"Freiversuch" bei verpatzter Prüfung
Lehrstück vor leeren Rängen

Voller wird’s nicht: Auch während des Shutdowns müssen Referendare zeigen, was sie gelernt haben. Statt eine Unterrichtsstunde mit echter Schülerbeteiligung zu geben, müssen sie ihr Vorhaben simulieren.
  • Voller wird’s nicht: Auch während des Shutdowns müssen Referendare zeigen, was sie gelernt haben. Statt eine Unterrichtsstunde mit echter Schülerbeteiligung zu geben, müssen sie ihr Vorhaben simulieren.
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  • hochgeladen von Marc Thomas

js Siegen/Bad Berleburg/Olpe. Die Schulen bleiben leer. Die Pandemie hat die Bildungseinrichtungen der Republik lahmgelegt, wieder einmal. Der Präsenzunterricht, der vor einem Jahr noch so selbstverständlich war, dass er nicht einmal eine eigene Bezeichnung brauchte, pausiert noch immer. Wann genau es weitergeht, steht derzeit noch auf keinem Stundenplan. Diese Woche aber, so viel ist klar, bleiben Schüler und Lehrer noch auf Distanz. Können in solchen Zeiten eigentlich noch die Lehrer von morgen ausgebildet werden? Kurz gesagt: ja.

Doch auch hier lohnt sich, wie in vielen von Corona betroffenen Bereichen, der Blick auf die längere Antwort. Es wird schließlich nicht nur weiter ausgebildet, selbst Prüfungen für Lehramtsanwärter und Referendare werden derzeit abgenommen. Seit dem 1. Februar und noch bis zum 18. März läuft der aktuelle Durchgang, bei dem rund 70 künftige Grundschullehrer und etwa 130 angehende Lehrer der Sekundarstufe II (gymnasiale Oberstufe) im Unterricht bestehen müssen. In jeweils zwei Fächern müssen sie einer dreiköpfigen Prüfungskommission zeigen, wie sie den Stoff vermitteln. Mindestens noch diese Woche, wahrscheinlich sogar noch etwas länger, müssen sie dabei auf die so elementare Schülerbeteiligung verzichten.

Unterrichtsreihen finden digital statt

„Es gibt dafür ein alternatives Format“, erklärt Achim Leonhardt, kommissarischer Leiter des Zentrums für schulpraktische Lehrerausbildung (ZfsL) Siegen, in dem die Referendare aus den Kreisen Siegen-Wittgenstein, Olpe und bei den Grundschulen auch des Märkischen Kreises begleitet werden. Die Unterrichtsreihen finden zwar zwangsläufig über digitale Umwege statt – die Prüfungsstunden selbst aber finden vor Ort statt. Vor den Prüfern, aber ohne Schüler.

Die angehenden Lehrer müssen eine Schulstunde simulieren und darlegen, wie der Unterricht hätte aussehen sollen, wie und mit welchen Methoden sie mit den Schülern gearbeitet hätten – wenn Corona sie nicht davon abgehalten hätte. Reaktionen und Interaktion, eigentlich wesentliche Bestandteile des Unterrichts, gibt es dabei nicht. Gestört und hereingerufen wird natürlich auch nicht. Das echte Schulleben sieht anders aus. Daher ist die Erfahrung der Prüfer gefragt, sie haken hier und da nach, fragen den Referendar oder den Lehramtsanwärter, wie sie in dieser oder jenen Situation reagieren würden. Was wäre, wenn...? Viel Theorie, kaum Praxis – keine idealen Voraussetzungen, bedauert Leonhardt. „Mit Schülern macht es auch einfach mehr Spaß!“

Alternativ-Formate alternativlos

Dennoch sieht der Lehrer-Ausbilder die Alternativ-Formate als alternativlos an. „Ich finde diese Lösung angemessen.“ Ohne sie müsste das Prüfungsverfahren schließlich ausgesetzt werden, NRW-weit müssten etwa 4000 Anwärter ihr 2. Staatsexamen schieben, stünden danach nicht als fertige Lehrer zur Verfügung. „Sie werden aber an unseren Schulen gebraucht.“

Von den Referendaren werde einiges abverlangt in dieser Zeit, sagt Leonhardt. „Sie müssen sehr flexibel sein.“ Das gelte nicht nur für die derzeitigen Prüfungsstunden; es habe sich praktisch durch die ganze Ausbildungszeit hindurch gezogen. Das Seminar selbst finde digital statt, ebenso der Unterricht. „Den Referendaren fehlt dadurch die Praxiserfahrung.“ Die aber werde sich dann im Laufe der kommenden Jahre einstellen. Als Lehrer lerne man ohnehin ein ganzes Berufsleben lang.

Nicht bestandene Prüfung gilt als „Freiversuch“

Eine weitere Corona-Besonderheit gibt es zudem: Eigentlich kann eine nicht bestandene Prüfung nur einmal wiederholt werden. Danach ist Schluss. Derzeit ist es aber so, dass eine nicht bestandene Prüfung nicht angerechnet wird, sie gilt als „Freiversuch“. Die Referendare haben also noch dann noch zwei weitere Chancen zu bestehen.

Ob in dieser Prüfungsrunde noch Referendare ihre Lehrkunst vor und mit leibhaftigen Schülern unter Beweis stellen können, muss sich zeigen. Denn selbst wenn die Schulen wieder geöffnet werden, haben die Nachwuchspädagogen die Wahl: Sie können eine echte Stunde geben oder sich im alternativen Format präsentieren. Die Entscheidung dürfte ihnen mitunter abgenommen werden: Dass Schüler und Klassen von jetzt auf gleich in Quarantäne und in sichere Distanz geschickt werden müssen, ist schließlich so schnell nicht vom Tisch.

Autor:

Jan Schäfer (Redakteur) aus Siegen

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