Minimal ... tonal

ars Weidenau. Im Musiksaal der Universität Siegen fand jetzt das Abschlusskonzert des Sommersemesters unter dem Motto „minimal ... tonal“ statt. Studierende, allesamt angehende Musiklehrer, spielten Werke amerikanischer Komponisten sowie eigene Werke, die im Anschluss an ein Seminar zur Minimal Music erarbeitet wurden. Professor Martin Herchenröder führte in jedes Werk ein, auf der Bühne mussten vor jedem Stück die Instrumente und technischen Geräte neu aufgebaut und formiert werden. Dieser logistische Aufwand und die Wiedergabe von elf Werken gelangen reibungslos und ziemlich professionell, der voll besetzte Saal erlebte Denkwürdiges, bei aller Unvertrautheit der Klänge eben auch minimal Tonales, wie sich das Motto des Abends auch lesen lässt.

Das Konzert in der für das Siegerland so wichtigen und verdienstvollen Konzertreihe des Studios für Neue Musik gliederte sich in drei Blöcke: zwei wichtige Werke des amerikanischen Minimalisten Steve Reich, fünf Werke von Studenten in Auseinandersetzung mit Steve Reich und der Minimal Music, drei Werke des in Mannheim geborenen Amerikaners Samuel Adler, auf die am ehesten das Motto des Abends zutraf und, eigentlich schon ein vierter Punkt ganz für sich selbst, die beeindruckende „Vox Balaenae“ (Die Stimme des Walfisches) von George Crumb aus dem Jahr 1971.

George Crumb, der auch bei Boris Blacher in Berlin studierte, führt ganz bewusst disparate Klangereignisse in seinen Kompositionen zusammen. „Die Stimme des Walfisches“ ist von Buckelwal-Gesängen inspiriert, aber die zeitliche Schichtung des Werkes vom Archäozoikum bis in die Zukunft entspringt naturmystischen Vorstellungen von Anfang, Zeit, Natur und Tod, die Crumb in vielen Werken umkreist. Die Bühne wurde in meerblaues Licht getaucht, der Saal abgedunkelt. Die Nähe zum Ritus ist vom Komponisten gewollt. Ein Trio mit Flöte, Cello und Klavier erzeugte Stimmung, Spannung und Fließen, Bildungsschnipsel wie ein Zitat aus „Also sprach Zarathustra“ gaben Anhaltspunkte. Ein ganz starker Abschluss eines etwas zu langen Konzertes, das ganz anders begann.

Steve Reichs berühmtes „Drumming“ dauerte fast eine halbe Stunde, aber die Freunde aufrüttelnder und vertrackter Rhythmen kamen hier ganz auf ihre Kosten. Vier schwarz gekleidete Studenten spielten kleinste Variationen und Abweichungen perfekt und geradezu athletisch, der Applaus wollte nicht enden. Reichs „Clapping Music“ ließ die vier Akteure nach Notenblatt rhythmisch ausgefeilt in die Hände klatschen. Zwischen diesen beiden mit variierten Mustern arbeitenden Kompositionen erklangen vier studentische Werke in verwandtem Geist von den Brüdern Ferdinand und Florian Schuch, von Christian Seiffarth und von Lennart Michaelis, die alle auch eine individuelle Handschrift aufwiesen und keinesfalls einfache Paraphrasen darstellten. Ein Gaststudent aus Mexico City, Daniel Ochoa Valdez, hatte seine Komposition „Ursuppe“ auf verschiedenen Instrumenten selbst eingespielt, elektronisch aufgenommen und als Videofassung zur Verfügung gestellt, die dann multimedial aufgeführt wurde.

Samuel Adler, der an der Uni Siegen Gastvorlesungen hielt (die SZ berichtete9, war mit drei minimal tonalen, aber auch stärker tonalen, schönen und ansprechenden Werken vertreten, die eine ganz andere Seite der amerikanischen Musik, eine Europa-nahe, aufzeigten. Ausgehend von den Antipoden Hindemith und Schönberg, die aber in Adler eher zum Ausgleich fanden, entfaltet sich eine sehr humane und entspannte, aber immer künstlerisch-kunstvolle Musik der intimen Töne mit einer unaufdringlichen Verbindlichkeit, die anrührte und das Konzert noch reicher und gehaltvoller werden ließ. Die vielen als Instrumentalisten beteiligten Studenten hinterließen alle einen denkbar guten Eindruck, und die Zuhörer feierten die Musik, die Spieler, den Abend und ein wenig auch die Stimmung des Abschlusskonzertes.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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