"Für Mädchen in Not"
Missbrauch meist in der Familie

Wenn die Worte versiegen...: Auch "spielerisch" findet die therapeutische Aufarbeitung der sexuellen Gewalt statt.
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nja Kreuztal/Siegen.  91 Mädchen und junge Frauen sowie sieben Jungen fanden  im Jahr 2019 Hilfe beim Team der Kreuztaler Beratungsstelle „Für Mädchen in Not“; ein Fall blieb zudem anonym. Die beiden Expertinnen stehen Opfern von sexuellen Übergriffen zur Seite, bieten aber auch deren Bezugspersonen Unterstützung an. Im Vordergrund steht sozialpsychologische und -pädagogische Hilfe – die Beratungsstelle an der Moltkestraße ist ein geschützter Raum, in dem engmaschige Hilfe angeboten wird. Das Wohl der Opfer steht absolut im Vordergrund. Ziel ist es, ihnen Möglichkeiten zu bieten, den Missbrauch zu stoppen. Oft sind die Erlebnisse so belastend und prägend, dass der Weg in ein zufriedenes, glückliches Leben auch dann noch steinig und lang ist.

Neu: sexualisierte ritualisierte Gewalt

Überwiegend – 68 Mal – ging es 2019 um Erfahrungen von sexuellem Missbrauch – das sind zehn Fälle mehr als im Vorjahr. 69 Beschuldigte wurden benannt. Die Fallzahlen sind vergleichsweise konstant – neu allerdings waren zwei Fälle von ritualisierter Gewalt, offensichtlich in religiösem Zusammenhang. Um die Opfer zu schützen, bleiben die Ausführungen auch zu diesen schlimmen Taten vage. Die rituellen Handlungen haben eine sexuelle Komponente, von einer „Zeremonie“ ist die Rede, in der die Kinder die Opferrolle übernehmen mussten. Und: Es seien aktuelle Fälle aus dem Kreis Siegen-Wittgenstein gewesen.

76 Betroffene aus Siegen-Wittgenstein, zehn aus Olpe

Insgesamt zwölfmal wurde der Vater der sexualisierten Gewalt beschuldigt, siebenmal die „Vaterersatzpersonen“, dreimal der Opa, je einmal der Stiefbruder, Cousin und die Tante: hauptsächlich also Verwandte. Angestiegen ist die Zahl der Fremdtäter – von zwei auf zehn. Sieben Jungen wurden als übergriffig beschuldigt. Dies geht aber wohl auch einher mit einer steigenden Sensibilisierung in den Kitas, sagt Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin Melissa Thor. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Katharina Heinrich (ebenfalls Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin) und Michael Groß, Geschäftsführer des Trägervereins Vaks (siehe Infokasten), berichtete sie gestern über die Arbeit und Erfahrungen im Vorjahr.
Nach wie vor die größte Altersgruppe der Hilfesuchenden stellen die 15- bis 18-Jährigen. „Das heißt aber nicht, dass diese Gruppe am stärksten von Missbrauch betroffen ist. Viele finden erst Jahre nach den Übergriffen den Mut, Kontakt und Hilfe zu suchen“, so Melissa Thor. Nach körperlicher und psychischer Gewalt wandten sich 36 Personen an die Beratungsstelle. Die meisten Fälle trugen sich in Siegen (28) und Kreuztal (19) zu.76 Betroffene stammen aus dem Kreis Siegen-Wittgenstein, zehn aus dem Kreis Olpe.

Corona-Lockdown machte sich bemerkbar

Mädchen und junge Frauen sind also meist das Opfer – Frauen sind es zudem, die sich am häufigsten an die Beratungsstelle wenden. 24 Mal suchten Institutionen wie Jugendhilfe, andere Beratungsstellen und Polizei den Kontakt zu Vaks, 16 Mal waren es Schulen, viermal Kitas, 22 Mal die Mütter der Opfer – und nur dreimal Väter. 17 Betroffene meldeten sich selbst: Ein Schritt, der oft schwer fällt. Um ihn zu erleichtern, setzt das Team der Beratungsstelle auch auf Aufklärung – z. B. in Schulen und Kitas. Mit drei Schulen bestehen Kooperationsverträge – dort wird regelmäßig eine Kinder- und Mädchenberatung angeboten: in der Kindelsbergschule Ferndorf, der Hauptschule Eichen und der Grundschule Kredenbach. Andere Schulen laden die Sozialarbeiterinnen aber regelmäßig ein. Vaks hat nun auch ehrenamtliche Kräfte eingestellt – Männer, die den Jungs den Einstieg in Thema und Gespräche sicherlich erleichtern werden.

Aufklärungsarbeit baut auch Schwellen ab

„Etwa ein Viertel der Klienten kommt nach Gesprächen in den Schulen zu uns“, berichten Thor und Heinrich. Und so überrascht es nicht, dass sich der Corona-Lockdown auch in der Beratungsstelle bemerkbar gemacht hat: Die Präventionsarbeit dort fiel aus, und „es kamen weniger Fälle bei uns an. Wir wussten aber: Die Kinder sitzen jetzt zu Hause fest.“ Zum Beispiel, weil sie Schule oder Freunde nicht als „Alibi“ für den Besuch an der Moltkestraße nutzen konnten. Als der Schulbetrieb wieder anlief, nahm auch der Beratungsbedarf wieder zu: „Für die Zeit nach den Sommerferien gehen wir von einem Anstieg aus. Wir bereiten uns vor.“ Viele Schulen hätten auch schon Präventionseinheiten gebucht. Wenn gewünscht, stehen die Beraterinnen auch – ergänzend – per Whatsapp in Kontakt mit den Hilfesuchenden: Ein neues, teenagerfreundliches und niederschwelliges Angebot.
Von 100 Fällen kommen drei bis vier zur Anzeige – „und auch diese landen nicht alle vor Gericht“, weiß das Team von „Für Mädchen in Not“. Nur angezeigte Fälle aber gingen in die Statistik ein. Der Schritt in die Öffentlichkeit, Glaubwürdigkeitsgutachten ...: „Oft braucht es viele Jahre der Unterstützung, bis Opfer stabil genug für eine Anzeige sind.“ Das jüngste derzeit betreute Opfer sei gerade einmal zweieinhalb Jahre alt.

Wenn die Worte versiegen...: Auch "spielerisch" findet die therapeutische Aufarbeitung der sexuellen Gewalt statt.
Michael Groß (Vaks), Melissa Thor  und Katharina Heinrich  informierten über die aktuellen Entwicklungen.
Autor:

Anja Bieler-Barth (Redakteurin) aus Siegen

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