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"Corona-Gestrandeter" packt bei der SZ mit an
Lockdown-Leerlauf gut genutzt

Seinen Biorhythmus muss er dafür umstellen. Als „Springer“ fängt sein Arbeitstag schon um 1 Uhr in der Frühe an. Zunächst muss er sich mit den ihm zugewiesenen Bezirken vertraut machen.
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  • Seinen Biorhythmus muss er dafür umstellen. Als „Springer“ fängt sein Arbeitstag schon um 1 Uhr in der Frühe an. Zunächst muss er sich mit den ihm zugewiesenen Bezirken vertraut machen.
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js Siegen. Auf gepackten Koffern zu sitzen ist für Jan Claudius Völkel seit Jahren Alltag. Immer wieder reist der promovierte Politikwissenschaftler zu internationalen Konferenzen, lebte in Salzburg und Florenz, lange Zeit in Kairo und Brüssel und pendelt nun vorwiegend zwischen der Uni Freiburg, wo er eine Teilzeitstelle hat, und Montréal, dem Wohnort seiner kanadischen Freundin. Auch ihm hat die Corona-Pandemie mit all ihren Auswirkungen nun aber einen gehörigen Strich durch den Kalender gemacht. Der 43-Jährige hängt fest, hat seine Koffer bis auf Weiteres in seiner Heimatstadt Siegen ausgepackt, im Kinderzimmer bei den Eltern. Trübsal zu blasen und die Hände in den Schoß zu legen – das kommt für ihn nicht infrage. Viel lieber packt er mit an: als Zusteller der Siegener Zeitung.

js Siegen. Auf gepackten Koffern zu sitzen ist für Jan Claudius Völkel seit Jahren Alltag. Immer wieder reist der promovierte Politikwissenschaftler zu internationalen Konferenzen, lebte in Salzburg und Florenz, lange Zeit in Kairo und Brüssel und pendelt nun vorwiegend zwischen der Uni Freiburg, wo er eine Teilzeitstelle hat, und Montréal, dem Wohnort seiner kanadischen Freundin. Auch ihm hat die Corona-Pandemie mit all ihren Auswirkungen nun aber einen gehörigen Strich durch den Kalender gemacht. Der 43-Jährige hängt fest, hat seine Koffer bis auf Weiteres in seiner Heimatstadt Siegen ausgepackt, im Kinderzimmer bei den Eltern. Trübsal zu blasen und die Hände in den Schoß zu legen – das kommt für ihn nicht infrage. Viel lieber packt er mit an: als Zusteller der Siegener Zeitung.

Seine Verbindung zum Medienhaus am Siegener Obergraben ist seit seiner Jugendzeit ungebrochen und hat sich im Laufe der Zeit zu einer stabilen Fernbeziehung entwickelt. In den Neunzigern zunächst als Schülerpraktikant und freier Mitarbeiter der Sportredaktion, später als externer Moderator im Onlineportal „Treff 57“ und in den Jahren danach als treuer Leser aus der Ferne.

Guter Journalismus wichtig

Fan von gutem Journalismus und der guten alten Tageszeitung ist er ohnehin. Da kam der Gedanke, den lockdownbedingten Leerlauf sinnvoll zu nutzen, gerade recht: Die SZ sucht für ihren Vertrieb stets zuverlässige Mitarbeiter, die dafür sorgen, dass Zeitungen und Briefe in den frühen Morgenstunden an die richtigen Adressen geliefert werden. Als „Springer“ schlägt Dr. Jan Völkel seit Anfang April mehrere Fliegen mit einer Klappe: Er bleibt in Bewegung, verdient Geld und trägt dazu bei, dass die Leser mit sorgfältig recherchierten Nachrichten aus nah und fern informiert und unterhalten werden. Er möchte helfen, dass unter der Corona-Krise nicht ein System zusammenbricht, das einen wesentlichen Pfeiler der Demokratie darstellt: Wie wichtig das ist, weiß er aus seiner jahrelangen Berufspraxis in der politischen Bildung, bei der er in besonderen Maße als Demokratieforscher in der arabischen Welt unterwegs ist.

Biorhythmus angepasst

Seinen Biorhythmus musste der gestrandete Globetrotter umstellen für diese neue Aufgabe. An vier Tagen in der Woche klingelt sein Wecker nun bereits um kurz vor Mitternacht. Ein kurzer Chat mit der Freundin in Montréal (bei sechs Stunden Zeitunterschied passt das bestens) hilft beim Wachwerden, dann geht es los zum Einsatz. Um 1 Uhr beginnt Völkels Schicht am Druckhaus in Dreis-Tiefenbach. Dort rattern gerade die letzten druckfrischen SZ-Ausgaben durch die imposanten „Achterbahnen“ der Versandhalle, während den Zustellern die Touren zuteilt werden, die an diesem Tag nicht von den eigentlichen Bezirksboten ausgeliefert werden können. Urlaubstage und Krankheitsfälle machen es nötig, dass Ersatzlieferanten bereit stehen.

Heute in den frühen Morgenstunden wird Jan Völkel „Neuland“ erkunden. Zunächst stehen zwei ihm fremde Bezirke in Netphen auf der Liste, kurz darauf landen noch zwei Siegener Straßenzüge auf seinem Tisch. Der 43-Jährige checkt die Liste, markiert sich Besonderheiten – etwa wenn mehrere Zeitungen an eine Hausnummer gehen – und sortiert die Briefe, die er im Auftrag des Postservices Siegerland ebenfalls zuzustellen hat. Konzentration ist gefragt, damit nichts durcheinandergerät bei den Zustellpaketen.

Bewegung tut gut

Die Arbeit im Freien macht Jan Völkel Spaß, die Bewegung tut ihm gut. Schon als Student hatte er in sommerlichen Urlaubsvertretungen als Postbote gearbeitet, was ihm nachhaltig als „bester Job“ in Erinnerung geblieben ist. Anfangs sei er noch durch die dunklen Straßen zu den unbeleuchteten Hauseingängen von Siegen gestolpert, jetzt wisse er hier und da, wo die wackeligen Steine liegen, erkennt auch versteckte Hausnummern. Und er sei auch schon mehrfach vor Briefkästen der „Lokalprominenz“ gelandet. Hier und da wird sein Lächeln etwas größer beim Einwerfen der Zeitung.

Konzentration gefragt

„Man muss schon gut aufpassen“, berichtet der Bote. Auch Fehler kommen vor, lassen ihm keine Ruhe. An welchem Frühstückstisch fehlt sie jetzt, die übrig gebliebene Zeitung? Und wieso ist das eine Exemplar nicht beim Kunden gelandet, obwohl er sich genau an die Auslieferung im betroffenen Mehrfamilienhaus erinnern kann? „Diese Frage ließ mich nicht mehr los“, schmunzelt Jan Völkel von einem konkreten Fall. Er konnte nicht anders, fuhr kurzerhand wieder zu besagtem Haus, um sich zu entschuldigen und zu erkundigen. In einem netten Gespräch ließ sich das Missverständnis aufklären. Gleich zwei Mietparteien mit dem gleichen Nachnamen leben in diesem Haus. Da war die Zeitung schlicht und ergreifend in der falschen Etage gelandet.

Wie lange der 43-Jährige nun noch als Springer um die Häuser zieht, muss sich zeigen. Als er im Januar aus Kanada nach Deutschland kam und nach beruflichen Zwischenstopps in Saudi-Arabien und Ägypten wieder zurück wollte, igelte sich Europa im Corona-Modus ein. Weiterreise unmöglich. Jan Völkel lässt den Kopf nicht hängen, macht das Beste draus. Dass er damit in den Mittelpunkt dieses Berichts gerutscht ist, freut ihn durchaus. Nicht für sich, sondern für seine Kollegen, die für viele Abonnenten unsichtbar bleiben: „Die machen einen tollen Job!“

Autor:

Jan Schäfer (Redakteur) aus Siegen

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