Mit Angstschweiß

ne Siegen. Beim Schlussapplaus traute sich zuerst niemand – schlichtweg zu ergriffen war das ausverkaufte Haus nach der Vorstellung von „Törleß“. Doch fiel der Dank an das so intensiv spielende Ensemble und die gelungene Inszenierung danach umso frenetischer aus. Das so begeisterte Siegener Publikum hat am Mittwoch (und sicher gestern auch) mit Thomas Birkmeirs Bühnenfassung von Robert Musils 1906 erschienenen psychologischen Adoleszensroman „Die Verwirrung des Zöglings Törless“ ein packendes Zeitstück gesehen, dem das über 100-jährige literarische Grundmotiv nicht die Brisanz genommen hat. Vielmehr hat die ästhetische und gleichzeitig unmittelbare Regie des 1976 geborenen Kristo Sagors bewiesen, wie aktuell Musil wieder geworden ist, der in seinem Roman die von vielen intellektuellen Zweifeln und emotionalen Uneindeutigkeiten verunsicherte Ich-Findung eines jungen Internatsschülers beschreibt.

Der junge Törleß schließt sich den schon gefestigter erscheinenden Klassenkameraden Reiting und Beineberg an, die den schüchternen Schüler Basini wegen eines von ihm begangenen Diebstahls erpressen, bedrohen und schließlich misshandeln. Nun handelt das Stück ebenso wie der Roman nicht in erster Linie von der destruktiven Macht gruppendynamischer Prozesse oder den inhumanen regressiven Strukturen elitärer Bildungseinrichtungen, sondern vielmehr von der verletzlichen und verletzenden Konstruktion eines moralisch akzeptablen Gleichgewichtes zwischen persönlicher Identität und gesellschaftlichem Mandat.

Beineberg – schön versponnen-verquast agierend gespielt von Sven Fricke – propagiert als Antwort auf die Fragen der Ich-Findung einen mittlerweile popkulturellen Mix aus indischer Mystik und vulgärer „Übermenschen-Theorie“ à la „Nietzsche-nicht-verstanden“, der schöne, aber einfach gestrickte Reiting – effektvoll markig, deutschblond und laut gegeben von Martin Wolf – sieht seinen Sinn in militärischer, fast militanter Disziplin und fester hierarchischer Struktur, und der Außenseiter wider Willen Basini – mit ambivalenter erotischer Spannung verkörpert vom 1980 in Sao Paulo geborenen Renato Schuch – im Opportunismus, der die Grenzen des Masochismus durchaus überschreitet. Schuch spielt den Basini einfühlsam und mit dessen ganzer Widersprüchlichkeit aus Opfer und Objekt sexueller Gewalt und Demütigung einerseits und Subjekt des intensiven Nachdenkens und Fragens Törleß’ und Katalysator der Beziehungen zwischen den vier Darstellern andererseits. Konradin Kunze zeigt den verwirrten Jungen intensiv zurückgenommen, als Paradox eines zärtlichen Gewalttäters, eines verführten Mächtigen.

Die Regie lotet die ganze Bandbreite einer straffen, abwechslungsreichen Inszenierung aus, beispielsweise gleich zu Beginn mit einer glänzenden Idee: Das Ritual der Morgentoilette wird zum synchron agierenden Ballett wie von unsichtbaren Marionettenfäden gelenkt, das Ausziehen und am Ende wieder Anziehen – ungerührt von allem, was seither geschehen – bildet eine wunderschön metaphorische Klammer, und wenn die vier Jungs dann abschließend cool und a cappella einen Song von Radiohead intonieren, wissen wir wieder, dass eigentlich doch gar nichts geschehen ist, keine Aufregung, kein Alarm nötig. Schüler schlugen sich im Waschraum (Musils Ort heimlicher Handlungen, der Dachboden, wurde quasi tiefergelegt, das unglaublich ästhetische Bühnenbild verdankt sich Barbara Kaesbohrer), Diebstahl, sexuelle Nötigung, Verrat, Mordandrohung und Waffengebrauch sind geschehen –man möchte sagen: nichts Neues. Umso beklemmender das kurz vor dem Verlöschen der Bühnenlichter flehend geflüsterte „Bitte ...“ von Basini ans Publikum – die im Raum bleibende Aufforderung zum Hinschaun, zur Anteilnahme, zur Hilfe.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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