„Mich schreckt das Sterben nicht“

Differenziert dargestellt: die Antigone in Böschs Inszenierung. Foto: Arno Declair

ne Siegen. Das an zwei Abenden im Apollo gezeigte Stück „Antigone“ hat es in sich: Wer vermutet, dass das antike, knapp 2500 Jahre alte Stück über Macht, Religion, Eigensinn und Bruderliebe, das unzählige Generationen von Gymnasiasten mithilfe schmaler gelber Textheftchen in Deutscharbeiten bewältigen mussten, niemanden mehr überraschen kann, hat die fulminante Inszenierung des jungen Theaterensembles des Schauspiels Essen nicht gesehen. Es kann Spaß machen.

Regiestar David Bösch, Jahrgang 1978 und seit fünf Jahren Hausregisseur am Schauspiel Essen, fokussiert oder reduziert – je nachdem, wie man zu der Inszenierung steht – den tragischen Stoff konsequent auf den Blick in eine Familiengeschichte, baut die Geschichte um das mythische Theben dicht um die Protagonisten herum, individualisiert die Prototypen. Kreon ist nicht nur böse und verbohrt, Antigone nicht mehr fromm und gut, das zu glatte Schwarz-Weiß-Zeichnen, das dem Sophokles-Stück immer mal wieder vorgeworfen wurde, verwischt Bösch mit interessanten Schraffuren, mit Übergängen. Und damit gelingt ihm eine plastischere, differenziertere Schau auf das Schicksal der Königskinder und deren Onkel.

Thebens Lage ist chaotisch: Nachdem König Ödipus den Zorn der Götter auf sich gezogen hat, da er unwissentlich seinen Vater erschlagen, seine Mutter geheiratet und mit ihr vier Kinder gezeugt hat, wird die Stadt von der Pest heimgesucht, die Ödipus nur abwenden kann, als er seinen Frevel einsieht – und sich kastriert. Seine Frau und Mutter erhängt sich daraufhin aus Schande, die beiden Söhne Eteokles und Polyneikes teilen daraufhin die Herrschaft über den Stadtstaat auf, geraten ob ihrer Machtgier in Streit und stellen insgesamt acht Heere auf, sich und das Land mit Krieg zu überziehen. Dabei fallen beide von jeweils des anderen Hand.

Onkel Kreon will als neuer König wieder Ordnung schaffen, gibt Befehl, den Leichnam eines der Brüder unbestattet zu lassen zur Abschreckung, und verspricht jedem den Tod, der dieses „Gesetz“ ignoriert. Und das wird Antigone, die wildere, trotzigere der beiden Schwestern der toten Ödipussöhne sein.

Das ist die Handlungsskizze, die natürlich immens viel Platz gibt, inhaltliche Schwerpunkte zu setzen. Bösch entpolitisiert das Stück, und seine Modernisierung mittels Che Guevara, Guido Knopp, Baader-Meinhof-Komplex und Grunge-Pop modernisiert die Oberfläche und macht das Stück zwar einem ganz jungen Publikum auch mittels Videoclipästhetik in MTV-kompatiblem Schnitt konsumierbar, vergibt aber die Chance eines inhaltlich kritischen Diskurses, den das sehr konservative Stück gut vertragen hätte. Das Schauspielensemble leistet hingegen Beachtliches: Sarah Victoria Frick zeigt die Antigone als trotzige, selbstbewusste, junge Königstochter, deren Bruderliebe sehr tief geht, bis zur eigenen Vernichtung, oszillierend zwischen Narzissmus und Protest-Attitüde. Ismene, die eigentlich ungewollt Involvierte, die bloß Reagierende, wird schön zaghaft von Barbara Hirt verkörpert, als charakterlicher Kontrapunkt zur lauten Schwester, die ihre Einsicht „Mich schreckt das Sterben nicht“ mehr als Drohung in einem Rocksong hinausschreit.Nicola Mastroberardino und Lukas Graser, die die beiden Brüder Eteokles und Polyneikes spielen, sterben zwar zu Beginn des Stückes, sind aber als Erinnerung, als Gesprächsfolie, als Gewissen, als Seher Teiresias und als reduzierter Chor ständig präsent – und machen ihre Sache gut. Sie zeigen die Königssöhne jung und verspielt, namentlich ihre aufmüpfigere Schwester zärtlich liebend – manchmal aber auch ein bisschen albern herum- flachsend, so dass es schwerfällt, in ihnen auch die Kriegstreiber, Armeeführer und kurzfristigen Herrscher über Theben wahrzunehmen.Martin Fischer als Haimon hat seinen Hauptauftritt in einem wirklich brillant geführten Dialog mit seinem Vater Kreon, eindrücklich verzweifelnd an seiner aufrichtigen Vaterliebe, die aber genau die Fehltritte des Vaters erkennt, analysiert und bilanziert. Ein Höhepunkt in der Inszenierung. Ganz besonders herauszustellen bleibt die vielschichtige, glaubwürdige Darstellung Holger Kunkels als Kreon, der letztlich spannendsten Figur, der einzigen, die sich entwickelt.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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