Marina, eine „polnische Perle“

 Gina Calinoiu spielt Marina im gleichnamigen Dokumentarfilm der Werkgruppe2. Der Film basiert auf dem Theaterstück „Polnische Perlen“ des Theaterkollektivs, in dem Silke Merzhäuser als Dramaturgin und Produzentin mitarbeitet. Im zweifach preisgekrönten Film erzählt Marina von ihrem Alltag als osteuropäische Pflegekraft in Deutschland. Foto: Isabel Robson  Silke Merzhäuser stammt aus Mudersbach und lebt als freie Dramaturgin in Hannover. Foto: Lea Dietrich  Filmplakat zu „Marina“
  • Gina Calinoiu spielt Marina im gleichnamigen Dokumentarfilm der Werkgruppe2. Der Film basiert auf dem Theaterstück „Polnische Perlen“ des Theaterkollektivs, in dem Silke Merzhäuser als Dramaturgin und Produzentin mitarbeitet. Im zweifach preisgekrönten Film erzählt Marina von ihrem Alltag als osteuropäische Pflegekraft in Deutschland. Foto: Isabel Robson Silke Merzhäuser stammt aus Mudersbach und lebt als freie Dramaturgin in Hannover. Foto: Lea Dietrich Filmplakat zu „Marina“
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 zel - Den Fall Relotius hat sie aufmerksam verfolgt. Irgendwie hat auch der Ex-„Spiegel“-Reporter eine Art Hybrid fabriziert, changieren seine Texte zwischen Reportage und Literatur. Auch Silke Merzhäuser und ihre Werkgruppe2 produzieren Hybrid-Formen: Sie bewegen sich zwischen Journalismus und Theater – und, jetzt neu, auch Film. Für ihren Dokumentarfilm „Marina“ wurde die aus Mudersbach stammende und mit Mann und zwei Kindern in Hannover lebende Dramaturgin und Produzentin (zusammen mit Regisseurin Julia Roesler) beim Internationalen Dokumentarfilm- und Animationsfilmfestival „DOK Leipzig“ im Herbst 2018 mit der „Goldenen Taube“ ausgezeichnet. Außerdem erhielt die Werkgruppe2 den Award „Healthy Workplaces“ der EU.

Der halbstündige Film berichtet von Marina, einer osteuropäischen Pflegekraft in Deutschland. Gespielt wird sie von der am Staatsschauspiel Dresden arbeitenden Rumänin Gina Calinoiu, Marina erzählt von ihrer Arbeit, von zwiespältigen Gefühlen, von Ekel vor und Zuneigung zu den alten Menschen, die ihr zum Teil mit uralten Ressentiments begegnen – und Marina arbeitet weiter, wie eine moderne Sklavin, still, ungesehen und voller Sehnsucht nach ihrer Tochter, der sie ein besseres Leben ermöglichen möchte.

Der Film hatte in Leipzig Premiere, wurde mehrfach gezeigt – und vom Publikum kontrovers diskutiert, erinnert sich Silke Merzhäuser. So hätten Zuschauer nach der Vorführung hinterfragt, ob es sich bei „Marina“ tatsächlich um einen Dokumentarfilm handele. Immerhin wird die Protagonistin von einer Schauspielerin dargestellt. Merzhäuser fragt: Warum ist das wichtig? Sie interessiert sich für die unterschiedlichsten Formen des Erzählens. „Unser großer Anspruch ist, ,Wahrheit‘ darzustellen, da gibt es verschiedene Wege.“ Fiktion ist „Marina“ auch nicht – eher eine neue Form des Dokumentarfilms, die mit den Vorstellungen von der „klassischen“ Doku bricht.

Er basiert auf einem dokumentarischen Theaterstück mit dem Titel „Polnische Perlen“. Denn das Theater ist die Kunstform, in der Silke Merzhäuser eigentlich zuhause ist. „Polnische Perlen“ hat die Werkgruppe2 2014 als Koproduktion mit dem Staatstheater Braunschweig ebenda auf die Bühne gebracht. Es ist typisch für die Arbeitsweise des freien Theaterensembles, das sich 2006 in Göttingen zusammengefunden hat (neben Dramaturgin/Produzentin Silke Merzhäuser und Regisseurin Julia Roesler gehört die Musikerin Insa Rudolph fest dazu).

Die Theatergruppe gibt „gesellschaftlichen Gruppen, die wenig gehört werden“, eine Stimme. Am Anfang steht eine journalistische Recherche, stehen Interviews mit Menschen, die ihr Leben erzählen, seien es Aussiedler, Bootsflüchtlinge, Migranten, „Gypsies“, Zirkusleute, Prostituierte … – je nach Thema, für das sich die Werkgruppe2 aktuell interessiert. Aus all diesen aufgezeichneten Gesprächen extrahiert und entwickelt das Theaterkollektiv einen großen „monoperspektivischen“ Text und inszeniert ihn als „Reportage auf der Bühne“. In „Polnische Perlen“ spielen mehrere Schauspieler und Schauspielerinnen mit, sie sprechen die verdichteten Original-Texte und versuchen sich sogar am Akzent. Musik macht, dass einen die Inszenierung, zusätzlich zum Text, emotional angreift.

„Potenzielle Kunden könnten im Publikum sitzen“, das findet Silke Merzhäuser spannend, also vielleicht Kinder, die für ihre alten Eltern eine osteuropäische Pflegekraft besorgen wollen oder müssen. „Die Konfliktlinie läuft entlang der Bühnenkante“, sagt Merzhäuser, am Ende wird keine Lösung angeboten, sondern ein Publikumsgespräch. Finanziert werden die Inszenierungen durch öffentliche Mittel, sei es vom Land oder vom Bund, von der EU, oft entstehen sie als Koproduktionen mit Stadt- oder Staatstheatern.

An solchen hat Silke Merzhäuser, die 1972 in Siegen geboren wurde und am Gymnasium in Betzdorf 1992 Abitur gemacht hat, ihr Handwerk erlernt. Wobei es nach dem Studium der Politischen Wissenschaft, Sozialpsychologie und Literaturwissenschaft in Hannover 1998 und einigen Praktika und Hospitanzen im Theater noch gar nicht so klar gewesen ist, wohin der berufliche Weg führen soll: „Ich habe mich bei Zeitungen und bei Theatern beworben“, erzählt Merzhäuser – „das Theater hat schneller reagiert“. So hat sie nach einer Dramaturgie-Assistenz in Hannover auch dramaturgisch in Basel, Luzern und Göttingen gearbeitet, überlegte mit der Intendanz den Spielplan, erarbeitete die Bühnenfassung, schrieb Texte fürs Programmheft und die Presse, gab Einführungen fürs Publikum, war als „erste Zuschauerin“ intensiv an den Proben mit den Schauspielern und dem Regisseur beteiligt. Nachdem 2006 das erste Kind und 2009 das zweite gekommen war, tauschte sie die ziemlich familienunfreundlichen Arbeitszeiten am Theater gegen ein Dasein als freie Dramaturgin für die Werkgruppe2 ein und fühlt sich sehr wohl damit.

Drei Jahre nach der Premiere von „Polnische Perlen“ ist nun der Film „Marina“ entstanden, musste „dringend“ entstehen. Dafür wurde das Interview-Material noch einmal angeschaut, wurde noch eine neue Textfassung daraus. Die Werkgruppe2 leistete sich ein professionelles Team für Kamera und Ton und drehte in einem Haus einer alten Dame in Göttingen, das Marinas „Gefängnis“ wurde. Weil Silke Merzhäuser sich für unterschiedliche Erzählweisen interessiert, ist der hybride Dokumentarfilm nur ein weiterer „Kanal“, über den sie Inhalte ausspielt. „Das Thema nimmt den Umweg über die Kunst“, erklärt sie. „Marina“ berührt ästhetisch und inhaltlich, und so verwundert es nicht, dass das Goethe-Institut sich jetzt für den Film interessiert. Überhaupt gebe es viele Anfragen auch von Fachgremien (Stichwort „Healthy Workplaces“, also gesunde Arbeitsplätze). Gesucht wird derzeit ein Ort für die Europa-Premiere, und Produktionsfirmen hätten schon angefragt, was die Werkgruppe2 als nächstes vorhabe …

Das Thema für die nächste Arbeit steht – wie die zustande kommt, ist allerdings noch offen. Öffentlich wird nämlich gerade diskutiert, ob es eine gute Idee sei, zusammen mit dem Theater Oldenburg sich des Falls des Klinikmörders Niels Högel anzunehmen, zu recherchieren und auf die Bühne zu bringen, was der Fall des „Jahrhundertmörders“, so der „Spiegel“, mit der Stadt macht. Ganz sicher ist auch für dieses Theaterprojekt: Es bleibt bei der Arbeitsweise aus Recherche und künstlerischer Inszenierung. „Wir werden Zeugen, und was wir gehört haben, geben wir nach bestem Wissen und Gewissen wieder“, erklärt Silke Merzhäuser. Ihres ist echtes Reportagen-Theater – im besseren, das heißt nicht im Relotiusschen Sinn.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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