Letzte Schicht auf dem „Füsseberg“

 Mit der letzten Schicht auf der Grube „Füsseberg“ vor 50 Jahren endete zugleich eine über 2000-jährige Industriegeschichte. Foto: SZ-Archiv
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thor - Am 26. März vor 50 Jahren hatte sich die knapp 500 Köpfe zählende Belegschaft der Grube „Füsseberg“ um 9 Uhr versammelt, nachdem die Bergleute am Tag zuvor zur letzten Schicht eingefahren waren. Als die Kumpel wenig später nach Hause gingen, war der Siegerländer Erzbergbau de facto Geschichte. Offiziell wurde die Grube dann am 31. März stillgelegt.

Die Grube „Füsseberg“ war gemeinsam mit der Grube „Georg“ in Willroth die letzte im Siegerländer-Wieder Spateisensteinbezirk, die sich gegen den schleichenden Niedergang gewehrt hatte. Der 26. März 1965 steht so letztlich auch für den aussichtslosen Kampf der Verbundgruben um die internationale Konkurrenzfähigkeit – der größte Bodenschatz des Siegerlandes hatte keine Zukunft mehr. Die Ruhrhütten hatten nach und nach immer weniger Erz aus der Region abgenommen und lieber auf billigere Rohstoffe aus dem Ausland gesetzt. Schon Mitte des Jahres 1964 hatte der Aufsichtsrat der Erzbergbau Siegerland in Düsseldorf daher beschlossen, über den 1. April 1965 hinaus kein heimisches Erz mehr zu beziehen. Dabei galt der „Fuss“, wie er im Daadener Land umgangssprachlich genannt wurde, als einer der ergiebigsten Betriebe im gesamten Revier. Selbst zur Zeit der großen Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er wurde hier an einigen Tagen in der Woche das Erz weiter gefördert. Insgesamt geht man davon aus, dass aus der Grube 10,9 Millionen Tonnen gefördert wurden.

Ob die Belegschaft an diesem trüben Morgen im März das ganze historische Ausmaß des Tages erfassen konnte, mag dahingestellt sein. Denn sie hatten definitiv anderes im Sinne, als mit nostalgischen Gefühlen zurückzublicken. Vorrangig ging es darum, einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Es war daher ein Segen, dass sich viele neue Betriebe in Daaden angesiedelt hatten, darunter u.a. Muhr und Bender und Baumgarten. Als sich das Aus in Biersdorf ankündigte, gab es zwar auch politische Resolutionen und Versammlungen der Belegschaft, auf ähnlich spektakuläre Aktion wie auf dem Pfannenberg, als die Bergleute kurz vor Weihnachten 1961 in einen 36-stündigen Sitzstreik getreten waren, wurde aber verzichtet. Die Erzbergbau Siegerland schüttete noch einmal eine Prämie aus, am Tag des Abschieds gab es dann noch zwei Flaschen Bier und eine Bockwurst.

Rund einen Monat nach der Stilllegung standen die insgesamt 35 km Strecken und Stollen unter Wasser, über Tage begannen die Abbrucharbeiten. Am 22. April 1966 wurde der Förderturm gesprengt, mithin ein Wahrzeichen des Daadetals. Zurück blieben Millionen Tonnen Erz, von Birken in Beschlag genommene Haldenlandschaften, Mineralienbörsen und viele Erinnerungen, die mit immer größerem Abstand oft genug in den Bereich der Sozialromantik abgleiten. Und dennoch wird das Siegerland auf immer und ewig mit dem Bergbau und seiner Geschichte verbunden bleiben. Auf diese Tradition können die Menschen ebenso stolz sein wie auf die gleich mehrfach gelungenen Strukturwandel. Die Frage, ob die Region ihrer Geschichte gerecht wird, wurde dabei schon oft gestellt. Nicht wenige beantworten sie mit einem klaren „Nein“. Der erhalten gebliebene Förderturm der Grube „Georg“ im fernen Willroth an der A 3 ist eigentlich ein dauerhaftes Mahnmal für die Versäumnisse vor Ort. Hier und da ein Schaubergwerk oder das nachträglich errichtete Bergbaumuseum in Sassenroth (wo übrigens hervorragende Arbeit geleistet wird) sind alles, was von über 2000 Jahren übrig geblieben ist. Eine umfangreiche zweiseitige Berichterstattung zur Schließung der Grube „Füsseberg“ finden Sie in der Printausgabe für den Kreis Altenkirchen.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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