Während der Pandemie nehmen Ess-Störungen deutlich zu
Magersucht: die Corona-Krankheit

Das Thema Essen beherrscht den Alltag essgestörter Menschen.
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ihm Siegen. „In diesem Jahr ist einfach manche Entwicklung erst sehr spät aufgefallen.“ Ingrid Hamel-Weber hat in der Corona-Pandemie deutlich mehr Anfragen und Anrufe zum Thema Ess-Störungen als zu normalen Zeiten. „Da nimmt eine 14-Jährige innerhalb von kurzer Zeit 10 Kilo ab – das ist schon bedenklich.“ Es kann den Übergang von schlank zu mager markieren – mit dem verhängnisvollen Effekt, dass die Gewichtskurve immer weiter nach unten geht. Bei Schule in Distanz und Eltern, die gestresst im Homeoffice sitzen, bleibt das Mädchen womöglich unterm Radar.

Ingrid Hamel-Weber und Alide Klasink-Kerperin kümmern sich professionell um Hilfe für Menschen mit Ess-Störungen. Ihr Unternehmen heißt La Vie, zu deutsch: das Leben – und genau darum geht es. Denn Ess-Störungen hindern Menschen am Leben, an Kontakten, an Genuss, an Unbeschwertheit. Es handelt sich um eine psychische Erkrankung. Die gemeinnützige La Vie GmbH in Siegen sucht Wege aus dieser Sackgasse.

Kümmern sich professionell um essgestörte Menschen: Ingrid Hamel-Weber (l.) und Alide Klasink-Kerperin, die beiden Chefinnen von La Vie.
  • Kümmern sich professionell um essgestörte Menschen: Ingrid Hamel-Weber (l.) und Alide Klasink-Kerperin, die beiden Chefinnen von La Vie.
  • Foto: privat
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Rund um die Uhr von sozialpädagogischen Fachkräften betreut

Wohngruppen mitten in Siegen, betreutes Wohnen in WG-artigen Strukturen und ambulante Angebote hält La Vie bereit. 50 Mitarbeiter, alle in Teilzeit, sind bei dem 2011 gegründeten Unternehmen beschäftigt. Der Einzugsbereich ist groß – zwischen Frankfurt und Köln gibt es sonst keine Intensivwohngruppen für essgestörte junge Menschen. La Vie hat 23 Wohnplätze. In den Intensivwohngruppen werden die Menschen rund um die Uhr von sozialpädagogischen Fachkräften betreut, externe Psychotherapeuten kommen dazu.

Im Moment wohnen nur Mädchen und junge Frauen in den La-Vie-Häusern und -Wohnungen. Das Mindestalter ist zwölf Jahre. Oft ist die Wohngruppe die erste Station nach einem Klinikaufenthalt. In der Kinder-Jugendpsychiatrie der DRK-Kinderklinik ist Magersucht (Anorexie) ein regelmäßiges Krankheitsbild. Denn wenn der Body-Mass-Index (BMI) dramatisch absinkt, kann das lebensbedrohlich werden. Zudem ist das Suizidrisiko bei Anorexie um ein Vielfaches erhöht.

Mindestens bei 16,5 muss der Body-Mass-Index liegen, um bei La Vie in eine Intensivwohngruppe einziehen zu können. Zur Veranschaulichung: den BMI 16,5 erreicht eine 1,65 m große Frau bei einem Gewicht von 45 Kilo.

Klienten zur Mitarbeit bereit sein

„Die Klientinnen müssen bereit sein zur Mitarbeit“, definieren die beiden Geschäftsführerinnen die wohl wichtigste Voraussetzung für eine Therapie. Wer eine akute Psychose hat oder suizidgefährdet ist, kann nicht einziehen.

Das Thema Essen beherrscht den Alltag von Menschen, die essgestört sind. Mit im Betreuungsteam sind Ernährungstherapeuten und Ökotrophologen. Alide Klasink-Kerperin berichtet von Kochtraining, Portionierungstrainng und Restauranttraining. „Begleitete Mahlzeiten sind ein großes Thema, ebenso wie Aktivitäten in der Gruppe, weil die Klientinnen zum sozialen Rückzug neigen.“ Ein Renner sind Krimi-Dinners – leider fielen sie wegen Corona in den vergangenen eineinhalb Jahren aus.

Zu Beginn der stationären Therapie bekommen die Mädchen Vorgaben beim Essen. „Am Anfang portionieren die Betreuer das“, sagt Alide Klasink-Kerperin. Wenn es zum Beispiel drei Esslöffel Haferflocken zum Müsli sein sollen, dann wird es schon schwierig, wenn die Mädchen das selbst abmessen sollen. Wie groß ist der Löffel? Wird er gehäuft oder gestrichen gefüllt? Wer möglichst wenig essen will, sucht jeden Ausweg.

Gemeinsame Mahlzeit wichtig

Ebenso bei der regelmäßigen Gewichtskontrolle. Solange die Krankheit die Mädchen im Griff hat, muss beim Wiegen jemand aufpassen. Denn es gibt Tricks: Vorher reichlich Wasser trinken ist simpel, aber wirkungsvoll. Beim Essen selbst ist die Grundregel: nichts zerstückeln, nichts zerhacken. „Man glaubt nicht, wie lange jemand das Essen auf dem Teller hin- und herschieben kann.“ In der Gruppe fällt das auf, deswegen sind gemeinsame Mahlzeiten so wichtig.

"Selbst wenn sie kaum noch etwas essen
– sie wollen nicht sterben."

Alide Klasink-Kerperin
Geschäftsführerin La Vie

Magersüchtige denken 90 Prozent des Tages ans Essen. Für das normale Leben bleibt da wenig Platz. Wie schafft man den Weg zurück? Ingrid Hamel-Weber: „Eines der Ziele ist, wieder Hunger und Sättigung zu spüren.“ Manche Mädchen schreiben sich ihre Probleme von der Seele. Wenn es gut läuft, werden sie wieder neugierig auf da Leben. „Selbst wenn sie kaum noch etwas essen – sie wollen nicht sterben“, sagt Alide Klasink-Kerperin.

Schuldgefühle helfen nicht weiter

La Vie hat auch Eltern, Geschwister, Mitbewohner in der WG im Blick. „Eltern haben oft Schuldgefühle, wenn ihr Kind magersüchtig wird. Aber Schuldgefühle helfen nicht weiter.“ Umgekehrt fühlt auch das Kind sich schuldig, wenn es den Eltern seinetwegen schlecht geht.

Die Geschichten der Klienten von La Vie sind vielfältig. Es gibt die junge Frau, die die Therapie abbricht, wieder in die Klinik kommt und schließlich stirbt. Und es gibt diejenigen, die es geschafft haben. „Manchmal kommen sie zu uns in die Gruppen und erzählen von sich. Das gibt Zuversicht!“

Kontrolle wiedergewinnen

Kinderklinik muss deutlich mehr junge Anorexie-Patienten aufnehmen

„Es ist definitiv mehr geworden. Wir erleben einen Anstieg um mindestens 30 Prozent“, sagt Sabine Prüser, Psychotherapeutin an der DRK-Kinderklinik in Siegen über die jungen Patienten mit Ess-Störungen. Immer mehr Kinder und Jugendliche mit der Diagnose Anorexie brauchen eine stationäre Aufnahme. „Im ambulanten Bereich ist das etwas schwierig zu sagen, aber auch hier gibt es einen Zuwachs.“ Die Krankheitsverläufe seien in den vergangenen Monaten oft sehr rasch und recht gravierend gewesen. Zwölf Betten hat die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie auf dem Wellersberg. Dazu kommen 14 Plätze in der Tagesklinik. Da immer mehr dringende Anfragen eingehen, gerät die Klinik an ihre Kapazitätsgrenzen. Ist eine stationäre Unterbringung unumgänglich, muss man mitunter auf eine andere Klinik außerhalb der Region ausweichen. Sabine Prüser hat während der Pandemie auch sehr junge Menschen mit Anorexie gesehen. „Zum Beispiel Elfjährige. Das beginnt immer früher.“ Die Psychotherapeutin sagt voraus, dass die Situation sich vorerst nicht bessern wird: „Ich glaube, da kommt noch einiges auf uns zu.“

Mehrere Faktoren für Ess-Störungen verantwortlich

Warum begünstigt die Corona-Krise den Ausbruch solch massiver Ess-Störungen? „Da spielen mehrere Faktoren eine Rolle“, antwortete Sabine Prüser. Der erste, plötzliche Lockdown habe eine große Unsicherheit bei allen Menschen hervorgerufen. „Man stellte sich existenzielle Fragen.“ Diese trafen noch nicht gefestigte Kinder und Jugendliche mit noch mehr Wucht als erfahrene Erwachsene.

Zweiter Faktor: die Isolation. Keine Schule, kein Sport, keine Freunde. Vieles, was in der sozialen Gruppe hätte besprochen und aufgefangen werden können, blieb so unbearbeitet.

Dritter Faktor: Viel Zeit zu Hause und das Fehlen der gewohnten Alltagsstruktur hat der Beschäftigung mit dem eigenen Körper, mit gesundem Essen mehr Raum gegeben. Das Wort vom „Corona-Speck“ hat womöglich manchen Jugendlichen alarmiert. Die unkontrollierbare Außenwelt und die Veränderungen des eigenen Körpers in der Pubertät, die auch unbeeinflussbar sind, lösen bei manchen Kindern und Jugendlichen den dringenden Wunsch aus, die Kontrolle wieder zu gewinnen – und sei es über das eigene Gewicht. Zeit für extensiven Sport im Alleingang war reichlich vorhanden – in Kombination mit viel zu wenig Nahrung kann das zu einer dramatisch schnellen Gewichtsabnahme führen.

Ess-Störungen Es gibt eine ganze Reihe von Ess-Störungen. Die wichtigsten: Magersucht (Anorexie): Die Patienten essen sehr wenig, der Body-Mass-Index ist niedrig (bei Normalgewicht liegt der BMI zwischen 18,5 und 25); Ess-Brech-Sucht (Bulimie): Die Patienten haben regelmäßige Essanfälle und führen dann aus Angst vor Gewichtszunahme bewusst ein Erbrechen herbei; Binge-Eating-Störung: Regelrechte Fressattacken, bei denen massenhaft gegessen wird, Nach einem Heißhungeranfall ekeln sich die Patienten häufig vor sich selbst, sind deprimiert oder haben Schuldgefühle. Binge eating ist die häufigste Ess-Störung; Orthorexie: Die Patienten sind besessen davon, sich möglichst gesund zu ernähren. An sich ist das noch keine Störung, aber die ständige Beschäftigung mit der Auswahl der „richtigen“ Lebensmittel kann dazu führen. In Deutschland haben schätzungsweise 14 von 1000 Frauen und fünf von 1000 Männern eine Ess-Störung. Gemeinsam ist allen Ausprägungen, dass sich im Alltag viele Gedanken und Gefühle ums Essen drehen.
Das Thema Essen beherrscht den Alltag essgestörter Menschen.
Kümmern sich professionell um essgestörte Menschen: Ingrid Hamel-Weber (l.) und Alide Klasink-Kerperin, die beiden Chefinnen von La Vie.
Autor:

Irene Hermann-Sobotka (Redakteurin) aus Siegen

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