“ Klaudia Witte: „Das sind oft Gärten des Grauens“, beschreibt sie beton-, stein- und schotterstarrende Grundstücke, die das Attribut Garten nicht verdienten.

Feuchtlebensräume besonders gefährdet

„Die Leute tun sich damit selbst keinen Gefallen“, ergänzt sie. Im Sommer strahle der Stein die Hitze ab, es gelinge meist auch nicht, Pflanzenwuchs ganz auszuschließen. Das gebe nach wenigen Jahren ein noch traurigeres Bild ab, verdeutlicht sie. Dabei seien unsere Gärten ein Pfund, mit dem man wuchern könne. „Die Fläche unserer Gärten zusammengenommen ist etwa so groß wie die Fläche aller Naturschutzgebiete in Deutschland.“

Als besonders gefährdete Biotope sieht Klaudia Witte die Feuchtlebensräume an, zum Beispiel die Wiesen, die, einmal trockengelegt und überdüngt, vielen Arten keine Wohnstatt mehr bieten könnten: dem Wiesenknopf-Ameisenbläuling ebenso wenig wie dem Wiesenpieper oder der Bekassine.
Der Klimawandel beschere uns neue Arten, während andere sich verabschieden. „Früher gab es ein kleines Vorkommen des Bienenfressers am Kaiserstuhl“, verdeutlicht sie. Jetzt verlagere der schillernd bunte Vogel seine Siedlungsgrenze nach Norden. Auch einigen Schmetterlingsarten ergehe es so. Wärmeliebende beobachten wir das erste Mal, solche, die kühle Waldsäume bevorzugen, flüchten nach Norden. „Aber irgendwo ist dann natürlich Schluss mit der Neubesiedlung.“

Klimawandel schwer umzukehren

Wie sehr der Klimawandel schon spürbar ist bei uns und anderswo verdeutliche beispielsweise der Admiral, ein Schmetterling, der jetzt auch ganzjährig bei uns vorkomme. Der kälteliebende Alpensegler, ein Vogel, orientiere sich nun auch nach Norden.

Der Klimawandel – es handelt sich um ein unglaublich träges und komplexes System – wird schwer umzukehren sein, glaubt Klaudia Witte. Trotzdem müsse man die Sache angehen, ebenso wie den konsequenten Schutz der Lebensräume. „Da kann wirklich jeder einzelne zu beitragen.“

Kompliziert – dieser Begriff umschreibt den Lebenszyklus des europaweit gefährdeten Wiesenknopf-Ameisenbläulings einigermaßen. Wer dem Schmetterling, den es im Siegerland und Westerwald noch an einigen Stellen gibt, etwas Gutes tun will, mäht die Wiese erst Anfang September, entwässert sie nicht, vermeidet schwere Maschinen auf ihr und unterlässt die Düngung.
Wenige heimische Vogelarten reichen farblich an den Bienenfresser heran. Die Art erobert im Zuge des Klimawandels nördlichere Teile Deutschlands.
Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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