Lorén Thema in einem Buch

Charlotte Uceda Camacho hat sich mit dem viel zu frühen Tod ihrer Tochter in einem Buch beschäftigt. Foto: kalle
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kalle - „Wie in Trance realisiere ich, dass es sich bei dem unermesslichen Grauen, das Lorén widerfahren ist, nicht um einen Albtraum handelt, sondern um bittere Realität, unserer Realität, nicht auslöschbar. Das schnürt meinen Brustkorb zu, mit der Folge, dass ich nur ganz flach atmen kann, weil ein tiefer Atemzug der inneren Spannung nicht standhält. Manchmal habe ich das Gefühl, zu ersticken. Dann habe ich das Gefühl von unstillbarer Wut gegen all das Böse und die unglaubliche Ungerechtigkeit. Josè und ich, wir haben zwei Töchter, Jana und Lorén. Jana ist hier, bei uns. Loren ist im Himmel.“

Das Ehepaar Charlotte und Josè Angel Uceda Camacho sitzt in seinem Haus am Schwalbenweg in Buchen. Der Kamin im Wohnzimmer flackert. Es riecht nach Buchenholz. Die Kaminwärme strahlt in das nebenan liegende Esszimmer. Doch irgendwie ist auch noch die Kälte zu spüren, die seit dem Tag, als Tochter Lorén im Alter von 24 Jahren, auf bestialische Weise mit einem Dekorationsschwert von 40 Zentimetern Klingenlänge in ihrem kleinen Wohnbereich unterhalb der elterlichen Wohnung von ihrem damals 23-jährigen Ex-Freund getötet worden war. Für die Familie wurde an jenem schrecklichen Freitag, 10. Mai 2013, das Leben auf den Kopf gestellt. Oder anders gesagt: Es will nicht mehr richtig warm werden bei den Camachos.

Nichts ist seit dieser Zeit mehr so, wie es zuvor war. Und es vergeht kein Tag, an dem sie nicht an die getötete Tochter mit all dem Drumherum bei Polizei, Staatsanwaltschaft, Gericht, Nebenkläger, Urteil, Beerdigung usw. denken müssen. „Eigentlich war mir schon nach wenigen Tagen nach der Tat klar, dass ich dies alles schriftlich niederlegen werde“, sagt Charlotte Uceda Camacho. Die 57-jährige Diplom-Handelskorrespondentin hat sich tief in die Details des Dramas eingearbeitet. Sie spricht in ihrem Buch davon, die Ereignisse ab der schrecklichen Nacht mit großer Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit und auch einer Art von höchster Genauigkeit zu schildern. Selbstverständlich aus der Sicht einer verzweifelten und zornigen Mutter, die auch Jahre nach dem schrecklichen Verbrechen an der jüngeren Tochter keine Ruhe zu finden scheint.

Das im Kuuuk-Verlag herausgegebene Buch trägt den einfachen Titel „Lorén“ und liefert intime Einblicke in die letzten Stunden, die Lorén noch leben sollte. Die Familien hatte sich auf eine Reise nach Spanien vorbereitet. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. In einer erstaunlichen Detaitreue erinnert sich Charlotte Uceda Camacho, als ob rund um den Tattag die Zeit stehen geblieben wäre. Hinweise der Polizei, bloß nicht mit Journalisten zu sprechen, bis auf die Farbe des Nachthemds, in dem sie auf der Wache in Weidenau vernommen worden war, beschreibt sie exakt. Das ist sicher an diesem Buch das Herausragende: de haarscharfen Erinnerungen an das Geschehene, die den Leser fesseln und ihm gleichzeitig Angst machen, was Menschen erleben bzw. erleiden.

Noch heute können die Camachos kaum in das Zimmer gehen, in dem die Bluttat an ihrer Tochter geschah. „Wir haben dort an einer Wand ein Regal aufgebaut und mit Spielsachen unserer ermordeten Tochter drapiert. Doch nach Möglichkeit vermeiden wir es, den Raum zu betreten“, so die Mutter. Mit einer unglaublichen Genauigkeit hatte sie das Geschehen rund um die Bluttat fast minutiös in Buchstaben festgehalten. Dabei gibt sie dem Leser intime Einblicke in ihre Gefühlswelt. Das sind Textpassagen wie etwa das Abschied nehmen am Sarg im Beerdigungsinstitut Giesler. „Mit zögernden, langsamen Schritten nähern wir uns dem offenen Sarg. Ihr Kopf (Lorén) ist auf das Kissen gebettet. Die Decke bedeckt sie bis über den Bauch. Wir sehen, wie man ihr in der Dortmunder Forensik lieblos, respektlos, pietätlos und entwürdigend die wundervollen, dichten, langen Haare im Zickzackformat wild vom Kopf geschoren hat. Wir sehen die dicken Wülste der Naht, die sich am linken seitlichen Kopf hinauf winden. Der Anblick schmerzt. Der Umgang mit Lorén in der Autopsie ist unserem Kind und uns gegenüber skrupellos, respektlos und leichenschändend. Es ist, als habe man sie noch einmal umgebracht, nachdem sie schon tot war.“ Weiter heißt es: „Ich stelle mich auf die rechte Seite neben unsere Tochter, die jetzt im Sarg liegt. Langsam und vorsichtig beuge ich mich zu ihr hinunter und greife mit meinem linken Arm unter ihrem Nacken hindurch, hebe Lorén leicht an, drücke ihre Wange an meine. Ich erschrecke, denn jetzt merke ich, dass es ihre eisigkalte Hülle ist, die ich umarme. Dennoch möchte ich mir vorstellen, dass sie spürt, das ist die letzte Berührung, die sie erfährt, eine zärtliche, sanfte, liebende Beruhrung ist, weit entfernt jeglicher Gewalt.“

In dem Buch schildert die Mutter ihr unerträgliches Leid, die anstrengenden Tage vor Gericht – mit dessen Auffassung, dass es sich nicht um Mord gehandelt habe, sondern um Totschlag, wird die Familie nicht fertig. Noch heute sieht man sich als Opfer der Justiz. Eine Verbrüderung von Staatsanwaltschaft, Gericht und Verteidigerinnen, sie hätten sich gegen sie verschworen. Das Urteil – elf Jahre und sechs Monate Gefängnis – für den Mörder ihrer Tochter empfindet Charlotte Camacho als unerträglich – als Hohn und als ein Fehlurteil.

Doch es gibt auch Stunden der Zuversicht. So, als es am 1. Dezember 2013 morgens um 7 Uhr an der Tür klingelt und dort Weihnachtsschmuck mit einer Karte liegt. Der Text: „Das ist unser Licht für euch. Es soll euch in der Dunkelheit leuchten.“ So geht es dann jeden Tag. Die Dorfbewohner haben sich zusammengeschlossen und einen Adventskalender für die geschundene Familie kreiert. „Diese Dinge haben unsere Herzen berührt, sodass wir immer wieder weinen mussten, aber auch die Zuversicht zurückgewannen, dass es doch noch ein paar richtige Menschen gibt.“

Auf jeder der insgesamt 301 Buchseiten wird deutlich, dass die Mutter bis zum heutigen Tag keinen Frieden gefunden hat. Das Gegenteil ist der Fall. Sie denkt darüber nach, dass im kommenden Jahr der damalige Täter aus dem Gefängnis freikommen wird. Der Gedanke daran macht sie ganz schwindelig. Charlotte Uceda Camacho und ihr Mann werden in diesem Jahr Großeltern. Es sei der Familie von Herzen zu wünschen, dasss dann der Fokus wieder mehr dem Leben zugeneigt sein wird. Das Buch ist Ende des Monats im Buchhandel erhältlich.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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