Liebeserklärung an „Bochum“

 Abi ‘84 in der Kneipe (v. l.): Lotte (Anke Zillich), Peter (Michael Sideris), Suri (Sarah Sophia Meyer), Ralf (Michael Schütz), Sandra (Veronika Nickl) und Roger (Günter Alt). Foto: aww
  • Abi ‘84 in der Kneipe (v. l.): Lotte (Anke Zillich), Peter (Michael Sideris), Suri (Sarah Sophia Meyer), Ralf (Michael Schütz), Sandra (Veronika Nickl) und Roger (Günter Alt). Foto: aww
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aww - Lottes Eckkneipe ist gerammelt voll. Die Band gibt alles. Ein Abend wie so viele in den langen, langen Jahren, in denen die Wirtin so manch verlorener Seele eine Heimat für ein paar Stunden gab. Doch der Schein trügt. Der letzte Ton ist verklungen, das letzte Bier gezapft. Fass leer. Ein neues wird nicht mehr angestochen. Lotte macht dicht. Das alte Haus soll abgerissen werden. Katzenjammer. „Wer eine Kneipe schließt, schließt eine Tür zur Welt“, sagt jemand. „Der Bochumer an sich jammert nicht“, sagt ein anderer. Selbstverständlich jammern sie alle, Ralf, Sandra, Roger und Peter, alle Abi ‘84. Damals waren sie erstmals hier gestrandet, abgestürzt. Für weitere Abstürze sollten sie fast drei Jahrzehnte Zeit haben. Lotte öffnet zum letzten Mal die Flasche, füllt die Pinnchen. 30 Kurze aufs Haus. Einen für jedes dieser letzten 29 Jahre und einen als Bonus. Mit Schnaps in die Vergangenheit. Lotte hat nichts vergessen, denn sie stand auf der anderen Seite des Tresens. Immer nüchtern. „Nüchtern betrachtet, is’ besoffen besser“, wird Peter später sagen. Man möchte es fast glauben angesichts der Abgründe, die sich an diesem finalen Kneipenabend auftun …

„Bochum“ ist das Stück schlicht betitelt, mit dem das Bochumer Schauspielhaus am Samstagabend im voll besetzten Siegener Apollo-Theater gastierte (eine weitere Aufführung am Sonntag war ebenfalls ausverkauft, eine Zusatzvorstellung wird es am 19. Mai 2015 geben). „Bochum“, das haben die Theatergänger nun gelernt, ist auch eine Art „Volkslied“. Die Liebeserklärung an die Ruhrpott-Stadt „tief im Westen“ ist eines von mehr als 20 Stücken Herbert Grönemeyers, die dem Singspiel von Lutz Hübner (Regie: Barbara Hauck) im Verbund mit der Handlung Struktur geben, die eben jene Handlung nicht nur klangvoll illustrieren, sondern bisweilen auf eine höhere, allgemeingültige Ebene verlagern. Wenn Roger mit „Flugzeuge im Bauch“ seine unglückliche Liebe zu Sandra besingt, die sich damals für Ralf entschied, dann berührt das besonders tief, ermöglicht Identifikation, Wiedererkennen – wer weiß nicht um jenes Liebesleid in jungen Jahren, das die ganze Welt zum Einsturz bringt?!

Die kurzweilige Song-und-Spiel-Folge changiert zwischen grellbunter Lautheit und gedämpfter Melancholie, ist zuweilen erheiternd und oft bewegend. Ergreifende Schicksale werden, häufig in Rückblenden, von dem ohne Ausnahme hervorragend agierenden Schauspielensemble vor den Zuschauern ausgebreitet – Schicksale, die unsere eigenen sein könnten. Da ist Roger (kraftvoll dargestellt von Günter Alt), verkrachter Künstler, Ungeliebter, in der großen, weiten Welt – Berlin – gescheitert und nun wieder beim Fiege-Pils angekommen. Da sind Ralf (Michael Schütz) und Sandra (Veronika Nickl), deren Rückblick auf fast 30 Jahre Ehe mit all ihren Kränkungen ernüchternd ausfällt. Da ist Peter (Michael Sideris), der Arzt, der seinen Kummer darüber, dass ihm vor langer Zeit ein kleines Mädchen bei einer OP auf dem Tisch geblieben ist, im Alkohol ertränkt. Und da ist Lotte (Anke Zillich), die Wirtin, die vor Jahr und Tag ihre große Liebe Tonio durch einen Unfall verlor. Sie alle sehen sich mit einem Mal mit ihrer „inneren Wahrheit“ konfrontiert, während Gott (Klaus Weiss) sich Nüsse kauend fragt, ob er den Menschen nicht doch ein wenig zu viel aufgehalst hat. Und dann ist da noch Suri (Sarah Sophia Meyer), der gute Geist der Kneipe, der am Ende, als alle Kulissen schon abgebaut sind, mit hinausgetragen wird. Was bleibt …?

Musikalisch äußerst abwechslungsreich gestaltet wurde das Singspiel am Samstag von einem kompetenten fünfköpfigen Musikerkollektiv (einfach „Band“ wäre zu wenig gesagt), das mit einer Vielzahl an Instrumenten am Start war: Torsten Kindermann (musikalische Leitung), Volker Kamp, Mickey Neher-Warkocz, Oliver Siegel und Daniel Brandl. Mitunter kam Überraschendes zustande, etwa „Alkohol“ als Chorstück im polyphonen Stil. Die hauptamtlichen Mimen freilich taten da kräftig mit, trieben nicht nur darstellerisch-sprecherisch, sondern auch singend, vielfach solistisch, das Stück voran. Empfindlichere Ohren werden, mal mehr, mal weniger, Anträge in Sachen Intonation zu stellen gehabt haben, und auch öfter auftretende technische Störgeräusche lenkten von der intensiven Stimmung der Aufführung ab. Diese nahm das Publikum nichtsdestotrotz sehr wohl wahr und bedankte sich mit langem, euphorischem Applaus.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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