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Überbrückungshilfe: Geduld der Unternehmer am Ende
Lockdown zwingt Händler in die Knie

Christiane Möller-Trip beklagt, dass die staatliche Hilfe nicht ausreiche, um die Miete an den Standorten Siegen und Olpe zu begleichen.
  • Christiane Möller-Trip beklagt, dass die staatliche Hilfe nicht ausreiche, um die Miete an den Standorten Siegen und Olpe zu begleichen.
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tile Siegen/Olpe. Vollmundig hat die Bundesregierung Ende Oktober eine „unbürokratische“ und „schnelle“ Finanzhilfe versprochen, um Umsatzeinbrüche in Unternehmen zu kompensieren. Ende Januar aber warten beispielsweise zahlreiche Händler noch immer auf die groß angekündigte Unterstützung.

Das Juweliergeschäft Linschmann in Eiserfeld hat die Überbrückungshilfe II, die den Zeitraum von September bis Dezember 2020 berücksichtigt, fristgerecht beantragt. Durch den Lockdown light und die Schließungsanordnung kurz vor Weihnachten brach der Umsatz um 30 bis 40 Prozent ein. „Das waren ganz, ganz wichtige Tage, unser Hauptgeschäft“, sagt Seniorchef Walter Linschmann, der die Geschäftleitung mittlerweile an Sohn Axel übertragen hat.

tile Siegen/Olpe. Vollmundig hat die Bundesregierung Ende Oktober eine „unbürokratische“ und „schnelle“ Finanzhilfe versprochen, um Umsatzeinbrüche in Unternehmen zu kompensieren. Ende Januar aber warten beispielsweise zahlreiche Händler noch immer auf die groß angekündigte Unterstützung.

Das Juweliergeschäft Linschmann in Eiserfeld hat die Überbrückungshilfe II, die den Zeitraum von September bis Dezember 2020 berücksichtigt, fristgerecht beantragt. Durch den Lockdown light und die Schließungsanordnung kurz vor Weihnachten brach der Umsatz um 30 bis 40 Prozent ein. „Das waren ganz, ganz wichtige Tage, unser Hauptgeschäft“, sagt Seniorchef Walter Linschmann, der die Geschäftleitung mittlerweile an Sohn Axel übertragen hat. Alternative Modelle wiegen das Geschäft beim direkten Kundenkontakt nicht auf. Man habe auf die Hilfe vertraut, „aber es ist noch nicht 1 Euro geflossen, wir warten immer noch auf das Geld“.

Der Juwelier hat zum Hörer gegriffen, um in Berlin beim Ministerium nachzufragen, wo es denn hakt. Die Antwort: Die Verzögerung hänge einerseits mit der Antragsprüfung zusammen, andererseits gebe es Probleme mit der Software. Kleinere und mittlere Geschäfte, die darum kämpfen zu überleben, trifft die Hängepartie schwer, weiß der Vorsitzende der Eiserfelder Werbegemeinschaft aus Gesprächen mit anderen Händlern.

Geld reicht nicht für die Miete

Für November sei die staatliche Hilfe aus der Überbrückungshilfe inzwischen auf das Konto gebucht worden, sagt Christiane Möller-Trip – allerdings weniger als erwartet. Das Geld reicht nicht einmal, um die Miete für einen der beiden Standorte von Damenmode Möller in Siegen und Kreuztal zu decken. Auf den Dezember-Zuschuss wartet sie noch. „Da gibt es erst einmal auch nur einen Abschlag“, sagt die Boutique-Inhaberin. Und der Rest? Folgt wohl erst Ende Februar, vielleicht sogar erst im März, schätzt sie. Die Fixkosten laufen in dieser Zeit natürlich weiter.

Auf Kündigungen hat Christiane Möller-Tripp bislang verzichtet, aber von Aushilfen musste sie sich trennen. Längst lebt die Geschäftsfrau von der eisernen Reserve. Trotz des Schneckentempos der Behörden wird sie auch die mutmaßlich einfacher zugängliche und höher bemessene Überbrückungshilfe III beantragen, sobald dies möglich ist. Ihr bleibt gar nichts anderes übrig, damit sie die Krise nicht ganz in die Knie zwingt. Vorausgesetzt die Zahlungen fließen: „Die müssen jeden Monat kommen – und zwar schnell!“

Online-Versand als Strohhalm

Auf die nachgebesserte Überbrückungshilfe III hofft auch Ansgar Koch. Mit seinem Sanitätshaus (hat geöffnet), den drei Schuhläden und dem Lederwarengeschäft ist der Olper Unternehmer bei dem Vorgänger-Programm nämlich durchs Sieb gefallen – der Umsatz der Firma ist nicht stark genug eingebrochen. Mit großem Aufwand betreibt Ansgar Koch einen Online-Versand, um die Modelle der letzten Saison loszuwerden. Am Ende kommt er dabei mit plus/minus Null raus. „Da überlegt man fast schon, die alte Ware abzuschreiben und zu entsorgen und dafür lieber die Förderung mitzunehmen“, meint der Händler. Nachhaltig sei das wiederum auch nicht.

Ob er „Paket III“ überhaupt beantragen kann, weiß der Olper erst Ende Februar, vorher wird der Januar noch nicht komplett abgerechnet sein. Wann dann erst ein möglicher Umsatzausgleich erfolgt, lässt sich nur erahnen. Über die Zahlungsgeschwindigkeit beim Kurzarbeitergeld beklagt sich Ansgar Koch hingegen nicht, hierbei laufe alles nach Plan.

"Fang erst gar nicht mit dem Theater an"

„Wenn man das alles so mitbekommt, dann sagt man sich, fang erst gar nicht mit dem Theater an“, sagt Per Wiebelhaus. Als Augenoptikermeister und Hörakustikermeister darf er das „Wiebelhaus“ in Bad Berleburg zum Teil öffnen, der Bereich Uhren und Schmuck bleibt geschlossen. Auch er unterschreitet nicht die aktuelle Umsatzgrenze. Noch sei er in der Lage, das Personal ohne staatliche Hilfe zu bezahlen, aber der Puffer schwindet. Dauere der Lockdown bis Ostern an, komme er nicht umhin, Hilfen zu beantragen.

Händler zunehmend frustiert

Die Händler seien zunehmend frustriert, sagt Klaus Gräbener, Hauptgeschäftsführer der IHK Siegen. Nur etwa ein Fünftel der 5000 Einzelhändler im Kammerbezirk könne derzeit öffnen. Beim Rest habe die Geduld nun langsam ein Ende. In den vergangenen 14 Tagen sei eine zunehmende Unzufriedenheit zu beobachten. „Viele wissen nicht, wie es weitergehen soll.“ Er befürchtet durch die Verzögerung ein quälendes Sterben auf Raten, andere wiederum seien schon „leise gestorben“.

Dass die Hilfen nicht schneller ankommen, überrascht Klaus Gräbener nicht. Die Gründe liegen für ihn auf der Hand: Es gebe zu viele und immer wieder neue Programme. „Da blickt niemand mehr durch.“ Statt auf altbewährte Strukturen und Zuständigkeiten zu setzen (z. B. über die Arbeits- oder Finanzverwaltungen), werde immer „eine neue Förderbürokratie geschaffen“, dies sich erst einspielen und etablieren müsse. Außerdem würden politisch verkündete Maßnahmen vorab nicht mit der EU-Kommission abgestimmt. Dadurch müssten im laufenden Prozess regelmäßig Parameter verändert werden, was Zeit koste. Und letztlich würden die Besonderheiten der einzelnen Branchen nicht ausreichend berücksichtigt.

Autor:

Tim Lehmann (Redakteur) aus Siegen

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